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Aus: Ausgabe vom 17.08.2021, Seite 8 / Inland
Geschäft mit dem Forst

»Die biologische Vielfalt der Wälder hat sehr gelitten«

Umweltverband fordert Abkehr von rein profitorientierter Forstwirtschaft. Ein Gespräch mit Nicola Uhde
Interview: Gitta Düperthal
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Verbleibt ausreichend Totholz auf dem Boden, speichert es Feuchtigkeit, die im Wald verbleibt

Auf den offiziellen »Waldgipfel« der Bundesregierung im Juni folgte diesen Monat ein alternativ organisiertes Pendant. Wie schätzen Sie die Ergebnisse des »Nationalen Waldgipfels« ein, der am 5. und 6. August stattfand und deren Umsetzbarkeit?

Es ist gut, wenn die Herausforderungen der heutigen Zeit auch aus einer anderen Perspektive beleuchtet werden; nicht nur aus der vom Waldgipfel der Bundesforstministerin Julia Klöckner, CDU, – wobei es hauptsächlich um die wirtschaftliche Perspektive ging. Besonders ist etwa die Sichtweise von Professor Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hervorzuheben: In Anbetracht der Klimakrise, durch Dürre und Stürme gestresster Wälder plädiert er so wie auch wir dafür, drastische Eingriffe beim Durchforsten und der Holzernte zu unterlassen. Ausreichend Totholz ist im Wald zu belassen, weil es wie ein Schwamm die Feuchtigkeit aufsaugt und im Wald hält. Ziel ist, dass mehr Wasser im Wald verbleibt, damit er sich selbst stabilisieren kann sowie auch die Grundwasserneubildung. Die Expertinnen und Experten des alternativen Gipfels haben sich zumeist für einen schonenderen Umgang mit den Wäldern und eine natürliche Wiederbewaldung auf ehemals von Waldbrand und Sturm heimgesuchten Flächen ausgesprochen.

Inwiefern müsste aus Ihrer Sicht die Gesetzgebung vor dem Hintergrund angepasst werden?

Momentan ist im Bundeswaldgesetz nur die ordnungsgemäße Forstwirtschaft vorgegeben. Das ist zuwenig. Dort müssen ökologische Mindeststandards eingeführt werden. So müssen beispielsweise mehr Biotopbäume belassen, der Waldboden muss geschont und nicht mit zu schwerem Gerät befahren werden. Die Bäume sollen insgesamt älter werden dürfen, darum muss zunächst weniger Holz geerntet werden.

Von Natur aus bestünden die deutschen Wälder fast nur aus Laubmischwäldern; reine Nadelwälder aus Kiefer, Fichte und Tanne gäbe es nur auf etwa drei Prozent der Fläche. Derzeit jedoch dominieren mit rund 55 Prozent Nadelbäume die Wälder. Sie sind besonders krisenanfällig und risikobehaftet. Die biologische Vielfalt unserer Wälder hat unter dem großflächigen Nadelholzanbau sehr gelitten.

Laut Bundeswaldbericht 2021 befinden sich von den 11,4 Millionen Hektar Wald in der BRD 48 Prozent im Privatbesitz. Wären diese Flächen in öffentlicher Hand besser aufgehoben?

Das ist sehr unterschiedlich. Gerade viele kleine Waldbesitzende erfreuen sich an der Naturbelassenheit. Für sie lohnt sich eine ökonomische Nutzung oftmals nicht. Andere setzen auf die Holzwirtschaft. Das Bundeswaldgesetz muss über ökologische Mindeststandards auch für private Waldbesitzende einen schonenden Umgang mit ihren Wäldern sicherstellen. Diejenigen, die ihre Wälder über diese Standards hinaus besonders ökologisch verträglich bewirtschaften, sollen finanziell unterstützt werden, weil das der Gesellschaft und der Gesundheit aller zugutekommt. Die Subventionierung einer Forstwirtschaft, bei der allein der Holzertrag im Fokus steht, darf es hingegen nicht geben.

Auch Staats- oder Kommunalwälder werden nicht immer schonend bewirtschaftet. Es ist eine politische Entscheidung, ob der Wald viel Holz und Geld einbringen soll – oder ob er in erster Linie seinen Gemeinwohlaufgaben gerecht werden soll wie der Bereitstellung von Trinkwasser, frischer Luft, Kühlung, Erholung oder dem Erosionsschutz und dem Schutz der biologischen Vielfalt und des Klimas. Wir fordern, dass letzteres im öffentlichen Wald alle Entscheidungen leiten soll.

Wird in der Klimakrise aus Ihrer Sicht das Thema Waldsterben für die Bundestagswahl relevant sein?

Ich glaube nicht, dass das allein die Wahl stark beeinflussen wird, sicherlich aber die weltweite Klimakrise. Es gibt viele andere Themen, die die Menschen bewegen, wie Beschäftigung, Corona, etc. Auf unserer Zukunftsagenda steht der sozialökologische Wandel ganz oben: Die Art, wie wir wirtschaften und leben, muss sich grundlegend ändern.

Nicola Uhde ist Referentin für Waldpolitik beim Bundesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.

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