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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 5 / Inland
Klimagerechtigkeitsbewegung

Dreckige Lüge

Bündnis protestiert gegen geplanten Flüssiggasterminal in Brunsbüttel. Betreiber will Projekt forcieren. Aktivisten sprechen von »Klimakolonialismus«
Von Oliver Rast
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Zwei klare Botschaften: Stoppen und verhindern (Hamburg, 30.7.2021)

Die Forderung ist klar: sofortiger Gasausstieg, Schluss mit allen fossilen Geschäftsmodellen. Ein breites Bündnis mobilisiert für Sonnabend nach Brunsbüttel, in das Industrie- und Hafenstädtchen im Kreis Dithmarschen von Schleswig-Holstein. Der Anlass: Das Joint Venture »German LNG Terminal GmbH« will dort einen »multifunktionalen« Haltepunkt für importiertes Flüssigerdgas, sogenanntes Liquefied natural gas (LNG), bauen. Das stößt auf Protest. »Hier wird ein extrem klimaschädliches Projekt vorangetrieben«, empörte sich Norbert Pralow, Demoanmelder und Mitglied der Kreisgruppe Steinberg vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), am Freitag im jW-Gespräch. Deshalb auch das Motto der Demo: »Sauberes Gas ist eine dreckige Lüge«.

Bei Energiekonzernen gilt Erdgas als eine Art »kleine, saubere Schwester der Kohle«. Pralow widerspricht: »Sie ist längst die große Schwester«, denn Erdgas sei, so der Umweltaktivist weiter, nach dem Ausstieg aus der Kernenergie und Kohleerzeugung ersatzweise zur sogenannten Brückentechnologie erklärt worden. Fatal, wie er findet. Zum einen gebe es jetzt bereits enorme Überkapazitäten an LNG, zum anderen bestehe es im wesentlichen aus Methan, das noch klimaschädlicher ist als das bei der Verbrennung entstehende CO2. Es lässt sich aber nicht verhindern, dass bei der Gasproduktion Teile in die Atmosphäre gelangen. »Die Klimabilanz von LNG ist also miserabel«, betonte der BUNDler.

Ein weiterer Punkt kommt hinzu: die Sicherheitsfrage. Das LNG Terminal soll mittenmang im örtlichen Chemieareal von Brunsbüttel errichtet werden. »Nur etwa 80 Meter beispielsweise von der Müllverbrennungsanlage entfernt«, weiß Pralow. Was befindet sich dort noch? Das stillgelegte Atomkraftwerk samt Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle etwa. Das sei vor dem Hintergrund des jüngsten Chemieunfalls in Leverkusen mit mehreren Toten schlicht unverantwortlich. Pralow: »Die Planspiele für einen LNG-Terminal müssen umgehend gestoppt werden.«

Wenig überraschend: An den Plänen will German LNG Terminal festhalten. Das Projekt befindet sich im Genehmigungsprozess, konkret im Planfeststellungsverfahren. Das heißt auch, ein Baubeginn steht längst noch nicht fest. Unternehmenssprecherin Katja Freitag versprüht Zuversicht: »Wir sind überzeugt«, teilte sie auf jW-Anfrage mit, »dass flüssige und gasförmige Energieträger sowie verflüssigte Kraftstoffe wichtige Säulen der Energie- und Kraftstoffversorgung bleiben werden, da Elektrifizierung und E-Mobilität nicht für alle Verkehrssektoren und alle Energiebedarfe Lösungen bieten«. Deshalb werde Deutschland weiterhin in hohem Maße von unter anderem »grünen« Energieimporten abhängig sein, um den Bedarf von Verbrauchern und Industrie zu decken, meinte die Sprecherin.

Einen kann das nicht überzeugen: Constantin Zerger. »Die Aussagen des Unternehmens sind ein totales Ablenkungsmanöver«, sagte der Leiter Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) am Freitag im jW-Gespräch. Mit fossilem Erdgas lasse sich aufgrund des Angebotsüberhangs kein Geld mehr verdienen, »solcherart Projekte führen schnurstracks in den Ruin«, so Zerger. Das haben offenbar auch andere Projektgesellschaften bemerkt. Pläne für ein weiteres LNG-Terminal in Wilhelmshaven wurden im Herbst 2020 auf Eis gelegt. Und sowieso: Die Zukunft könne nur den erneuerbaren Energieträgern gehören, zumal wenn die Klimaziele erreicht werden sollen, um einen Kollaps zu verhindern, sagte der DUH-Energiexperte.

Das finden auch die Anhänger von »Ende Gelände«. Die zelten vor Ort. »Unser Camp im Brunsbüttler Bürgerpark ist für 2.000 Teilnehmende ausgelegt, und eine überwältigende Anzahl an Aktivistinnen und Aktivisten ist bereits angereist«, bestätigte die Pressesprecherin der Klimagerechtigkeitsbewegung, Joli Schröter, am Freitag gegenüber jW. Ankunft, Aufbau, Versorgung, Programmablauf – kurz: Alles laufe reibungslos. »Ende Gelände« hat bis zum Montag viel vor. Diskussionsrunden, Workshops, Aktionstrainings und Blockaden im Dauerwechsel. Das komplette Wochenende sei ein »Aktionszeitraum«, so Schröter.

In der Kritik steht der LNG-Terminal in Brunsbüttel auch deshalb: Das importierte flüssige Erdgas würde durch sogenanntes Fracking gewonnen, meist im globalen Süden, sagen die Aktivisten. Bei dieser Methode der Ressourcenausbeutung wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, um undurchlässige Gesteinsschichten aufzusprengen und das darin enthaltene Erdgas oder Erdöl freizusetzen – alles inklusive gravierender Umweltschäden teils in geschützten Regionen. »Die Klimakrise und neokoloniale Ausbeutung gehen Hand in Hand«, sagt daher »Ende Gelände«. Die logische Konsequenz: »Stopp dem kapitalistischen Kolonialismus«, betonte Schröter.

Und voll motiviert ist auch Demoanmelder Pralow vom BUND. Gegen das Brunsbütteler LNG-Projekt formiere sich ein wachsender Widerstand in der Klimagerechtigkeitsbewegung und in den Umweltverbänden, stellt er zufrieden fest. Ein Ausdruck davon sei der Demonstrationszug mit einer Abschlusskundgebung vor dem potentiellen Standort der Anlage. Pralow spricht Klartext, prangert ein »Politikversagen ohnegleichen« an – und versichert im selben Atemzug: »Den Flüssigerdgasterminal werden wir verhindern.«

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