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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Was Cara weiß

Von Katharina Bendixen
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Mittlerweile passiert es fast jeden Tag. Manchmal weiß Cara schon am Morgen, dass es passieren wird, manchmal weiß sie es nicht. Es macht aber keinen Unterschied, ob sie damit rechnet oder nicht. Auch wenn sie sich darauf eingestellt hat, hat sie sich nicht unter Kontrolle.

»Es ist schon wieder passiert«, sagt sie später zu Lars. »Dabei war es ein guter Tag, ich habe Peter tatsächlich das Budget für meine Ausstellung abgeluchst.«

»Kein Wunder, wenn du mit den Gedanken noch im Museum warst«, sagt Lars. »War es zuletzt nicht schon viel besser?«

Dabei weiß Lars genau, dass es fast täglich passiert. Cara verschweigt ihm nichts. In den meisten Dingen sind sie einer Meinung, auch darin, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Die anderen Kinder im Haus sind mindestens genausoschlimm wie Oskar. Emil wälzt sich jeden Nachmittag schreiend auf dem Treppenabsatz, und Janine sitzt daneben und wartet, manchmal stillt sie dabei sogar das Baby. Cara weiß nicht, wie die anderen sich immer beherrschen. Auch Lars beherrscht sich, dabei arbeitet er dreißig Stunden, so wie sie, und den Haushalt teilen sie sich auch.

»Gut ist das nicht«, sagt Lars. »Hast du dich schon bei ihm entschuldigt?«

Cara weiß noch genau, wann es zum ersten Mal passiert ist – vor zwei Jahren, als Lars’ Eltern im Urlaub sind und ihnen das Haus überlassen. Andere legen ein Monatsgehalt für eine Ferienwohnung in der Eifel hin, Cara und Lars bekommen ein komplettes Haus mit Garten und müssen nur die Anreise bezahlen. Hinter dem Haus weiden die Kühe, am Dorfplatz gibt es Softeis, und Oskar boykottiert alles. Er weigert sich sogar, in den See zu gehen, während alle anderen Kinder im flachen Wasser sitzen und matschen. Am letzten Tag hält Cara es nicht mehr aus. Wieder will Oskar sich die Sandalen nicht anziehen, und diesmal packt sie ihn und wirft ihn auf die Couch.

»Und hier bleibst du jetzt und denkst darüber nach, warum du uns den ganzen Urlaub versaust«, zischt sie und wirft die Tür hinter sich zu.

Lars tröstet Oskar, Cara steht solange im Flur und atmet. Danach passiert es eine Weile nicht. Das zweite und dritte Mal kann Cara auch noch benennen, ab dem vierten Mal verliert sie den Überblick. Wenn die Wut sie packt, erkennt sie sich nicht wieder. Sie kann sich nicht erinnern, in ihrem alten Leben jemals so wütend gewesen zu sein. In ihrem alten Leben sitzt sie in Vorlesungen, einmal erzählt ein Professor von seinem Sohn.

»Ich habe ihm mehrmals eine verpasst«, sagt er. »Ich habe kein Problem, das zuzugeben. Ehrlich gesagt halte ich eine Ohrfeige für weniger schädlich, als meinem Kind in die Augen zu schauen und ihm zu erklären, dass mich sein Verhalten sehr, sehr traurig stimmt.«

Cara weiß heute nicht mehr, was sie in diesem Leben den ganzen Tag gemacht hat. Ohne Oskar müssen die Tage unendlich lang gewesen sein, aber sie sieht sich auch damals von Verpflichtung zu Verpflichtung hetzen. Während sie für die letzten Prüfungen lernt, trennt sich ihr damaliger Freund von ihr. Danach ist sie lange allein, und kurz nach ihrem dreißigsten Geburtstag sucht sie sich einen Therapeuten. Später, als sie einfach nicht schwanger wird, geht sie wieder zu ihm, und der Therapeut sagt: »Natürlich gibt es Möglichkeiten, aber für eine Kinderwunschbehandlung sind Sie derzeit nicht stabil genug.«

Jetzt sollte sie einen neuen Termin vereinbaren. Sie sollte ihm erzählen, wie sie Oskar anschreit: »Von dir lasse ich mir mein Leben nicht kaputtmachen!« Wie sie ihn an den Armen packt. Wie sie ihn auf den Boden knallt, als wäre er ein schwerer Rucksack, den sie schon sehr lange trägt. Einmal wirft sie Oskar ins Gras. Sie schleudert ihn regelrecht von sich, zum Glück hat er seinen Fahrradhelm auf dem Kopf. Es passiert auf dem kleinen Spielplatz am Fluss, wo sie auf dem Heimweg vom Supermarkt manchmal anhalten.

»Das hast du gemacht?« fragt Lars erschrocken.

»Ich weiß auch nicht«, sagt Cara.

»Na ja«, sagt Lars. »Ich glaube, anderswo geht es noch schlimmer zu.«

Kurz nachdem Cara schwanger wird, schaut sie mit Lars ein Hausprojekt an: vier Häuser, achtzig Wohnungen, zweihundert Mitbewohner. Sie bekommen beide Angst, und als Oskar da ist, haben sie nicht das Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Sie sind erschöpft, aber es fühlt sich richtig an, zu dritt zu leben. Cara weiß noch, wie sie mit Oskar zum Babyschwimmen geht. Zuerst wundert sie sich über die Kursleiterin, die ständig sagt: »Wenn euer Baby diese Übung nicht mag, dann lasst sie einfach weg.« Erst nach einer Weile fällt ihr auf, dass manche Mütter die Übungen tatsächlich erst dann abbrechen, wenn die Kursleiterin ihnen das erlaubt. Nach dem fünften Termin bricht sie den Kurs ab. Später, als Oskar zu krabbeln beginnt, wünscht sie sich, jeden Tag zu einem solchen Kurs gehen zu können. Sie wünscht sich zweihundert Mitbewohner oder zumindest, dass Lars früher nach Hause kommt. Dabei kommt er schon zeitiger als die meisten Männer.

Nach der Schleudersache am Fluss steht Cara unter Schock.

»Die letzte Woche lief so gut«, sagt Lars. »Du hast einfach nicht damit gerechnet.«

Lars’ Erklärung leuchtet ihr ein, aber zwei Stunden später zittern ihre Hände immer noch. Sie denkt, dass sie heute etwas gelernt hat. Dass sie jetzt damit aufhört. Dass sie leise zählt, bevor die Wut sie mitreißt. Dass sie aus der Situation geht, wie sie es in diesem Ratgeber gelesen hat. Anderthalb Wochen hält Cara durch, solange, bis Oskar die Tapete bemalt.

Cara weiß nicht, woher die Wut kommt. Der Therapeut würde vielleicht wissen wollen, wie sich ihr Körper in diesen Momenten anfühlt. Er würde die Wut eine Welle nennen und sie fragen, ob sie nicht einfach unter dieser Welle hindurchtauchen kann. Cara redet erst einmal mit ihrem Bruder. Er rastet auch manchmal aus, einmal ist sie dabei. Er schreit seinen Großen an, weil der seine Jacke nicht vom Boden aufheben will, und danach gibt er zu, dass ihm das häufiger passiert. Manchmal fasst er die Kinder auch zu fest an, weil er sich irgendwie abreagieren muss. Seine Frau darf das aber nicht erfahren.

»Wieso nicht?« fragt Cara. »Lars weiß, dass ich Oskar manchmal schubse.«

»Du doch nicht«, sagt ihr Bruder. »Das ist nur deine Wahrnehmung.«

Manchmal vergisst Cara, wann Oskar geboren ist. Sie ist am 15. Mai geboren, Lars am 3. September. Über diese Tage muss Cara nicht nachdenken, bei Oskar aber stockt sie. 14. August, als Mutter muss sie sich das doch merken können. Sie hat Angst, dass sie irgendwann ein Formular falsch ausfüllt. Dass sie das falsche Jahr hineinschreibt oder den falschen Tag. Nur beim Monat ist sie sich sicher. Es war heiß, als sie in das Polster der Gebärliege biss, obwohl die Hebamme von ihr verlangte, mit möglichst tiefer Stimme zu schreien.

»Ich vermisse nichts«, sagt Janine. »Klar ist es anstrengend, aber die anderen schaffen es doch auch.«

Wenn Cara bei Janine und dem Baby ist, fallen ihr die ersten Monate wieder ein. Wie sie Oskar stillt und dabei liest. »Der geteilte Himmel. Franziska Linkerhand.« Wie sie Oskar wickelt und massiert und Lieder für ihn dichtet. Ihr fällt aber auch ein, wie sie im Wald ausschließlich Frauen mit Kinderwagen sieht, und ihr fällt diese Frau ein, die das dreijährige Kind neben dem Kinderwagen anschreit: »Ich bin auch ein Mensch, hörst du mich? Kannst du dir vorstellen, dass ich auch Bedürfnisse habe?«

Cara ist froh, als sie nach der Elternzeit ins Museum zurückkehrt, und sie bleibt manchmal länger, weil sie nicht mehr soviel wegarbeiten kann wie früher. Damit geht es aber nicht los. Es geht auch nicht los, als auch Lars’ Elternzeit endet und der Alltag plötzlich umständlich wird, und es geht nicht los, als Oskar anfängt zu sprechen. Oder doch, vielleicht geht es damit los. Als sie in der Eifel sind, ist Oskar zweieinhalb und plappert pausenlos. Vielleicht ist Cara eine gute Mutter für Babys, aber keine gute Mutter für Kinder. Vielleicht kann sie kein echtes Gegenüber ertragen, sie sollte mit dem Therapeuten darüber reden. Sie sollte mit ihrem Bruder reden, vielleicht glaubt er ihr beim zweiten Mal.

»Manchmal will ich Emil aus dem Fenster werfen«, sagt Janine.

»Wann?« fragt Cara.

»Das war doch nur Spaß«, sagt Janine. »Denkst du, ich meine das ernst?«

Einmal bleibt Cara nichts anderes übrig, als Oskar ins Museum mitzunehmen. Lars ist auf einer Konferenz, und sie will unbedingt zur Eröffnung der Ausstellung, die sie konzipiert hat. Es sind filigrane Papierarbeiten, manche davon größer als sie selbst, und sie erklärt Oskar mehrmals, wie er sich verhalten muss.

»Lass die Skulpturen einfach in Ruhe«, sagt sie. »Wenn dir langweilig wird, kommst du zu mir.«

Und Oskar lässt die Skulpturen in Ruhe. Er steht mitten im Raum und betrachtet sie, und Peter bleibt stehen und fragt: »Ist das hier überhaupt jugendfrei?«

Cara schaut ihn entgeistert an.

»War doch nicht so gemeint«, sagt Peter. »Ist der immer so artig?«

»Der kann auch anders«, sagt Cara und lacht.

Auf dem Nachhauseweg schläft Oskar im Fahrradsitz ein, und Cara trägt ihn vorsichtig nach oben. Sie legt sich neben ihn ins Bett und weiß wieder, warum sie das alles macht. Warum sie sich damit abgefunden hat, dass sie die Abende, an denen Lars und sie zu zweit sind, an einer Hand abzählen kann, dass sie es höchstens einmal im Monat in den Wald zum Joggen schafft und dass sie den halben Winter hustet, weil Oskar jede Woche eine neue Erkältung aus dem Kindergarten mitbringt. Wenn sie Oskar dort liegen sieht, nimmt sie die Erkältungen gern in Kauf.

Am nächsten Morgen ist Oskar müde, er will weder frühstücken noch den Schlafanzug ausziehen. Während Cara die Vesperdose für den Kindergarten füllt, kratzt er mit der Bastelschere den Lack von seinem Hochbett. Cara reißt ihn hoch, er schlägt mit dem Kopf gegen einen Pfosten und ist für ein paar Sekunden nicht ansprechbar.

»Soll ich Ihnen noch etwas verraten?« sagt der Professor. »Mein Sohn und ich verstehen uns prächtig. Viermal im Jahr lade ich ihn zum Essen ein, und dann lachen wir darüber, dass er sich an die Ohrfeigen nicht erinnern kann.«

Cara weiß nicht, wann es aufhören wird. Wird sie Oskar auch noch packen, wenn er sechs ist? Sieben? Zehn? Und wenn eines Tages etwas Schlimmeres passiert? Wenn Oskar länger bewusstlos bleibt? Oder wenn sie doch einmal zuschlägt? Mit einem Kochlöffel? Mit seinem Kran? Beim ersten Mal schöpft im Notfallzentrum sicher niemand Verdacht, beim zweiten Mal werden die Ärzte genauer hinschauen. Oder Janine spricht sie irgendwann an. Sie muss Cara schreien hören, schließlich hören sie auch Emil schreien. Cara sieht sich beim Jugendamt sitzen und sagen: »Sie haben recht, ich muss mich besser kontrollieren.« Oder eine Mutter aus dem Kindergarten meldet Caras Verhalten oder die Bedienung im Kindercafé oder die Aufsicht im Naturkundemuseum, wo Oskar gegen eine Wand fällt, als Cara ihn von einem Affenmodell wegreißt.

»Er ist noch klein«, sagt die Aufsicht und schüttelt den Kopf.

Lars übernimmt den weinenden Oskar, Cara geht nach draußen. Manchmal wäre sie froh, wenn Lars ihr das nicht durchgehen lassen würde. Wenn er sie zwingen würde, wieder zum Therapeuten zu gehen. Wenn er sie in eine Beratungsstelle schicken würde. Wenn er sagen würde: »Noch einmal, und Oskar und ich sind weg.« Würde Lars dasselbe tun wie sie – sie hätte längst eine Wohnung nur für sich und Oskar gesucht.

»Für alle Menschen hat der Tag vierundzwanzig Stunden«, sagt Peter. »Es stimmt nicht, dass du weniger Zeit hast als ich.«

Lars sagt eine Konferenz ab. Er bringt Oskar schon wieder ins Bett, damit Cara ausgehen kann. Cara geht aber nicht aus. Sie sitzt in der Küche und starrt auf die weiße Wand. Als das Weiß zu flimmern beginnt, klappt sie den Rechner auf und bestellt einen Schneeanzug für Oskar. Neue Unterhemden braucht er auch, und nach dem Sommer soll Oskar eine Federmappe in den Kindergarten mitbringen, mit Bunt- und Filzstiften in allen Grundfarben. Dann schaut sie sich den Internetauftritt des Museums an. Letzte Woche wurden alle Mitarbeiter fotografiert. Ohne zu fragen, hat der Fotograf die Sommersprossen aus ihrem Gesicht entfernt.

»Ein Kind ist kein Kind«, sagt Janine.

»Ihr müsst die Rollen klarer verteilen«, sagt Caras Bruder. »Es ist kompliziert, wenn sich beide um Kind und Haushalt kümmern. Ich wette, ihr seid die Hälfte der Zeit mit Absprachen beschäftigt. Das würde mich auch fertigmachen.«

»Willst du nächstes Wochenende wegfahren?« fragt Lars.

Aber ein freies Wochenende macht die Sache noch schlimmer. Nach einem freien Wochenende hat Cara sich noch weniger unter Kontrolle, und manchmal ist es am Wochenende sogar schön. Manchmal gibt es Momente, in denen alles so ist, wie sie es sich vorgestellt hat: Lars und Oskar bauen einen Roboter aus Eierkartons. Sie führt mit Lars so etwas wie ein Gespräch, während Oskar seine neue CD anhört. Oskar klammert sich an ihre Hand, als im Kindertheater das Gespenst auftritt.

»Ist heute Herbst?« fragt er, als sie morgens durch den Wald zum Kindergarten radeln. Er sitzt hinter ihr auf dem Fahrradsitz und spielt schon wieder an ihrem Rucksack herum. Das macht sie wahnsinnig, aber sie zwingt sich zur Ruhe. Der Tag ist erst zwei Stunden alt, nach zwei Stunden muss das noch gehen.

»Ja, jetzt ist Herbst«, sagt sie.

»Und wann kommt der Schnee?«

»Der kommt im Winter«, sagt Cara.

Der Wind fegt die Blätter von den Bäumen.

»Der Winter!« ruft Oskar. »Mama, es schneit!«

»Das sind Blätter«, sagt Cara.

»Ich weiß«, sagt Oskar. »Wir spielen das doch nur.«

Katharina Bendixen, Jahrgang 1981, ist Schriftstellerin. Sie schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene, erhielt diverse Auszeichnungen und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

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