Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Dienstag, 19. Oktober 2021, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 29.07.2021, Seite 16 / Sport
Olympia

Letzte Spiele für die Ameise

Mit 43 Jahren will die brasilianische Fußballerin Formiga in Tokio endlich den Titel holen
Von Maurice Lötzsch
imago0013010143h.jpg
Formiga nimmt in diesem Jahr zum siebten Mal an Olympischen Spielen teil

Die Olympischen Spiele sind in beinahe jeder Sportart das Highlight des Terminkalenders. Beinahe, denn das Fußballturnier der Olympischen Spiele wird seit Jahren stiefmütterlich behandelt: zuwenig Prestige, zu groß die Konkurrenz durch Welt- und Kontinentalmeisterschaften. Bedingt durch die Europameisterschaften der Männer und U21-Junioren in diesem Sommer, sind die Spieler überanstrengt und verzichten dann liebend gerne auf das Turnier in Tokio. Während Stefan Kuntz für Deutschland auf eine Rumpftruppe zurückgreifen muss, in der Max Kruse der bekannteste Star ist, sieht das bei den Frauen ganz anders aus. Hier sind die Auswahlmannschaften in voller Kapelle unterwegs. Zum einen auch durch eine günstige Regelauslegung, die den Herren nicht zugute kommt. Während die Herren nur auf drei Spieler über 23 Jahre zurückgreifen dürfen, reisen bei den Frauen die A-Nationalmannschaften an. Altersbegrenzungen gibt es dort nicht.

So kommt es zum Umstand, dass in der brasilianischen Seleção eine 43jährige die Geschicke leitet. Nicht etwa auf der Trainerbank – sondern als zähe, kämpfende Spielmacherin im Mittelfeld. Miraildes Maciel Mota, genannt Formiga (portugiesisch für »die Ameise«), nimmt in diesem Jahr zum siebten Mal an Olympischen Spielen teil. Sich ein Fußballturnier der Frauen ohne die Mittelfeldspielerin von Paris Saint-Germain vorzustellen ist mittlerweile unmöglich. Nicht, weil sich Formiga seit jeher mit Traumtoren in Szene setzt oder ihren Gegenspielerinnen regelmäßig Knoten in die Beine zaubert – das ist nicht ihr Spiel. Der Umstand, dass Formiga 1994 bei der Erstaustragung des Frauenfußballturniers in Atlanta mit von der Partie war und seitdem jedes Turnier mitgespielt hat, macht sie zur alleinigen Rekordhalterin.

Dabei hatte die nimmermüde Kämpferin in ihrer Jugend mit widrigen Umständen zu kämpfen. Fußball spielen war für Frauen nämlich verboten, erst Mitte der 1980er Jahre formierten sich Vereine mit Frauenabteilungen. Doch Formiga kickte in ihrer Heimatstadt Salvador unentwegt und ließ sich nicht von Geschlechterrollen stoppen. In einem Interview erzählte die Brasilianerin einst, dass ihre Brüder in der Schule gemobbt wurden, weil ihre Schwester sowohl die Brüder als auch die gesamte Nachbarschaft auf dem Platz das Fürchten lehrte. Ihre Brüder wollten lieber, dass sie im Haushalt hilft, um sich selbst diese Schmach zu ersparen. Doch Formiga blieb bei ihrer Leidenschaft. Mit 15 Jahren wechselte sie in das fast 2.000 Kilometer entfernte São Paulo, um ihrem Traum nachzugehen. Es folgten sechs Weltmeisterschaften mit der Nationalmannschaft und nun das siebte Olympiaturnier. Und doch bleibt es eine ungekrönte Geschichte: Bisher konnte Formiga keinen internationalen Titel mit der Nationalmannschaft gewinnen.

Die Möglichkeit, bei ihrer letzten Olympiateilnahme die Goldmedaille zu holen, besteht weiterhin, denn die Seleção ist mit einem 5:0-Sieg gegen die Volksrepublik China und einem 3:3 gegen die Löwinnen aus den Niederlanden passabel ins Turnier gestartet. Am Dienstag konnte die Seleção dann mit einem 1:0 gegen Sambia die Viertelfinalteilnahme sicherstellen. Dort warten am Freitag die Favoritinnen aus Kanada auf die Brasilianerinnen. Es bleibt also spannend, ob Formiga ihre Karriere mit Olympiagold veredeln kann. Ihre Vereinskarriere bleibt unterdessen offen, ihr Vertrag in Paris ist ausgelaufen. Dennoch vermeldete die Spielerin, weiterhin dem Fußball erhalten bleiben zu wollen – auf oder neben dem Platz.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Sport