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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
20 Jahre G8-Gipfel

Die tödlichen Schüsse von Genua

Vor 20 Jahren wurde Carlo Guiliani bei Protesten gegen den G8-Gipfel von italienischen Polizisten getötet
Von Wolfgang Pomrehn
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»Dieser G8-Gipfel ist blutgetränkt«: Protestaktion vor der italienischen Botschaft in Brüssel am 22. Juli 2001

Genua, 20. Juli 2001. Die norditalienische Hafenstadt ist seit Tagen voller Menschen. 200.000 bis 300.000 aus ganz Europa sind gekommen, um gegen den ­G8-Gipfel zu protestieren – das Treffen der Staats- und Regierungschefs acht mächtiger Industriestaaten. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis italienischer Gewerkschaften, linker Parteien aus ganz Europa, Umweltbewegungen und Entwicklungshilfeorganisationen. Am 19. Juli war aus Bonn ein Sonderzug von den dortigen Protesten anlässlich der UN-Klimakonferenz gestartet. Am selben Tag hatte es eine erste Großdemo gegen Rassismus und die Abschottung Europas gegeben, an der sich 50.000 Personen beteiligten.

Vor allem aber treibt die Menschen die sogenannte Globalisierung um. Genauer: das Einreißen aller Schranken zur Begünstigung des internationalen Handels, der Abbau von Rechten der Beschäftigten und von Umweltstandards, der Angriff auf Tarifverträge und eine globale Welle der Privatisierung. Wasser, Bildung, Post, Eisenbahn, Gesundheitsversorgung – alles soll unter den Hammer. Ebenso ist die Schuldenkrise der Länder des globalen Südens ein großes Thema in diesen Tagen.

Die italienische Regierung reagiert mit Brutalität auf die Massenproteste. Im Mai 2001 hatte Silvio Berlusconi mit seiner ultrarechten Forza Italia die Wahlen gewonnen und wurde nach 1994 zum zweiten Mal Ministerpräsident des Landes. Schon im Vorfeld stimmte er die Öffentlichkeit auf gewalttätige Auseinandersetzungen ein. Die Regierung bestellte demonstrativ Kühlräume für zu erwartende Tote. Am Nachmittag des 20. Juli gibt es die ersten großen Demonstrationen, die in die Altstadt vorzudringen versuchen. Schon am Vormittag hatten militante Demonstranten – unter ihnen vermutlich viele Polizeiprovokateure, wie zahlreiche Augenzeugenberichte nahelegen, sowie mutmaßlich auch italienische und ausländische Faschisten – Teile der Innenstadt verwüstet und Tankstellen geplündert, ohne daran von der Polizei gehindert worden zu sein.

Statt dessen greifen die Einsatzkräfte mit Tränengasgranaten, Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen die Demozüge an. Auch scharfe Munition wird eingesetzt. Schließlich fallen tödliche Schüsse. Carlo Giuliani wird aus einem Polizeifahrzeug heraus getötet. Ein Gericht wird später entscheiden, der 23jährige Geschichtsstudent sei in Notwehr erschossen worden. Ein Foto zeigt ihn unmittelbar vor der Tat mit einem Feuerlöscher, das Heck eines Polizeijeeps ins Visier nehmend. Die Szene macht nicht den Eindruck einer lebensgefährlichen Situation. Dennoch wird Giuliani aus wenigen Metern Entfernung in den Kopf geschossen. Offensichtlich versuchte der Beamte nicht, ihn mit Schüssen in die Beine außer Gefecht zu setzen.

Nach Giulianis Tod erlebt Genua am 20. und 21. Juli 2001 eine beispiellose Orgie von Polizeigewalt. Augenzeugen berichten von zahlreichen willkürlichen Festnahmen, bei denen die Betroffenen – Männer wie Frauen – systematisch misshandelt werden. Einem deutschen Demonstranten werden mehrere Zähne mit Stiefeltritten ausgeschlagen. In der Nacht vom 21. auf den 22. stürmen Polizisten schließlich die Diaz-Schule, in der Demonstranten schlafen. Wieder werden Menschen verprügelt. Augenzeugen berichten von Blut, das überall zu sehen gewesen sei. Gleichzeitig werden im Medienzentrum der Bewegung Computer zertrümmert, um die vielen Bilder zu vernichten, die den Einsatz von Agents Provocateurs der Polizei bei den Plünderungen am Vortag dokumentierten, wie Organisatoren der Proteste später vermuten.

Viele der Festgenommenen werden Tage und Wochen festgehalten. Deutschlands damaliger Außenminister Joseph Fischer hat es, anders als seine britischen oder französischen Amtskollegen, nicht eilig, sich um die Freilassung inhaftierter Deutscher zu bemühen, wie das Netzwerk ­ATTAC zwei Wochen später kritisiert. Zu dieser Zeit sind nach Angaben der Globalisierungskritiker noch immer 23 Personen aus der Bundesrepublik in Haft. Mindestens zehn von ihnen wurden vollkommen willkürlich außerhalb Genuas und fernab der Proteste festgenommen. Der Vorwurf: Sie hätten in ihren Fahrzeugen schwarze Kleidung und Werkzeug dabei. Freigelassene berichten von Schlägen und Folter.

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  • Leserbrief von Dr. Lutz Behrens aus Plauen (20. Juli 2021 um 11:14 Uhr)
    Erwähnenswert, weil die große Geste eines geläuterten Mannes, wäre Heiner Geißler (CDU) gewesen. Sein Satz »Jesus wäre heute bei ATTAC« erfreute nicht nur Christenmenschen. 2007 wurde Geißler Mitglied bei ATTAC. Während einer Talkshow im Vorfeld des »G8«-Gipfels nahm er aus Empörung über die Repression, der die Gipfelgegner ausgesetzt waren, einen Aufnahmeantrag eines ATTAC-Vertreters an. »Ich trete bei ATTAC ein, weil ich das Recht auf gewaltfreie Demonstration, für das ATTAC eintritt, nachdrücklich unterstütze«, erklärte er seine Entscheidung. Das alles von einem Mann, den Willy Brandt (SPD) einmal als »den schlimmsten Hetzer seit Goebbels« bezeichnet hatte, ist keine schlechte Leistung.

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