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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
Literatur

Der alltägliche Faschismus

Im Herbst 1928 bereiste Joseph Roth Italien. Das Leben in der Diktatur hielt er in seinen Reportagen fest
Von Ralf Höller
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Propagandaveranstaltung der faschistischen Jugendorganisation »Gioventù Italiana del Littorio« in Verona (1937)

Der erste Faschist wartete gleich am Bahnhof. Joseph Roth war gerade dem Zug entstiegen, schon bot sich ihm ein handfester Eindruck, wie es sich unter einem totalitären Regime lebt. Die Wahrnehmung ist nicht so verschieden von der, die Eric Ambler ein Jahrzehnt später in seinem großartigen Roman »Cause for Alarm« (1938; deutsch »Anlass zur Unruhe«) schildern sollte. Nur die Perspektive war eine andere: Amblers Romanheld ist auf der Flucht, Roth als Journalist aus eigenen Stücken unterwegs.

Die Kulisse aber ist dieselbe: Italien, eine faschistische Diktatur mitten in Europa. 21 Jahre hatte sie Bestand; rechnet man die Republik von Salò mit, kommen noch mal zwei obendrauf. Im Herbst 1928 schrieb Roth eine Reihe von Reisereportagen aus Italien für die Frankfurter Zeitung und fasste die Artikelserie später unter dem Titel »Das vierte Italien« zusammen. Eine deutliche Anspielung auf das Selbstverständnis des italienischen Faschismus: Italien als nach Mussolinis Machtübernahme wiederauferstandenes »viertes Reich«, das aus den Ruinen des antiken römischen Imperiums, dem Papsttum in Mittelalter und früher Neuzeit und der Nationalstaatsidee des gescheiterten Risorgimento (»Wiedererstehung«, zwischen 1815 und 1870) hervorgegangen war.

Das zeitgenössische Italien empfindet Roth als »ein Land für Hochzeitsreisende und nicht für Journalisten«; es wünsche »Fremde mit unzweideutigem Interesse für die Vergangenheit, für Ruinen, Museen, den Lido und den Vesuv«. »Fremde«, hingegen »mit einer Leidenschaft für die italienische Aktualität, mit einem Interesse für Pressefreiheit, für die Lage des Proletariats und für die Finanzgebarung des Staates kann der Faschismus nicht brauchen«.

Folgerichtig stellt er fest: »In Italien ist man darauf eingerichtet, es der harmlosen Gattung von Reisenden so bequem zu machen, wie es im Rahmen einer Diktatur überhaupt möglich ist; und es den anderen so unbequem zu machen, wie es nur im Rahmen einer Diktatur möglich ist.«

Und wie sieht es in einer solchen Diktatur aus? An das erste Renkontre mit dem Faschisten auf dem Bahnhof (»An seinem schwarzen Hemd war er leicht zu erkennen«) schließt sich am selben Ort gleich ein zweites Erweckungserlebnis an. Die Stadt wird nicht genannt, vermutlich ist es Triest. Roths weitere Stationen waren Meran, Mailand, Rom, Neapel und Genua. Direkt bei seiner Ankunft muss sich Roth wie alle übrigen Reisenden bei der Bahnhofskommandantur melden. Eine solche Einrichtung, ebenso bürokratisch wie martialisch, kannte Roth bislang nur aus dem letzten Krieg. Sie erscheint ihm beispielhaft für die militärische Durchdringung des Alltags im Faschismus. Jetzt fällt Roth auch auf, wie viele Menschen in Uniform an diesem Bahnhof unterwegs sind. Und, noch schlimmer: »Alles ist bewaffnet.«

Das beklemmende Gefühl setzt sich fort, sobald Roth ins Freie tritt. Er fühlt sich beobachtet, kann keinen Schritt tun, ohne dass es jemandem auffallen würde und sich ein misstrauisches Augenpaar in seinen Nacken bohrt. Oder ist es doch eher der Verfolgungswahn, unter dem Roth leidet? Roth ist sich dessen bewusst, dass hier nur »der erste – und notwendigerweise oberflächliche – Eindruck« vorliegt. Aber dieser Eindruck will partout nicht weichen.

Der Beobachter hat seine Sinne entsprechend justiert, der Journalist bewahrt ein kritisches Bewusstsein von der eigenen Sehschärfe. Roth registriert weitere Merkwürdigkeiten: »Es bedarf keiner besonderen Beobachtungsgabe, um neben den Uniformen auch Polizeispitzel in Zivil wahrzunehmen«, notiert er und findet: »Diese Spitzel scheinen selbst eine naive Freude an ihrer Auffälligkeit zu finden. Ihre Methode ist nicht Bewachung, sondern Einschüchterung.«

Offenbar funktioniert sie; nicht nur bei Roth selbst: »Der italienische Bürger fürchtet den Zeitungshändler an der Ecke, den Zigarettenverkäufer und den Friseur, den Portier und den Bettler, den Nachbarn in der Straßenbahn und den Schaffner. Und der Zigarettenhändler, der Friseur, der Nachbar und der Schaffner fürchten sich untereinander.«

Es folgen weitere Alltagsbegegnungen, die seine anfänglichen Beobachtungen bestätigen. Roth fallen die vielen Paraden Uniformierter, etwa der faschistischen Jugendorganisation, in den Straßen auf. Dasselbe Phänomen beobachtet später übrigens auch Ambler. Die Umzüge sind aufdringlich, laut und scheinen die Umstehenden zum Mitmachen aufzufordern. Märsche werden getrommelt und geblasen, Stiefelabsätze bohren sich rhythmisch in den Asphalt, begleitend erklingt das martialische »Eja eja alalá« aus der letzten Zeile der »Giovinezza«, der Hymne der Mussolini-Partei. Rings um die Paraden herrscht Stille. »An den Straßenrändern bleiben Neugierige stehen«, bemerkt Roth: »Sie sind schweigsam. Sie erwidern die Kriegsrufe der Marschierenden nicht.«

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»Alles ist bewaffnet«, stellt Joseph Roth bei seiner Ankunft in Italien fest

Roth ist Journalist, seine Beiträge schreibt er für die Frankfurter Zeitung, seine Artikel werden in Deutschland gelesen. Auch dort marschieren Paramilitärs, freilich sind die Braunhemdträger der SA noch nicht im Regierungsauftrag unterwegs. Ein halbes Jahrzehnt wird noch vergehen, bis ihre Bewegung die Macht übernimmt. Roth kann das nicht wissen, er kann es sich nur denken. Als politischer Mensch sieht er seinen publizistischen Auftrag auch darin, die Deutschen vor einer ähnlichen Entwicklung zu warnen und sie zu mahnen, nicht zu schweigen und nicht stillzuhalten. So wie Ambler nach dem Triumph der faschistischen Staaten auf der Münchner Konferenz die schweigenden und stillhaltenden Westmächte mahnte, nach dem Verrat an der Tschechoslowakei nicht noch weitere Demokratien im Stich zu lassen.

Nach den italienischen Militärs und Paramilitärs nimmt sich Roth die Zivilisten vor. Der erste, mit dem er längere Zeit zu tun hat, zeigt sich an der Rezeption seines Hotels. Es ist der Portier, seine »professionelle Freundlichkeit mischt sich mit jener schlecht verhehlten Neugier, die den mittelmäßigen Spitzel verrät. Er ist nicht dazu geboren, der Polizei Dienste zu leisten. Er ist – er sagt es selbst – seit zwanzig Jahren im Hotelgewerbe, er war noch in einer Zeit Hotelportier, in der jeder ­Fremde in Italien nur ein Gast war, kein Gegenstand behördlicher Zweifel.«

Roth stößt sauer auf, dass er gleich nach seiner Ankunft den Reisepass abgeben muss. Das beraubt ihn noch mehr seiner ohnehin schon eingeschränkten Freiheit. Roth lässt Zahlen sprechen, mit Quellenangabe: »Nach den Mitteilungen Mussolinis (am 26. Mai 1927) gibt es im faschistischen Italien: 60.000 Gendarmen, 15.000 Polizisten, 5.000 Polizisten in Rom, 10.000 Mann der Eisenbahn-, der Post- und Telegraphen-Miliz.« Geht doch noch, könnte man angesichts der heutigen Kräfteverhältnisse einwenden. »Dazu kommen«, setzt Roth noch einen drauf, »die Grenz-Miliz und 300.000 Mann der freiwilligen Faschisten – Miliz ›für die nationale Sicherheit‹. Allein schon die Existenz dieser Streitkräfte würde genügen, die persönliche Freiheit des italienischen Staatsbürgers zu beschränken. Aber es gibt die faschistischen Gesetze, die sie vollkommen aufheben.«

Es fällt auf, dass Roths sämtliche italienischen Reiseberichte ohne Ortsangabe sind. Kafka hat dies in seinen Werken fast immer so gehalten. Auch Roths Reportagen sind gleichnishaft, die Ortlosigkeit steht für die Ubiquität der faschistischen Diktatur. Was sich heute in Italien abspielt, kann sich morgen schon in Deutschland ereignen. Oder in Österreich. Dazu möchte Roth nicht schweigen. Er fasst sich an die eigene Nase und hinterfragt kritisch die Rolle der Presse: Der »kontrollierte italienische Journalist ist kein Journalist mehr«, konstatiert er mit einer Mischung aus Bedauern und Entsetzen. »Er darf nicht nur nicht schreiben, was er will, er muss theoretisch so geartet sein, dass er gar nicht in die Lage kommt, etwas Verbotenes schreiben zu wollen. Als ein konsequenter Ja-Sager begleitet er die Verordnungen, Verfügungen, Entschließungen, Maßnahmen der Regierung.«

Anders Roth. Er gibt den italienischen Antifaschisten, die von Mussolinis Schergen bekämpft, isoliert und mundtot gemacht werden, eine Stimme. Wenn schon nicht in Italien, so Roths Zuversicht, wird sie im Ausland gehört werden. Die Hoffnung trog. Die Frankfurter Zeitung druckte nur vier seiner Berichte. Selbst die erschienen stark verkürzt, zudem redigiert und ohne Nennung des Verfassers. Nach seiner vierten Reportage, in der er sich die italienische Presse vorknöpfte und mit deren Vertretern, die sich seiner Meinung nach dem faschistischen Regime gegenüber viel zu subaltern und willfährig verhielten, hart ins Gericht ging, wurde Roth aus Italien abgezogen. Er solle, beschied man ihm in der Redaktion, seine Haltung noch einmal überdenken. Statt sich an die eigene Nase zu fassen, hatte Roth sie endgültig voll und reichte seine Kündigung ein.

Es sollte keine endgültige sein, das Tischtuch zwischen ihm und der ­Frankfurter Zeitung war nie ganz zerschnitten. Zumal dort der Freund und Kollege Benno Reifenberg saß. Als Roth jedoch im Januar 1933 ins Exil ging und Reifenberg sich entschloss, in Nazideutschland zu bleiben, brach Roth die Beziehung sofort ab: »Menschen, die ihre Ehre vernachlässigen«, ließ er dem Exkumpel ausrichten, »sind nicht mehr meine Freunde.«

*

Roths italienische Reportagen sind versammelt in dem von Petra Herczeg und Rainer Rosenberg zusammengestellten Band »Joseph Roth auf Reisen«, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2011. Die umfangreiche Palette hervorragender Artikel liefert den Beweis, dass sich der Journalist und Feuilletonist keineswegs hinter dem Romancier Roth verstecken musste. Was nur mag die Herausgeber geritten haben, ausgerechnet bei den Italien-Reportagen Roth noch ärger in die Parade zu fahren als weiland die Frankfurter Zeitung? Die vierte Reportage vom 22. Dezember 1928 über das Versagen der italienischen Presse fehlt komplett.

Eine sehr gute Studie zu Roths Journalismus stammt von Philipp Leson: »Die Reisereportagen Joseph Roths«, Dissertation, Philipps-Universität Marburg 2016. Schließlich sei auf Wilhelm von Sternburg, »Joseph Roth – Eine Biographie«, Kiepenheuer-und-Witsch-Verlag, Köln 2009 verwiesen. Es ist die aktuellste und umfangreichste Biographie über Roth. Über die italienischen Reportagen schreibt Sternburg: »Der Korrespondent Joseph Roth sieht genauer hin als viele begeisterte Reisende, die in Mussolinis Italien so etwas wie eine Wiederauferstehung des alten Roms (sic!) zu erkennen glauben.«

Ralf Höller ist Historiker und Journalist. An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 23./24.11.2019 »Hunde, ihr dürft ewig leben! Ein Besuch in einem südmährischen Schloss«.

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