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Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 8 / Inland
Neues Gasterminal in Brunsbüttel

»Wieder einmal machen die Grünen mit«

Klimacamp in Brunsbüttel wendet sich gegen das dort geplante Frackinggasterminal. Ein Gespräch mit Joli Schröter
Interview: Gitta Düperthal
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Die Wirtschaft ist abhängig von fossilen Ressourcen. Damit das so bleibt, soll in Brunsbüttel ein Terminal für Frackinggas errichtet werden (25.4.2016)

An diesem Donnerstag beginnt in Brunsbüttel ein Klimacamp, das bis zum 2. August andauert. Aktivistinnen und Aktivisten von »Ende Gelände« fordern den sofortigen Gasausstieg und richten sich gegen ein geplantes Frackinggasterminal. Ihr Slogan lautet: »Sauberes Gas ist eine dreckige Lüge.« Was meinen Sie damit?

Die Bundesregierung will das Erdgas zum neuen »grünen« Energieträger deklarieren und damit eine vermeintliche Energiewende betreiben, die tatsächlich gar keine ist. Erdgas, das zum größten Teil aus Methan besteht, ist sehr klimaschädlich. Methan hat in den ersten 20 Jahren nach der Freisetzung ein 87mal stärkeres Treibhauspotential als CO2.

Steht dafür nur die Bundesregierung in der Verantwortung – oder in dem Fall auch die Landesregierung in Schleswig-Holstein? Wen bezichtigen Sie also der Lüge, Frackinggas fälschlich als umweltfreundlich zu preisen?

In der Tat ist auch die Landesregierung in Schleswig-Holstein daran beteiligt, eine Koalition aus CDU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Sie stimmte dem Bau eines Terminals zu, wo das in anderen Ländern gefrackte LNG – die Abkürzung steht für »Liquified Natural Gas«, also Flüssiggas – hingeliefert werden soll, um es in Deutschland zu nutzen. Es soll auf dem Gelände des 2.000 Hektar großen sogenannten Chem-Coast-Parks entstehen. Wieder einmal machen die Grünen mit, einen weiteren Energieträger zu fördern, der den Klimawandel vorantreibt. Diesen geplanten Bau werden wir verhindern. Wir brauchen den Ausstieg aus Kohle, Gas und Atomkraft.

Könnte es für ärmere Menschen hierzulande teuer werden, wenn nicht mehr mit Gas geheizt wird?

Die Frage des Preises sollte nicht auf den Schultern der Bürgerinnen und Bürger ausgetragen werden. Jahrzehntelang hat die Bundesregierung Konzerne subventioniert, die umweltschädliche Energieträger abgebaut haben. Sie muss jetzt endlich erneuerbare Energien fördern. Wir wenden uns zugleich gegen den mit der Förderung der dreckigen Energie verbundenen Neokolonialismus. Vor allem sind bislang Menschen aus anderen Ländern betroffen.

Deshalb werden auch internationale Aktivistinnen und Aktivisten an unseren Protesten teilnehmen. Sie kommen aus Kolumbien, Argentinien oder Texas, einige leben in Deutschland im Exil. Das Grundwasser in ihren Herkunftsländern wurde beim Abbau des Erdgases mit Chemikalien zersetzt und zerstört. Sie mussten sich teilweise mit ihrem Leben dafür einsetzen, dass diese Praktiken im globalen Süden aufhören. Wir werden uns deshalb nun mit ihnen gemeinsam gegen die Klimakrise engagieren und darauf aufmerksam machen, dass der Kapitalismus und der Kolonialismus deren Ursprung sind.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Beispielsweise kämpfen wir dieses Jahr an der Seite des argentinischen Wissenschaftlers und politischen Klimaflüchtlings Esteban Servat. Er lebt nun in Deutschland im Exil. Esteban kommt aus der Region Mendoza, wo sich das weltweit zweitgrößte Schieferabbau- und das viertgrößte Schieferölgebiet »Vaca Muerta« – spanisch für »tote Kuh« – befindet. Er war vor Ort als Biologe tätig und setzte sich zur Wehr, als europäische Unternehmen wie Wintershall, Total und BP dort mit dem Fracking begannen. Esteban vergleicht den Widerstand gegen die Frackingindustrie mit dem Kampf gegen die Mafia. Nach dem Erstellen der Website »Ecoleaks«, die Studien über die Schäden des Frackings öffentlich zugänglich macht, wurde ihm mit Mord gedroht. Die Repressionen der argentinischen Regierung zwangen ihn zur Flucht.

Was erwarten Sie sich von Ihren Protesten?

Wir gehen davon aus, dass mehr als tausend Menschen kommen. Der gemeinsame Kampf von »Ende Gelände« und politischen Verbündeten aus anderen Ländern macht auf die globalen Verstrickungen der Klimakrise aufmerksam. Insbesondere am internationalen Aktionstag, dem 31. Juli, wollen wir zeigen, dass es eines Systemwandels bedarf. Koloniale Kontinuitäten und kapitalistische Ausbeutung bedrohen Menschenleben, ökologisch und politisch. Wir sind solidarisch mit allen Betroffenen in den Abbaugebieten.

Joli Schröter ist Sprecherin von »Ende Gelände«

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