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Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Regen über den Trümmern

Claudia Rankines Prosagedichte sind Zeugnisse einer Ernüchterung
Von Michael Wolf
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»Der Regen, glaubte ich, würde Staub und Rauch aus der Luft waschen« (Claudia Rankine)

Am 14. September 2001 regnete es auf Ground Zero. »Der Regen, glaubte ich, würde Staub und Rauch aus der Luft waschen. Es raucht aber weiter, weil die Trümmer noch schwelen. Ein übler Geruch hängt in der Luft. Die Rettungsmannschaften räumen von Hand Trümmer beiseite. Im verhangenen, trüben Licht sind sie Totenschatten, selbst erloschen.« Man könnte meinen, dass der Tod gerade erst in die Stadt New York einbrach, jedoch: Er war schon vorher da. Die Schwester der hier zu Wort kommenden Erzählerin hat ihre Familie bei einem Autounfall verloren, ein Freund ging an Alzheimer zugrunde, schwarze Männer werden von Polizisten misshandelt, ein 13jähriger erschlägt eine Sechsjährige und wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

In »Lass mich nicht einsam sein« dokumentiert Claudia Rankine diese privaten und öffentlichen Ereignisse, bringt sie in Bezug zu literarischen Zitaten, zu ihren Gedanken, vor ­allem aber stellt sie ihre Apathie aus, ihre Traurigkeit. Rankine bezeichnet die Texte in einer Danksagung als Gedichte, sie weisen aber mehr Ähnlichkeit mit Prosaminiaturen auf: kurze Texte, Gedanken, Beobachtungen und Fragmente. Der Band kam 2004 im US-amerikanischen Original heraus, Uda Strätling hat ihn für die äußerst stilsicher gestaltete Reihe Volte des kleinen Leipziger Verlags Spector Books ins Deutsche übertragen. Auf dem Cover schwebt eine Fernbedienung im schwarzen Nichts. Die ­Erzählerin lässt ihr Gerät im Schlafzimmer den ganzen Tag laufen, obwohl sie sich dort nicht aufhält. Auch auf den Seiten des Buchs sind viele Bildschirme abgedruckt, darauf zu ­sehen: George W. Bush; die noch leere Liege für einen Mann, der gleich die Giftspritze gesetzt bekommt; das Blumenmeer vor dem Buckingham Palace, als Prinzessin Diana starb. Meist verdoppeln diese und andere Bilder den Inhalt.

Claudia Rankine wurde 1963 in Kingston, Jamaika, geboren und wanderte als Kind mit ihrer Familie in die USA aus. Sie ist Professorin für Lyrik an der Yale University und Stipendiatin des MacArthur Fellowships. Ihr Langgedicht »Citizen« aus dem Jahr 2014 avancierte überraschend zum Bestseller und räumte jede Menge Preise ab. Es war eine Untersuchung des US-amerikanischen Rassismus, eine poetische Analyse und Anklage. Auch in »Lass mich nicht einsam sein« ist dieses Thema schon präsent, aber eigentlich soll es um die Leber gehen, jenes Organ also, das Gift abbaut, und davon, so scheint es, gab es schon vor der Milzbrandpanik im Nachklapp von 9/11 eine Menge: Antidepressiva natürlich, deren Beschreibung viel Platz in diesem schmalen Band einnimmt, AIDS-Viren, aber auch die Lüge, nicht zuletzt die Selbsttäuschung.

Fast sehnsüchtig blickt die Erzählerin zurück auf die Jahre vor dem erschreckenden Beginn des neuen Jahrtausends. »Rentenplan umwandeln oder nicht umwandeln? Einen neuen I-Mac holen oder nicht holen, E-Traden oder nicht E-Traden? Wieder und wieder waren dies die ­Kodak-Momente der Individualisierung; wir alle waren unterwegs zu unserem persönlichen Optimum. Amerika war dem Anschein nach eine Meritokratie.« Und jetzt? »Jetzt haben wir das 21. Jahrhundert, und du bist entweder für oder gegen uns.« Was der 11. September sie gelehrt habe, sei, »dass wir nie komplex waren«. In den 90er Jahren meinte der »globale Westen«, es werde nun nur immer alles noch besser, die Freiheit habe gesiegt und sei die letzte Maxime, man könne sich endlich der Entfaltung der Individualität widmen. Nach dem Anschlag auf die Twin Towers musste man feststellen, dass schon diese kurze Dekade der Unbeschwertheit auf Illusionen beruhte. Rankines schmaler Band ist Zeugnis dieser Ernüchterung, einer Katerstimmung, zu deren Linderung all die Psychopharmaka dienen, die hier jeder zu nehmen scheint, um funktionieren zu können. Die Ta­bletten lassen sich auch metaphorisch verstehen, als Versuche, Kontrolle zu erlangen, sei es – im Falle der USA – über eine plötzlich chaotische Welt oder – im Falle der Einzelnen, der Vereinzelten – über das eigene, traurig kurze Leben.

Claudia Rankine: Lass mich nicht einsam sein – Ein amerikanischer Refrain. Aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Spector Books, Leipzig 2020, 168 Seiten, 14 Euro

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