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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 5 / Inland
Erderwärmung

Rufe nach Klimaschutz

Aktivisten und Wissenschaftler sehen Flutkatastrophe als ernste Warnung
Von Bernd Müller
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Extremwettersituation: Hochwasserschäden in Marienthal, Landkreis Ahrweiler, am 14. Juli

Die Flutkatastrophe in Teilen der BRD hat Rufe nach mehr Klimaschutz laut werden lassen. Aktivisten von »Fridays for Future« (FFF) fordern nun von der Bundesregierung Taten, um die Erderwärmung abzumildern. Seit Jahrzehnten verhalte die sich so, als könne die Klimakrise Deutschland kaum etwas anhaben, erklärte die FFF-Sprecherin Luisa Neubauer am Mittwoch gegenüber dpa. Die Flutkatastrophe sei nicht nur ein großes Unglück, sie sei »auch Konsequenz der politischen Weigerung, wissenschaftliche Warnungen ernst zu nehmen«. Die Bundesregierung müsse »echte Pläne« vorlegen, mit denen die Erderwärmung gestoppt und die Menschen besser geschützt werden könnten.

Neubauers Argumentation wird von Wissenschaftlern des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) e. V. gestützt. Astrid Kiendler-Scharr, Atmosphärenforscherin und Leiterin des Instituts für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich, erklärte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz des DKK: »Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich weltweit«. Sie verwies auf die Flutkatastrophe, die Deutschland »in einem bisher unbekannten Ausmaß heimsuchte«. Solche Extremwetter mit ihren verheerenden Folgen seien schon heute durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden.

Kiendler-Scharr hat am neuen Bericht des Weltklimarates (IPCC) mitgewirkt, der Anfang August der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird. Sie ist Leitautorin des Kapitels zu kurzlebigen Klimaschadstoffen. Der erste Band des Berichts wird am 9. August veröffentlicht und fasst die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels zusammen, zum Beispiel die Erderwärmung und deren Folgen für den Meeresspiegel, die Arktis und Extremwettersituationen.

Dies bekräftigte auch Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar-Helmhotz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er referierte über die Aussagekraft von Klimamodellen, die auch dem IPCC-Bericht zugrundeliegen. Mit ihnen könne man nicht nur anhand von physikalischen Gesetzen simulieren, wie sich das Klima der Erde in Zukunft entwickle, man könne auch sehen, »dass jetzt sehr gut zutrifft, was die Modelle früher berechnet haben«. So habe in einem Modell gezeigt werden können, dass durch die Erwärmung des Mittelmeeres die extremen Niederschläge in einigen Regionen Westdeutschlands wahrscheinlicher werden.

Bis zum Jahr 2050 müsste die Klimaneutralität erreicht werden – und zwar weltweit, erklärte Hauke Schmidt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Nur so könnten die Folgen des Wandels halbwegs beherrschbar bleiben. »Um den Temperaturanstieg zu stoppen und die Risiken für die nächsten Generationen zu verringern, müssen die globalen Treibhausgasemissionen in der Gesamtbilanz auf null sinken«, so Schmidt weiter. Das gehe aber nur, indem die Menschen aktiv das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnehmen. Denn manche Emissionen seien unvermeidbar, zum Beispiel in der Landwirtschaft, und um sie auszugleichen, müssten Lösungen gefunden werden.

Doch in der BRD gibt es auch Skepsis. Noch immer bemühen sich deutsche Politiker, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. So sagte FDP-Chef Christian Lindner am Mittwoch den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, als »moralischer Weltmeister« werde Deutschland Länder wie China, Südamerika oder Indien nicht »für den Klimaschutz begeistern können«. Höchstens in der Bundesrepublik werde man auf diese Weise Einsparziele erreichen, »nachdem wir unsere wirtschaftliche Substanz, Jobs und soziale Absicherung für Millionen Menschen geopfert haben«.

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  • Leserbrief von Dipl.-Ing. Ulrich Becker aus Alfter (26. Juli 2021 um 12:20 Uhr)
    Wir erwärmen die Atmosphäre durch den Eintrag klimawirksamer, anthropogener Spurengase nicht mehr zusätzlich, sondern wir sind dabei, den gesamten Planeten mit Vollgas zu verbrennen. Bereits 2020 war ein Extremjahr der Brandkatastrophen (Australien, Kalifornien, Nordrussland bzw. Polarkreis, Brasilien etc.) und weiterer menschengemachter Katastrophen. Nun kommen die Einschläge deutlich näher: Bestürzt haben wir die Bilder von Überschwemmungen (und Bränden) aus aller Welt in den letzten Jahren gesehen. Jetzt versuchen nicht mehr »nur« die (Klima-)Flüchtlinge sich bei »uns« in Europa in Sicherheit zu bringen, sondern nun kommen auch die extremsten Katastrophen biblischen Ausmaßes direkt vor die Haustür (ich wohne im Rhein-Sieg-Kreis). Nach meiner Überzeugung ist das 1,5-Grad-Ziel definitiv nicht mehr zu halten. Wer, nach meiner Überzeugung, daran noch glaubt, ist unwissend oder naiv. Bei derzeitigem Verbrauch wäre unser CO2-Budget (420 Gigatonnen ab 2017 gerechnet; MCC Berlin) in sechs Jahren aufgebraucht. Für das Zwei-Grad-Ziel haben wir, wiederum bei den derzeitigen Emissionen, noch etwas mehr als 20 Jahre (rund 1.000 Gigatonnen). Mit erheblichen ökologischen und ökonomischen Anstrengungen und einer Reduktion der Emissionen um jährlich circa sieben Prozent wäre das Ziel eventuell noch zu erreichen, so die Wissenschaftler. Wie aber in einem großen Maßstab das derzeitige Kohlendioxid teilweise wieder aus der Atmosphäre entzogen werden soll, das würde ich schon gern wissen. Immerhin ist selbst die »grüne Lunge« der Welt, der Amazonas-Regenwald, zu einem Nettoemittenten an CO2 verkommen (jW 21.7.2021), und auch die Ozeane sind leider immer weniger imstande, die gleiche Menge Kohlendioxid wie zuvor aufzunehmen (physikalische und biologische »Pumpe«).
    Der Porsche-Liebhaber Christian Lindner sagte vor kurzem: »Man soll ja den Klimaschutz den Profis überlassen.« Stimmt, er hält sich besser raus aus dem Thema, denn er gehört der Politikerkaste an, die deutlich Teil des Problems und nicht deren Lösung ist, was allerdings auf den allergrößten Teil des politische Personals zutrifft. Ich fürchte, dass wir schon heute entscheidende Kipppunkte (englisch: Point of no return) im globalen Klimasystem überschritten haben oder kurz davorstehen. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr erreichen sollten, dann »ist die Hölle los« (Hans Joachim Schellnhuber, 2005!). Die Aussage bezog sich im übrigen auf das Überschreiten von 400 ppm (Parts per million), bekanntlich sind wir hier mit circa 412 ppm (2019) schon deutlich darüber …
    Für FFF, für Scientists for Future etc. bedeutet das: »Rufen« reicht nicht mehr. Was wir brauchen, ist eine ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Revolution, und dies am besten mit Lichtgeschwindigkeit.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (22. Juli 2021 um 13:13 Uhr)
    »Not lehrt Denken!« sagte einst Ernst Bloch in seinem »Prinzip Hoffnung«. Man möchte den Wissenschaftlern dieser Welt, den »Naturwissenschaftlern« wie den »Humanwissenschaftlern«, zurufen: »Vereinigt Euch!« Überwindet die von unserem System Euch nach dem Motto »Teile und herrsche!« aufgezwängten Schranken und lernt, »interfakultativ« Euer Wissen so zu vermitteln, dass es »jede*r« versteht. Tretet in die Öffentlichkeit. Die Menschen, die vor allem damit beschäftigt sind, ihre aktuelle Existenz, einschließlich der Existenz ihrer Familien, zu sichern und sich »nicht um alles kümmern können«, die aber dennoch den vor Ort Betroffenen tatkräftige Hilfe leisten, brauchen Eure Hilfe. Denn die von uns im Vertrauen in ihre Kompetenz gewählten Politiker verstehen allem Anschein nichts, bevor sie nicht selber Angst um ihr eigenes Überleben haben müssen und/oder selbst von dem Verlust ihres »Hab und Guts«, von Obdachlosigkeit betroffen sind. Es ist das Psychologen und Neuropsychologen bekannte allzumenschliche Phänomen der Befangenheit in der eigenen Wahrnehmung aufgrund mangelnder eigener Erfahrung, von dem sie betroffen zu sein scheinen, zu dem auch die »Katastrophendemenz« gehört. Denn dafür, dass die uralte Hybris, dass der Mensch, sich »die Erde untertan« machen könne oder die nach wie vor gängige Meinung, »der Markt kann alles regeln«, entlarvt ist, sprechen nicht nur die aktuellen Fakten, sondern auch die Erkenntnisse der Wissenschaft.
    Josie Michel-Brüning

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