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Aus: Ausgabe vom 26.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Philosophie

Für die Zukunft

Die katalanische Philosophin Marina Garcés fordert eine neue Aufklärung
Von Sabine Fuchs
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Die »Fridays for Future«-Bewegung bietet viele Anknüpfungspunkte für eine neue Aufklärung

Das Zeitalter der Aufklärung hat im Moment keinen besonders guten Ruf. Das 18. Jahrhundert sei vor allem von menschenverachtendem Kolonialismus geprägt, so die Kritiker. Intellektuelle, die wie Alexander von Humboldt Sklaverei und Rassismus explizit angeprangert und an die Gleichstellung von Frauen geglaubt haben, seien nur die Ausnahme gewesen, nicht die Regel. Die katalanische Philosophin Marina Garcés hat einen anderen Zugang: Autoritarismus, Obskurantismus und die Faszination vieler Menschen weltweit für die soziale und politische Vormoderne – etwa in Form von tribalistischen und religiösen Zugehörigkeiten – machen, so Garcés, eine neue, radikale und an unsere Zeit angepasste Aufklärung unabdingbar.

Garcés, Professorin für Gegenwartsphilosophie an der Offenen Universität von Katalonien in Barcelona, erhielt ihre akademische Ausbildung in den 90er Jahren, als die Postmoderne langsam ihre Strahlkraft verlor. Ausgehend von der Frage, was nach dem »Danach« der Moderne komme, entwickelte sie eine Philosophie, die eng mit dem Entstehen sozialer Bewegungen im neoliberalen Spanien sowie ihrem eigenen politischen Engagement verbunden war. Sie war im Jahr 2002 Mitbegründerin der Gruppe »Espai en Blanc« (Leerzeichen), die in einem besetzten Haus in Barcelona gegründet wurde und sich seither in kollektiven künstlerisch-wissenschaftlichen Projekten mit neuen Formen des Politischen beschäftigt. Im Kontext der Debatten um »Commons« und »Multitude« entwickelte sie eine Philosophie des »Wir«, das im Zeitalter der Globalisierung nur als universelles »Wir« der gesamten Menschheit verstanden werden kann.

Ihr 2017 entstandener Essay »­Nueva ilustraciòn radical« (deutsch »Neue radikale Aufklärung«, Turia & Kant, 2019) unterscheidet die radikale Aufklärung des 18. Jahrhunderts klar vom frühkapitalistischen Modernisierungsprojekt des Kolonialismus. Den Kampf der Aufklärung gegen Aberglauben und Leichtgläubigkeit, dem intellektuelle Kritik und das Vertrauen in die Fähigkeit der menschlichen ­Natur, sich selbst zu verbessern zugrunde lagen, mit dem Herrschaftsprojekt des Kolonialismus gleichzusetzen, sieht sie als reaktionäres Argument an. Dies komme etwa in Horkheimers Diktum, Aufklärung gehe immer mit Unheil einher, zum Ausdruck: Damit könne jeder Versuch, die Welt zum Besseren zu verändern, jeder Wunsch nach kollektiver oder persönlicher Emanzipation neutralisiert und im Keim erstickt werden.

Die Dringlichkeit einer neuen Aufklärung ergibt sich für Garcés aus dem, was sie die postume Kondition der Gegenwart nennt. Der Faszination für eine apolitische Vormoderne setzt die neoliberal-kapitalistische Moderne lediglich technokratische Lösungsvorschläge entgegen. Gleichzeitig behauptet sie die Alternativlosigkeit ihrer ureigensten Prämisse eines Wirtschaftswachstums um jeden Preis. Die Widersprüche dieses Denkens liegen auf der Hand: Die Unumkehrbarkeit der (vor allem ökologischen) Katastrophe wird hingenommen und die Zukunft zunehmend als ablaufende Zeitspanne wahrgenommen, nicht mehr als etwas, das zum Besseren verändert werden kann.

Garcés plädiert dafür, den Kampf gegen die Leichtgläubigkeit neu aufzunehmen und die Zukunft wieder als lebbare Zeit zu sehen, um die gekämpft und die gestaltet werden kann. Den an die kapitalistischen Machthaber und ihre technokratischen Lösungsvorschläge ebenso wie an rechte Obskurantisten gerichteten Satz »Wir glauben euch nicht!« hält sie für den wichtigsten und egalitärsten Satz eines kritischen Denkens.

Man merkt Garcés’ Thesen an, dass sie bereits 2017 entwickelt wurden. Seitdem ist die Fridays-for-Future-Bewegung entstanden, die viele Anknüpfungspunkte zu ihrem Plädoyer für eine neue Aufklärung bietet: die Grundlage der Wissenschaftlichkeit, die Absage an die neoliberale Ideologie, den klaren Blick auf den Zusammenhang von ablaufender Zeit und lebbarer Zukunft. Aber auch die Wissenschaftsfeindlichkeit nimmt zu und wird rabiater, wie man am Beispiel der Coronaleugnerdemos sehen kann.

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