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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Coronapandemie in Großbritannien

Selektive Freiheit

Großbritannien: Regierung von Premier Johnson kehrt in Coronapandemie zu Durchseuchungsstrategie zurück. Hunderttausende in Quarantäne
Von Christian Bunke
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Pandemiemaßnahmen gestrichen: Besuch des Towers von London ohne Maske und Abstand (19.7.2021)

Der britische Premierminister Boris Johnson ist einer der bekanntesten Verfechter einer sogenannten Herdenimmunitätsstrategie, wenn es um die Bekämpfung des Coronavirus geht. Nur der drohende Kollaps des Gesundheitswesens ließ ihn zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 davon abrücken. Mit dem Fortschreiten der Impfkampagne in Großbritannien kehrt er nun jedoch wieder zur Durchseuchungsstrategie zurück. Johnson glaubt, trotz stark ansteigender Infektionszahlen die Krankenhausaufenthalte bei größtmöglicher Öffnung der Wirtschaft auf einem »vertretbaren Niveau« halten zu können – wobei er keine klaren Angaben dazu macht, bis wann genau ein solches gegeben sein soll.

An diesem Kurs gibt es zunehmend Kritik aus Medizin und Forschung. Und tatsächlich ist Johnson bereits wieder am Lavieren, wie so oft im Laufe seiner Amtszeit. So machte er nur Stunden nach dem großspurig angekündigten »Freiheitstag« am Montag eine Ansage mit potentiell großen Auswirkungen. Wie der Premier während einer Fernsehansprache mitteilte, soll ab Ende September Zutritt zu Nachtclubs und nicht näher spezifizierten »Orten mit großen Menschenansammlungen« nur noch bekommen, wer einen vollständigen Impfschutz nachweisen kann. Bei den mRNA-Impfstoffen bedeutet das, dass man den Erhalt beider Impfdosen belegen muss. Die Frist bis Ende September wird von der Regierung damit begründet, dass man jungen Erwachsenen im Alter bis zu 30 Jahren genug Zeit für den Erhalt des vollen Impfschutzes geben möchte.

Sollte diese Maßnahme umgesetzt werden, wird das auch bedeuten, dass Impfpässe zukünftig eine viel größere Rolle im öffentlichen Leben spielen werden, als bislang von der Regierung zugegeben. Bei den Nachtclubbetreibern herrscht großes Entsetzen. Der Lokalzeitung Manchester Evening News sagte Michael Kill, der Chef der »Night Time Industries Association«, am Dienstag: »Impfpässe sind einfach eine ganz schlechte Idee. 80 Prozent aller Nachtclubs wollen sie nicht kontrollieren.«

Unklar ist, ob Impfpässe zukünftig auch für den Einlass bei großen Sportereignissen, Festivals, dem Besuch von Kneipen und Bars oder der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verpflichtend sein werden. Johnson wollte sich hier auf Nachfrage mehrerer Journalisten bislang nicht festlegen. Manches wird auch davon abhängen, welche Kompromisse der Premier seiner eigenen Parlamentsfraktion noch machen muss. 40 konservative Unterhausabgeordnete lehnen die jüngsten Vorschläge des Regierungschefs ab, die Fraktion der Liberaldemokraten ebenfalls. Auch Labour erwägt ein »Nein« zur geplanten Gesetzesvorlage, der somit die nötige Mehrheit fehlen könnte.

Chaos gibt es auch an anderer Stelle. In den verschiedenen Landesteilen Großbritanniens wird zunehmend auf die Verwendung von Handy-Apps gesetzt, welche Menschen, die in engem Kontakt mit einer infizierten Person standen, elektronisch zur Selbstisolation auffordern. Seit den ersten Öffnungsschritten und mit den stetig wachsenden Infektionszahlen schlägt diese App immer öfter Alarm. In britischen Medien ist inzwischen von einer »Pingdemie« die Rede, in Anspielung auf den Klingelton, der die Aufmerksamkeit betroffener Kontaktpersonen erregen soll.

Weil buchstäblich Hunderttausende Menschen inzwischen von der App zur Quarantäne aufgefordert werden, ließ zu Beginn dieser Woche Staatssekretär Paul Scully mit dem Vorschlag aufhorchen, das alles doch nicht so eng zu sehen. Ob man in Quarantäne gehe oder nicht, sei Privatsache, und individuell zwischen Unternehmen und lohnabhängig Beschäftigten auszuhandeln, diktierte Scully den Medien in die Aufnahmegeräte. Der Minister versuchte hier eine Gesetzeslücke auszunutzen. Denn nur wer telefonisch im Rahmen der Kontaktnachverfolgung des staatlichen Gesundheitswesens zur Quarantäne aufgefordert wurde, ist dazu auch gesetzlich und bei Androhung hoher Geldstrafen verpflichtet. Die App gilt im Vergleich eher als auffordernde Entscheidungshilfe.

Ganz offensichtlich richtete sich Scullys Vorstoß an Unternehmen, die so einen Freibrief zur Ausübung von Druck auf ihre Beschäftigten erhielten, damit diese auch im Fall einer möglichen Coronainfektion am Arbeitsplatz erscheinen. Dabei ist die Lage für Lohnabhängige diesbezüglich ohnehin miserabel. Viele Bosse verweigern ihren Beschäftigten im Falle einer Quarantäneaufforderung schlichtweg die Lohnfortzahlung. Für die Betroffenen könne das existenzgefährdend sein, erklärte die Kommunikations- und Postgewerkschaft CWU in einer Mitteilung vom Dienstag. Quarantäne bedeute Lohnverlust und für viele Menschen drohende Zahlungsschwierigkeiten, etwa beim Begleichen der Miete. In Großbritannien schleppen sich schon seit Beginn der Pandemie vor allem Menschen aus unteren Lohngruppen trotz Coronainfektion und teilweise deutlichen Krankheitssymptomen zur Arbeit.

Die Regierung ist in der Frage inzwischen ein Stück zurückgerudert. »Unternehmen sollen ihre Beschäftigten nicht dazu auffordern, nicht in Quarantäne zu gehen. Verpflichtende Quarantäne bleibt ein essentieller Bestandteil der Pandemiebekämpfung«, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme aus der Downing Street. Letztlich sei der Zwang zur Selbstisolation laut Premierminister Johnson »einfach ein nötiges Opfer für eine große Minderheit in unserem Land, damit der Rest der Gesellschaft so etwas wie Normalität erleben kann«. Das ist die Freiheit, die er meint.

Hintergrund: Impfprogramm und Inzidenzen

Am Montag wurde in England der sogenannte Freiheitstag begangen. Seitdem dürfen auch Nachtclubs wieder öffnen. Die allermeisten Coronabeschränkungen in Großbritannien sind nun Geschichte. Vorerst zumindest. Denn aufgrund der dramatisch steigenden Infektionszahlen gibt es längst wieder eine Debatte über neue Einschränkungen.

Derzeit gibt es in Großbritannien täglich rund 50.000 neue Coronainfektionen. Besonders unter Schulkindern steigen die Zahlen. Laut der Tageszeitung The Guardian hat allein in der vergangenen Woche eine Million Kinder nicht am Unterricht teilnehmen können, weil sie sich in Quarantäne begeben mussten. Die Zahl der mit Covid-19 in Verbindung stehenden Krankenhausaufenthalte wächst ebenfalls. Laut Angaben des britischen »Chief Medical Officer« Christopher Whitty verdoppelt sie sich rund alle drei Wochen. Am Dienstag wurden 96 neue Todesfälle im Zusammenhang mit einer Coronainfektion gemeldet, laut dem Onlineportal I News ist das der höchste Stand seit Mitte März.

68,8 Prozent der erwachsenen britischen Bevölkerung haben inzwischen den vollen Impfschutz. Das entspricht 51 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den 18- bis 30jährigen sind nur 35 Prozent vollständig geimpft. Bei jungen Menschen im Alter von unter 18 Jahren ist die Immunisierungskampagne erst seit einigen Wochen angelaufen. Unter 16jährige werden derzeit nur geimpft, wenn sie aufgrund von Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören. In bezug auf eine generelle Freigabe der Vakzine für Kinder und Jugendliche zögert die Regierung derzeit noch.

Zunehmende Sorge bereitet die hohe Zahl von als genesen geltenden Personen mit anhaltenden Long-Covid-Symptomen. 400.000 Menschen in Großbritannien haben laut Informationen der Nationalen Statistikbehörde ONS bereits seit mehr als einem Jahr mit andauernden Spätfolgen ihrer Erkrankung zu kämpfen, 9.000 von ihnen sind Kinder. Hier bahnt sich eine weitere Belastungsprobe für das Gesundheits- und Sozialsystem an. (cb)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hagen R. (22. Juli 2021 um 09:09 Uhr)
    Man kann Boris Johnson zu Recht dafür kritisieren, dass er die »Durchseuchung« zu früh zulässt, nämlich während die Impfkampagne noch Fortschritte macht. Aber letztlich gibt es zu dieser Strategie am Ende wenige Alternativen. Es ist absehbar, dass eine »Herdenimmunität« durch freiwillige Impfungen auch in Deutschland nicht erreicht werden wird. Dieses Ziel schien vor der Delta-Variante noch realistisch. Nun bleiben letztlich drei Optionen: (a) Eine Impfpflicht – dies wäre ein starker Eingriff in persönliche Freiheitsrechte und wurde von der Politik im Vorfeld immer ausgeschlossen. (b) Ein niemals endender Lockdown verhindert weitere Ansteckungen, die Immunität wird nie erreicht. (c) Die persönliche Entscheidung der Impfunwilligen, sich dem Virus ungeschützt auszusetzen, wird akzeptiert und die Folgen (Zehntausende vermeidbare Todesfälle, bleibende Schäden durch Long Covid, mögliche weitere Mutationen) als Kosten dieser Freiheit hingenommen. Die Lockdownmaßnahmen waren und sind richtig, um allen die Chance zu geben, sich durch eine Impfung vor einem schweren Erkrankungsverlauf zu schützen. Wenn jeder diese Möglichkeit hatte, haben sie ihren Zweck erfüllt. Ein Abwarten im Lockdown verbessert dann die Situation nicht mehr.

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