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Aus: Ausgabe vom 03.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Musik

Goaßmaß im fränkischen Metalkeller

Die physische Bewältigung der Wagner-Festspiele im zweiten Pandemiejahr
Von Maximilian Schäffer
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Man schaut von oben nach unten, so wie es immer sein wird: Markus Söder in Bayreuth (25.7.2021)

Die Goaßmaß ist ein heiliges Getränk, in Franken wird es als »Gaasseidla« verehrt. Wichtiger als die Mutter Gottes besteht der Litercocktail aus dunklem Bier, Cola und Kirschlikör oder Weinbrand. Die Etymologie der Bezeichnung bleibt unterm Ziegenbart vernebelt. Das beste Goaßseidla zu Bayreuth bekommt man im Folie Douce, einem Heavy-Metal-Keller in der Innenstadt. »Seit 19 Jahren«, meldet stolz eine Tafel. Schön dreckig dröhnt Motörhead durch den Raum, die Inhaberin ist gut gelaunt, schüttet munter Weinbrand und Kirschlikör ins Bier. Ab und zu muss sie seufzen, weil sie erst seit drei Wochen ausschenken darf und ihr aufgrund der Souterrainlage des Ladens das Fassbier verboten wurde. Sehr viele Goßa’nmaß’n (Plural) braucht man zur Bewältigung der Bayreuther Festspiele im zweiten Pandemiejahr.

Die frohe Jugend im Metalkeller wartet seit anderthalb Jahren auf Konzerte, Festivals und Partys. Sie trägt ihre Erinnerungsbändchen mit Wehmut und schüttet sich die süße, braune Brühe zur Betäubung in den Hals. Oben im Festspielhaus hingegen läuft wieder »die Kultur«. Herr Markus Söder prustete 2019 ihre Bedeutsamkeit: Die Wagner-Festpiele seien das »wichtigste Kulturereignis Bayerns«, danach gab’s Buffet. Auch dieses Jahr macht der Bayerische Rundfunk ein mächtiges Trara um die neue Premiere für noch weniger Privilegierte, weil jetzt immer ein Stuhl Abstand zwischen den Ärschen ist. So mancher Arsch ist froh, weil es für ihn mehr Platz gibt und die Sessel im Festspielhaus berühmt für ihre quälende Billigkeit sind.

Zum dritten Mal bin ich in Bayreuth, als Vertreter dieser Zeitung und Verweigerer konsensualer Opern­abschmeckerei à la Jan Brachmann (FAZ) und Kollegen eher geduldet als herzlich willkommen, wurde ich aber stets professionell betreut. Dieses Jahr hat mich Frau Wagner von der Premiere ausgeladen und damit sehr geehrt. Nach der Umbuchung der Reise zwei Wochen später wieder eine lapidare E-Mail: Es hat gebrannt, die Generalprobe findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aber es gebe Ersatzkarten, alles außer die Premiere ginge für mich. Als Opernrezensent rezensiert man gerne die zweite Vorstellung, wenn alle Kollegen schon geschrieben haben. Meine Zeitung ist nicht systemrelevant, wir dürfen länger nachdenken.

Brav reise ich am 31. Juli mit dem Bus an. Der Fahrer quäkt über die Lautsprecher: »Wer die Maske absetzt, wird an der Autobahn ausgesetzt!« Er meint das ganz und gar nicht im Scherz. Manche kichern, manche schütteln den Kopf, alle setzen die Maske auf. Nach zwei Staus und einer Zwangspause haben wir in sieben Stunden 350 Kilometer zurückgelegt. In Bayreuth angekommen, ist alles so verschlafen wie immer. Ich wandere zur Pension, man verlangt einen Test. Das einzige Testzentrum der Stadt macht am Samstag um 14 Uhr zu. Eine Impfpflicht, direkt oder indirekt, gar durchs Hintertürchen, hat Horst Seehofer kürzlich kategorisch ausgeschlossen. Überall warten in Bayern Bullen auf Bürger wie mich. An der Autobahnraststätte, am Festspielgelände, in der Innenstadt kontrollieren sie Abstände und Sperrstunden. Ab 1 Uhr muss alles dichtgemacht sein, dann geht das Virus um.

Das Privatunternehmen der Familie Wagner kann sich von den Subventionen nicht nur ein Hygienekonzept, Abstände und Einbahnstraßen zum Eintrieb der Systemrelevanten leisten, sondern gar ein eigenes Testzentrum. Für ­Mitglieder der deutschen Achtsamkeitsgemeinschaft ist der Schnelltest kostenlos, die internationalen Gäste müssen zahlen oder geimpft sein, aber bitte nicht mit »Sputnik« aus Russland, »Soberana« aus Kuba oder »Sinovac« aus China. Was der »Bürgertest« für Nichtbürger kostet, steht da nicht, aber das PCR-Zertifikat gibt’s zum Schnäppchenpreis von 180 Euro, im Vergleich zur Butterbreze jedenfalls geradezu wohlfeil. Nach Abgabe des Nasenschleims darf ich ins Gehege. Auf einer kleinen, eingezäunten Wiese harre ich in stiller Einkehr des Urteils. Negativ – sogar die ausgedruckte DIN-A-4-Seite ist für mich als waschechten Bayern kostenlos. Hocherfreut, nicht umsonst angereist zu sein, erhalte ich mein Ticket und neuerdings ein rosa Bändchen. Mit Vorzeigen des Tests und Angabe sämtlicher Kontaktdaten müssen sich die Gäste jetzt doppelt registrieren. Grübe sich die Seuche durch den Hügel, genügten die komplizierten Riten des Kartenerwerbs offenbar nicht zur restlosen Desinfektion.

Im Fressbereich haben sie sich die Hemden bügeln lassen. Kinder von Vätern, die aussehen wie Großväter, schauen aus offenen Hemdkragen wie absurd geschrumpfte Greise, haben so alte Gesichter und altes Geld. Zum ­Abitur gibt’s Wagner, keinen Golf. Alle sind offensichtlich zufrieden, hier mit einem Festival privilegiert zu sein, wie jedes schöne Jahr. Rock im Park fällt aus, Wacken auch, Summer Breeze auch, With Full Force auch, Hurricane auch, Taubertal auch, M’era Luna auch usw. … Herrschaft aber ist so schön sauber. Man schaut von oben nach unten, und das wird immer so sein.

Da hockt sie, die Hochrisikogruppe – glücklich geimpft, gut betagt und gutbetucht, sicher gepfercht zum germanischen Singspiel –, und gebietet der arbeitenden Bevölkerung, virenfrei auf dem Betriebsklo zu bleiben und so den Export zu sichern. Es gibt keine Frischluft, kein Open Air, keinen Zeltplatz, aber eine benimmgerechte Kunstdarbietung. Was da gerade über die Bühne hampelt, erreicht mich nicht, Hochseebestattung eines Niederländers, geschrieben von einem Bullensohn aus Sachsen, Hochkultur. Nach knapp zweieinhalb Stunden mit FFP-2-Schutzmaske im Tempel der christlichen Seefahrt ist mir schlecht, richtiggehend zum Kotzen zumute. Ich muss schnäuzen, husten, und es sehnt mich nach einer Goaßmaß unter anständigen Menschen.

Den Jungs im Metalkeller gebe ich Schnaps aus. Dafür nehmen sie mich in die Kultabsteige »Kannapee« mit, ein Absturzeck im ersten Stock, irgendwo in der Altstadt von Bayreuth. Wir saufen absurde Schnäpse. Einer davon schimpft sich »Kaiserreich«, ist schwarz-weiß-rot und schmeckt absolut widerlich. Passt gut zum Erlebten. Irgendwann, ein paar Gaasseidla mehr, geht es um die anstehende Bundestagswahl. Dass ich »Linker« wie sie bin, wollen sie mir partout nicht glauben. Die Grünen finden die Jungs pauschal zum Kotzen, den Söder-Markus auch, Frau Hennig-Wellsow ebenso, und ich will nicht mal widersprechen. Was tun, als die drei mir stolz verklickern, dass sie mit ziemlicher Sicherheit die AfD wählen werden? Sie sind frustriert und freuen sich auf den Tag, wo das Establishment zittert. Wählbare Alternativen zur Alternative kann ich ihnen nur in Form von DKPMLPDiePARTEI anbieten, mehr als aggressiven Konsens und zynische Sozialdemokratie gibt es für sie nicht anzukreuzen. Was will ich gegen 2,5 Promille Überzeugungsarbeit für das Gute leisten, wenn ihnen tagtäglich und in besonderem Maße auf einem Hügel in ihrer Stadt dieses System ins Gesicht spuckt? Gegen Ausländer, Schwule, Arme und Kranke haben sie nichts, die Protokolle der Weisen von Zion kennen sie nicht, Bill Gates ist ein durchschnittlicher Bösewicht – ich suche Feinde und finde nur Verzweiflung in der Kleinstadtlinken.

Die Goaßmaß ist ein widerliches Getränk, sie verursacht den schlimmstmöglichen Kater. Am nächsten Tag verlasse ich meine Pension. Sie liegt gegenüber einer Burschenschaftlervilla. Bis spät nachts hat ein deutscher Kamerad auf einem Piano Yann Tiersens »Amélie«-Soundtrack geübt. Wagner war ihm wohl zu schwierig. Zweihundert Meter weiter liegt das Haus Wahnfried mit Museum. Müde und gedankenverloren schlendere ich in Zeitlupe durch die Ausstellung von Kostümen und Bühnenmodellen und finde eine Kuschelecke zum Nach­hören der Werke des Meisters. Ich setze die Kopfhörer auf, lausche der russischen Übersetzung von »Lohengrin«, eingespielt 1949 vom Radiosymphonieorchester der UdSSR mit Iwan Koslowski als Helden, und träume von einer glücklichen Zukunft mit Roter Armee auf Grünem Hügel.

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