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Aus: Ausgabe vom 06.08.2021, Seite 2 / Ausland
EU-Abschottung

»Es bleibt die tödlichste Fluchtroute«

Seenotrettung im Mittelmeer: Schiff »Ocean Viking« mit mehr als 500 Menschen an Bord auf sich allein gestellt. Ein Gespräch mit Petra Krischok
Interview: Kristian Stemmler
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Eine Helferin des »Ocean Viking«-Teams mit einem geretteten Kleinkind (1.8.2021)

Ihr Rettungsschiff »Ocean Viking« hat mehr als 500 Kinder, Frauen und Männer an Bord, die seit dem Sonnabend in sechs Einsätzen auf dem Mittelmeer aus Seenot gerettet wurden. Die Situation auf dem Schiff wurde als »untragbar« bezeichnet. Wie ist die Lage konkret?

Seit vier Tagen sind 553 von SOS Méditerranée gerettete Menschen auf der »Ocean Viking«, nachdem sie zuvor bis zu drei Tage lang in Todesangst in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer ausgeharrt haben. Die erschöpften Männer, Frauen und Kinder leiden unter der Hitze, der Enge an Deck und der Ungewissheit, was mit ihnen passiert. Der psychische Druck wächst. Außerdem haben viele körperliche und seelische Beschwerden, vor allem als Folge der unmenschlichen Bedingungen in den Internierungslagern in Libyen.

Eine schwangere Frau musste von Bord gebracht werden. Wo ist sie jetzt?

Zum Glück wurde die Bitte einer medizinischen Notevakuierung an die italienischen Behörden schnell erfüllt. Die Schwangere und ihr Ehemann wurden von einem Boot der italienischen Küstenwache abgeholt und nach Lampedusa gebracht.

Aus welchen Ländern kommen die geretteten Menschen, wie viele Kinder und Jugendliche sind darunter?

Die Mehrheit der geretteten Menschen kommt nach eigenen Angaben aus Bangladesch, Mali, Ägypten, es sind aber auch viele aus Nigeria, Marokko, Syrien, Libyen und Äthiopien darunter. Insgesamt haben wir Gerettete 22 verschiedener Nationalitäten an Bord. 119 sind minderjährig, 94 von ihnen unbegleitet. Wir haben 14 Kinder unter zwölf Jahren, das jüngste ist drei Monate alt.

Wie liefen die Rettungseinsätze seit Sonnabend ab?

Wir hatten am vergangenen Wochenende sechs Einsätze in weniger als 36 Stunden, bei der die Crew von SOS Méditerranée 555 Menschen aus Seenot gerettet hat. Alle Rettungen fanden in internationalen Gewässern statt, vier in der libyschen, eine in der tunesischen und eine in der maltesischen Such- und Rettungszone. Neben fünf kleineren Booten gab es ein riesiges Holzboot mit rund 400 Menschen auf zwei Etagen. Wir hatten bei den sechs Rettungen keinerlei staatliche Unterstützung oder Koordination und waren bei der Suche und Rettung wieder einmal auf uns allein gestellt.

Besonders dramatisch war offenbar in der Nacht zum Sonntag die Bergung der Flüchtlinge auf dem großen Boot, die gemeinsam mit der »Sea-Watch 3« und dem Segelschiff »Nadir« der Organisation Resqship durchgeführt wurde. Wie lief der Einsatz?

Als unsere Rettungscrew Samstag nacht bei dem großen Holzboot ankam, war die Lage bereits äußerst kritisch. Menschen befanden sich im Wasser. Die beiden Schiffe »Sea-Watch 3« und »Nadir« waren vor Ort und stabilisierten die Lage. Mit Hilfe einer Pumpe konnten wir Wasser aus dem Boot ablassen und verhindern, dass es sinkt. Die Rettung dauerte fast die ganze Nacht, die Menschen wurden von der »Ocean Viking« und der »Sea-Watch 3« aufgenommen.

Sie haben bei den Anrainerstaaten schon angefragt, um die Geretteten von Bord zu bringen. Wie ist der Stand?

Malta hat abgesagt, Tunesien und Libyen haben, wie üblich, nicht reagiert. Wir haben die Anfragen täglich wiederholt. Nun hoffen wir, dass wir sehr bald einen sicheren Ort für die Geretteten zugewiesen bekommen, wie es das Seevölkerrecht vorschreibt. Diese erneute Hängepartie für die Menschen an Bord zeigt, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Seit dem Sommer 2018 folgt auf jede Rettung ein tagelanges Warten, was seerechtlich und humanitär völlig inakzeptabel ist. Wir brauchen dringend einen verlässlichen und solidarischen Verteilmechanismus für Gerettete in der EU. Italien kann als Mittelmeeranrainer nicht weiter mit der Verantwortung allein gelassen werden.

Seit Jahresbeginn sind nach offiziellen Zahlen bereits mehr als 1.100 Migranten bei den Überfahrten ertrunken, fast schon so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die Dunkelziffer ist höher. Hat die Zahl der Fluchtversuche über das Mittelmeer zugenommen?

Im vergangenen Jahr sind wegen der SARS-2-Pandemie viele Menschen auf der Flucht gestrandet, Fluchtwege waren abgeschnitten. Jetzt im Sommer, bei besserem Wetter, wagen erfahrungsgemäß mehr Menschen die gefährliche Flucht über das Meer. Das zentrale Mittelmeer bleibt die tödlichste Fluchtroute der Welt. Hier muss die EU endlich selbst aktiv werden und das Sterben verhindern.

Petra Krischok ist Sprecherin der Hilfsorganisation SOS Méditerranée Deutschland

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