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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 8 / Inland
Coronapandemie in der BRD

»Das Vertrauen in städtische Institutionen ist gestört«

Duisburg: Betreuende von wohnungslosen Menschen motivieren zur Coronaimpfung. Ein Gespräch mit Sylvia Brennemann
Interview: Markus Bernhardt
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Polizei kontrolliert wohnungslose Menschen in der Duisburger Innenstadt (27.3.2020)

Sie betreuen wohnungslose Menschen im Duisburger Stadtteil Marxloh, der immer wieder als vermeintlicher Problemstadtteil in den Medien auftaucht. Der »Petershof«, in dem Sie arbeiten, gilt bei Ihnen vor Ort als die soziale Institution und der Anlaufpunkt für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Wie wirkt sich die Coronapandemie aktuell auf Ihre Arbeit aus?

Bei uns im »Petershof« leben aktuell bis zu 20 Menschen, die meist schon lange wohnungslos sind. Sie werden von den gängigen Hilfsangeboten nicht erreicht und wurden von den städtischen Stellen abgeschrieben, weitestgehend ihrem Schicksal überlassen. Wir versuchen, ihnen ein Dach über dem Kopf und regelmäßige warme Mahlzeiten zu bieten, ihnen medizinische Versorgung bei kleineren Problemen zukommen zu lassen und sie dabei zu unterstützen, bei den Zuständigen Hilfe zu bekommen. Insgesamt nehmen mehrere hundert Menschen aus Marxloh unsere Angebote wahr. Aktuell unterstützen wir das Impfteam der Feuerwehr Duisburg dabei, dass die niedrigschwelligen Impfangebote auch angenommen werden.

Wie steht es um die Impfungen?

Die Coronapandemie hat die Situation der Menschen in Marxloh und insbesondere der Wohnungslosen, von denen viele aus Osteuropa stammen, noch einmal verschärft. Wir versuchen zumindest, den Impfschutz zu organisieren, was bei den Menschen, die bei uns leben, bisher gut funktioniert hat. Wer sich impfen lassen wollte, hat die Impfungen auch bekommen. Wir sind dabei sehr froh, dass das Impfteam der Feuerwehr Duisburg einen sehr niederschwelligen und pragmatischen Ansatz verfolgt.

Und damit erreichen Sie die Menschen?

Die Menschen, die bei uns leben, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Ehrenamtlichen sind geimpft. Mit Blick auf die vielen Menschen aus Osteuropa und die Menschen mit Migrationsgeschichte, die sich maßgeblich in ihren eigenen Communities bewegen, ist wichtig, dass entsprechend flexibel gehandelt wird. Die Impffrage stellt sich für eine ganze Reihe von Gruppen, die aus unterschiedlichen Gründen nur schwerlich für Impfungen erreichbar sind oder gesellschaftlich abgeschrieben wurden. Es existieren auch kulturelle Barrieren oder welche, die sich aus der Geschichte ergeben.

Was meinen Sie damit?

Bei den Romafamilien herrscht große Verunsicherung bezüglich der Impfungen. Die Menschen verfügen über wenig Zugang zu Informationen und haben teils große Angst, sich spritzen zu lassen, weil sie fürchten, dass die Impfungen ihnen schaden. Rund um die Impfungen ranken sich diffuse ­Ängste – eine Mischung aus historischen Erfahrungen und real erlebter Ablehnung durch die deutschen Behörden. Wir versuchen aufzuklären und Ängste zu nehmen, dazu nutzen wir vom »Petershof« unseren Vertrauensvorsprung, bräuchten aber tatsächlich viel mehr Zeit, die wir angesichts der erneut steigenden Zahlen von Coronainfektionen kaum haben dürften.

Warum ist das der erfolgversprechendste Weg?

Das Duisburger Impfteam hat schon früh angefangen, an Hotspots Impfungen durchzuführen. Seit einigen Wochen gibt es über das Stadtgebiet verteilt, etwa auf den verschiedenen Wochenmärkten, sehr niedrigschwellige Angebote – beinahe schon aufsuchende Impfangebote. Menschen, die wohnungslos sind oder über Sprachbarrieren verfügen, erreichen Sie nicht über Buchungssysteme für Impftermine im Internet.

Gelingt es Ihnen, den Menschen die Angst zu nehmen?

Es ist ein gutes Stück Arbeit, den Widerspruch zwischen einem fehlenden Krankenversicherungsschutz und sozialer Ausgrenzung sowie dem jetzigen Bemühen um Impfbereitschaft aufzulösen. Das Vertrauen in die städtischen Institutionen ist deutlich gestört. Dennoch führt kein Weg an den Impfungen vorbei. Für die Menschen in Marxloh ist das Leben ohne Pandemie schon oft sehr herausfordernd. Die Pandemie hat die Situation noch einmal deutlich verschärft. Hohe Inzidenzen oder gar einen erneuten Lockdown kann hier niemand mehr gebrauchen.

Sylvia Brennemann ist gelernte Kinderkrankenschwester und hat am sozialpastoralen Zentrum »Petershof« im Duisburger Stadtteil Marxloh eine ehrenamtliche Gesundheitssprechstunde mit aufgebaut

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