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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Geschäft mit der Nachhaltigkeit

»Die Innatex legt keinen Fokus auf Sozialstandards«

Unzureichende Zulassungskriterien bei der Fachmesse für nachhaltige Textilien. Ein Gespräch mit Lena Janda
Interview: Gitta Düperthal
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Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangkok (30.5.2016)

Die 48. Internationale Fachmesse für nachhaltige Textilien, Innatex, stellt bis zum Montag im Messecenter Rhein-Main mehr als 200 Labels vor. Sind die also gesichert umweltgerecht in der Herstellung?

Um bei der Messe ausstellen zu können, müssen die Labels Zulassungskriterien bei der Herstellung hinsichtlich der Nachhaltigkeit erfüllen. Meiner Meinung nach sind die aber unzureichend, weil sie sich immer nur auf einen Teil der Kollektion beziehen; nicht die gesamte Lieferkette in den Blick nehmen. Zum Beispiel müssen bei Baumwollfasern, bezogen auf das ausgestellte Sortiment, nur 50 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Die Zulassungskriterien beziehen sich nur auf die Rohstoffe, den Stoff, aus dem die Kleidung hergestellt wird, nicht aber auf die Verarbeitung. Weitere Umweltstandards etwa hinsichtlich der Färbung oder bei der Herstellung der Kleidung sind für die Aussteller nicht verpflichtend. Wichtig ist, die gesamte Produktion in den Blick zu nehmen. Viele Aussteller gehen in der Hinsicht weiter, berücksichtigen auch Umweltaspekte in der Verarbeitung. Einige sind durch glaubwürdige Siegel wie GOTS oder IVN zertifiziert, die hohe Standards haben. Weil die nicht alle Aussteller erfüllen, lohnt es sich, genau hinzuschauen.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit legt bei der Messe den Fokus auf afrikanische Designerinnen und Designer. Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen dort aus?

Afrika spielt bei der Produktion in der internationalen Textil- und Modebranche eine eher untergeordnete Rolle. Mehr als 90 Prozent der Produktion wird aus Asien, Europa und Lateinamerika nach Deutschland importiert, worauf wir uns in unseren Studien beziehen. Generell werden in der Branche keine existenzsichernden Löhne gezahlt. Es gibt informelle Beschäftigungsverhältnisse, oft unter Ausschluss der Gewerkschaften, mit vielen Überstunden, fehlendem Gesundheitsschutz und mangelnder Sicherheit am Arbeitsplatz.

Ist die Innatex für die Textilarbeiterinnen und -arbeiter hilfreich im Bezug auf faire Löhne und Arbeitszeiten?

Die Innatex legt keinen Fokus auf Sozialstandards, Menschen- oder Arbeitsrechte als Zugangskriterium für die Labels, die bei ihr ausstellen. Der liegt auf Nachhaltigkeit bei Umweltstandards. Ob diese Labels automatisch höhere Löhne zahlen, Überstunden vergüten oder den Fokus auf die Einhaltung von Menschenrechten legen, ist nicht gesichert. Einige Aussteller nehmen sicherlich auch Menschenrechte und soziale Kriterien in den Blick – hier lohnt es sich nachzufragen.

Ist also nicht auszuschließen, dass Kinderarbeit stattfindet, und nicht gesichert, dass während der Pandemie Arbeitsbedingungen darauf ausgerichtet sind, vor Ansteckung zu schützen?

In den Zulassungskriterien der Innatex ist das nicht erwähnt, hier geht es um Nachhaltigkeit. Dennoch verbieten sicherlich alle ausgestellten Labels Kinderarbeit. Kleinere Labels, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen, haben oft einen besseren Einblick in ihre Lieferkette, um feststellen zu können, ob dort Kinderarbeit stattfindet. Kon­trollen beim Hersteller sind aber nicht immer erfolgreich: Mitunter wurden minderjährige Arbeiterinnen nach Hause geschickt, wenn ein Audit angesagt war. Was Corona betrifft, sind die strukturellen Bedingungen oft eher hinderlich, um Schutzregeln einzuhalten. In Arbeitsstätten ohne soziale Absicherungen, wo die Löhne niedrig sind und Arbeiterinnen keine Rücklagen für Notsituationen bilden können, müssen sie oft ums Überleben kämpfen. Wenn internationale Auftraggeber wegen des Lockdowns Aufträge stornieren, geht es um die Existenz.

Hat die Innatex Vorzüge gegenüber der herkömmlichen Mode- und Bekleidungsindustrie?

Auch wenn es aus unserer Sicht strengere Zugangsbedingungen bräuchte, fördert die Messe insgesamt den Austausch zum Thema Nachhaltigkeit und Umwelt in der Branche. Es ist ein Beitrag, um einen Wandel zum sozialeren und ökologischeren Produzieren umzusetzen, in dem Arbeits- und Menschenrechte eingehalten werden – was wir seit Jahren fordern.

Lena Janda ist Referentin für ­Wirtschaft und Menschenrechte im Bereich Textil und Leder beim ­Inkota-Netzwerk

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