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Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Solidarität

Tod durch Streikbrecher

IG Metaller organisieren Spendenkampagne für Hinterbliebene: Basisgewerkschafter vor Lidl-Auslieferungslager in Italien überfahren
Von Kristian Stemmler
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Kundgebung für Adil Belakhdim am 18. Juni 2021 in Novara

Die Botschaft ist eindeutig: »Gewerkschafter Adil – in Italien für Lidl-Profite ermordet.« Eine Zeitlang stand dieser Satz, mit schwarzer Farbe gesprüht, auf der Mauer einer Filiale der Discounterkette in Stuttgart, gleich neben einem Foto von Adil Belakhdim. Den meisten Lidl-Kunden wird der Name nichts gesagt haben, denn den deutschen Leitmedien war der Tod des Gewerkschafters, der am 18. Juni bei einem Streik vor einem Auslieferungslager von Lidl in Norditalien von einem Lkw-Fahrer überfahren worden war, nicht mehr wert als eine Meldung. Dafür treibt der Fall viele Gewerkschafter auch gut einen Monat später noch um. Sechs engagierte Mitglieder der IG Metall, Mitarbeiter des Dresdner Standorts des Halbleiterherstellers Infineon, haben eine Spendenkampagne für die Hinterbliebenen von Adil Belakhdim gestartet und sich mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit gewandt.

Der italienische Gewerkschafter, ein Koordinator der Basisgewerkschaft SI Cobas, war während einer Aktion im Rahmen eines landesweiten Streiks in der Logistikbranche im Alter von 37 Jahren getötet worden. Mit etwa 20 Kollegen hatte er das Tor des Lidl-Verteilzentrums in Biandrate, einer Ortschaft westlich von Mailand, blockiert, als ein Lastwagenfahrer die Kette durchbrach. Mit Vollgas steuerte der Trucker auf den Streikposten zu. Zwei der Männer konnten sich retten, kamen mit leichten Verletzungen davon, Adil Belakhdim wurde überfahren und starb noch an der Zufahrt. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Der Lkw-Fahrer flüchtete, wurde aber auf einer nahe gelegenen Autobahn gefasst. Der italienische Regierungschef Mario Draghi erklärte, der Tod des Gewerkschafters schmerze ihn, und forderte Aufklärung.

Für Bernhard Fischer ist es mit solchen folgenlosen Bekundungen nicht getan. Er ist IG-Metall-Vertrauensmann und Betriebsratsmitglied bei Infineon und hat mit Kollegen die Spendenkampagne organisiert. »Wir waren entsetzt, schockiert und wütend, als wir vom Tod von Adil Belakhdim, erfahren haben«, sagte er am vergangenen Freitag im Gespräch mit jW. Als sie sich im Internet über die Einzelheiten informiert hätten, sei ihnen klar geworden, »wie brutal die Tat gewesen ist«, so Fischer. Auch wenn vermutet werden könne, dass auf den Lkw-Fahrer zuvor Druck ausgeübt wurde, die Streikpostenkette zu durchbrechen, sei »diese unmenschliche Tat, bei der der Tod von Streikenden in Kauf genommen wurde, unentschuldbar«, so der Gewerkschafter.

Mit dem Satz »Der Tod des Gewerkschafters Adil B. geht uns alle an!« überschrieben Fischer und seine Kollegen den Aufruf an die Öffentlichkeit, für dessen Verbreitung die in Duisburg beheimatete Hilfsorganisation SI International sorgte. Wenn heute, so heißt es weiter im Text, »mitten in Europa« aktive Gewerkschafter bei ihrem Kampf für die Interessen der Belegschaften getötet würden, müsse das »zur Sache aller Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in ganz Europa gemacht werden«. Als Zeichen »unserer Verbundenheit und Solidarität mit Adil, seiner Familie, den streikenden Kolleginnen und Kollegen und ihrer Gewerkschaft SI Cobas« rufen die Infineon-Mitarbeiter zu einer vierwöchigen Spendensammlung auf. Das Geld werde komplett an die Gewerkschaft überwiesen, »mit der Bitte, es entsprechend den Notwendigkeiten für die Familie sowie zur Finanzierung von anfallenden Gerichts- und Anwaltskosten zu verwenden«.

Für Betriebsrat Fischer ist der Tod von Adil Belakhdim auch ein Ausdruck der Rechtsentwicklung und der Zunahme von Gewalt, der sich immer mehr Belegschaften, die für ihre Interessen und Rechte kämpfen, ausgesetzt sehen. »Das Klima ist rauher geworden in den vergangenen Jahren, nicht nur in Italien«, konstatierte er. Die Coronakrise habe die Lage noch verschlimmert. Seine Einschätzung wird bestätigt durch das, was die Gewerkschaft SI Cobas bereits am Tag der Tat, am 18. Juni, in einer Erklärung mit der Überschrift »Es war kein Unfall: Adil wurde im Namen des Proftis getötet!« mitgeteilt hatte. In der Erklärung wurde darauf hingewiesen, dass der Mord an dem Gewerkschafter der Höhepunkt einer »Eskalation der organisierten Gewalt« gegen SI Cobas sei, die sich bereits seit Monaten aufbaue.

So habe am 11. Juni eine Gruppe bewaffneter Schläger einen Streikposten beim Kurierdienst FedEx in Lodi bei Mailand angegriffen und einen der Arbeiter so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Sechs Tage zuvor sei ein Streikposten vor einer Druckerei in Prato in der Toskana ebenfalls von Streikbrechern und bewaffneten Schlägern angegriffen worden. In Piacenza habe es bei ­FedEx Festnahmen und Anklagen gegen Arbeiter gegeben, 280 Mitarbeiter seien nur wegen ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft auf die Straße gesetzt worden. »Anstatt Krokodilstränen zu vergießen«, so SI Cobas, solle Premierminister Mario Draghi lieber erklären, warum die Gewerkschaft drei Monate lang um Gespräche an einem runden Tisch gebeten habe, um den Konflikt in Piacenza zu lösen – ohne auch nur eine Antwort bekommen zu haben.

Auf eine Anfrage von jW per Mail übersandte die Abteilung Unternehmenskommunikation von Lidl International lediglich ein Statement von Lidl Italien, mit dem bereits am 18. Juni auf den Vorfall reagiert worden war. Man sei »äußerst betroffen von dem tragischen Unfall«, heißt es darin. In den »Unfall« seien ein Fahrzeug und ein Fahrer eines Lieferanten von Lidl involviert gewesen, »nicht das Unternehmen selbst«. Auf die Frage von jW, wie Lidl die Kritik am Konzern bewerte, eine Mitschuld am Tod von Adil Belakhdim zu tragen, wird in der Antwort nicht eingegangen.

Spendenkonto

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Bernhard Fischer, Betreff: Solidarität – SI Cobas

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Commerzbank

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IBAN: DE08 8508 0000 0332 3365 01

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  • Leserbrief von Emre Ögüt (27. Juli 2021 um 05:08 Uhr)
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