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Werkzeugkästen

Von Helmut Höge
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Wie viele Werkzeugkästen habe ich schon gehabt in meinem Leben, angefangen mit einem für Laubsägearbeiten und Drachenbau? In meinem Kinderzimmer hing ein Schrank an der Wand, der etwa 20 Werkzeuge zur Holzbearbeitung enthielt. Zuletzt verlieh ich einen 80teiligen Werkzeugkasten, vergaß aber, an wen, und erwarb dann einen unschlagbar billigen 160teiligen aus China im »Baumarkt«, als man dort wieder ohne große Coronamaßnahmen und »Zeitfenster« einkaufen konnte.

Als wir einige Jahre auf dem Land lebten und dort ein Bauernhaus modernisierten, ging ich – so oft wie jetzt in einen Buchladen – in ein Eisenwarengeschäft in der Kreisstadt, in dem die Verkäufer noch graublaue Kittel trugen. Wenn man nicht genau den Fachbegriff wusste – sagen wir »Stichsäge mit Pendelhub« oder »Torx« für Innensechsrundschrauben –, hatte man schlechte Karten. Es war eigentlich ein Geschäft für professionelle Handwerker, noch nicht auf »Do-it-yourself«-Kunden eingestellt. Dass man von allem immer nur einen Gegenstand oder nur einige wenige brauchte, die man umständlich beschrieb, machte sie nervös. Und auch dass man statt einer »Hilti«-Bohrmaschine für Profis eine billige »Black and Decker« wollte.

Das Gegenteil erlebte ich Jahre später auf den dörflichen Wochenmärkten in Burma, wo jedes ­Werkzeug (für Handwerk, Küche, Garten und Landwirtschaft) ein Unikat war. Da ich Werkzeuge quasi sammle, hätte ich dort am liebsten gleich alle gekauft, aber sie waren einzeln schon zu schwer – ein »Masseding« in der doppelten Bedeutung, wenn ich auch nur eins davon mit nach Hause geschleppt hätte.

Der Philosoph Martin Heidegger unterschied zwischen »Vorhandenem« und »Zuhandenem« (zum Beispiel Werkzeug). »Ein Hammer ist dabei für ihn primär durch seinen sinnhaften Bezug zum Menschen und zu anderen Dingen in der Welt charakterisiert. Erst wenn er von dem Beziehungsgeflecht entkleidet wird – beispielsweise indem er auf eine Waage zwecks Gewichtserfassung gelegt wird –, wird er zum bloß noch vorhandenen Masseding« (Wiki­pedia).

Michel Foucault meinte einmal: »Nehmt meine Werke als Werkzeugkasten!« Inzwischen gibt es einen völlig idiotischen »philosophischen Werkzeugkasten«. In Westberlin lebte und arbeitete eine Zeitlang der Arbeiterkünstler Raffael Rheinsberg, dessen Kunst immer wieder aus Werkzeugarrangements bestand, weswegen er sie auch gerne in der Galerie der IG Metall ausstellte. Ich erinnere mich an einen Raum mit zig verrosteten Werkzeugen auf dem ­Boden, die er aus der Elbe gefischt hatte – vermutlich mit einem Magneten an einer Angel.

Seine Kunst sah auf den ersten Blick ähnlich aus wie die Auslagen von Gebrauchtwerkzeugen, die junge Männer einst billig auf dem Westberliner »Polenmarkt« verkauften. Ein kurdischer Trödler bot mir dort einmal zwei verrostete Wolfsfallen für 40 Deutsche Mark an. Das war, lange bevor der erste Wolf die Oder in Richtung Westen überquerte: im Jahr 2000, der dreibeinige Naum. Als ich dem Händler sagte, es gebe in Deutschland keine Wölfe, meinte er hellsichtig, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ich solche Werkzeuge gebrauchen könne.

Aber es geht hier um Werkzeugkästen: In einer historischen Ausstellung in Amsterdam sah ich einmal einen alten »christlichen Werkzeugkasten« (für Missionare zur Bekehrung von Heiden) und eine noch ältere »Werkzeugkiste gegen Vampire« (um sie zu töten) – in beiden waren das Wichtigste: Kreuze und Pistolen.

Für Aristoteles waren die Sklaven einst »belebte Werkzeuge«. In gewisser Weise kommt das der Vorstellung des Genetikers und Nobelpreisträgers Paul Nurse nahe, der meinte, »lebende Organismen seien zwar ziemlich komplizierte, aber letztlich verständliche chemische und physikalische Maschinen«. Das ist auch »gegenwärtig die vorherrschende Auffassung vom Leben«, die er in seinem Buch »Was ist Leben?« (2021) vertritt; das Leben ist bloß eine Art Werkzeugkasten, um ein Leben auseinanderzubauen.

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