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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 2 / Inland
Geschichtsverständnis

»Es gibt nichts Gutes an diesem Fake-Schloss«

Berlin: »Humboldt-Forum« öffnet seine teuren Tore. Initiativen kritisieren das geschichtsrevisionistische Projekt. Ein Gespräch mit Ina Wudtke
Interview: Annuschka Eckhardt
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Schaurige Touristenattraktion: Seit diesem Sommer kann das »Humboldt-Forum« direkt per U-Bahn besucht werden

An diesem Dienstag eröffnet das sogenannte Humboldt-Forum in Berlin mit sechs Ausstellungen. An dem Forum gibt es vielfältige Kritik, auch von Ihrer Initiative, der »Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt-Forum«. Wer ist bei Ihnen organisiert?

Wir sind eine Initiative internationaler Kulturschaffender, die sich im letzten Jahr gegründet hat. Der Anlass war das Kuppelkreuz, das auf das sogenannte Humboldt-Forum aufgesetzt wurde – ohne dass es darüber eine demokratische Entscheidung gegeben hatte. Das Kreuz ist eine Initiative der Otto Group. Die Versandhauserbin Inga Maren Otto hat eine Million Euro für das Forum gespendet. Insgesamt sind 700 Millionen Euro in der Schlossattrappe versenkt worden. Das ist schlimm genug. Jetzt steht aber zur Debatte, dass jedes Jahr 60 Millionen Euro Unterhaltskosten in dieses antidemokratische, revisionistische Projekt fließen sollen. Das möchten wir verhindern, und darum rufen wir am Eröffnungstag um 13 Uhr vor dem Humboldt-Forum zur Demonstration auf.

Für den Bau des Humboldt-Forums war der Palast der Republik abgerissen worden. Was sagt das über den hiesigen Umgang mit Geschichte aus?

Es gibt nichts Gutes an diesem Fake-Schloss. Hinter dieser vermeintlich schönen Kulisse für Kaffeefahrten und Touristen verbirgt sich die deutsche Tradition des Kolonialismus, die später zum Faschismus geführt hat. Es kommt nicht von ungefähr, dass die DDR die vom Krieg zerstörten Ruinen des früheren Stadtschlosses beseitigt hat. Wir wollen nicht, dass nun an die rechtsnationale Geschichte dieses Schlosses angeknüpft wird.

Warum fällt es der BRD so schwer, koloniale Kontinuitäten zu durchbrechen?

Das Problem ist, dass das kapitalistische System weiter existiert. Aus Erfahrung wissen wir, dass die Nutznießer von Kolonialismus und Imperialismus in erster Linie die Industriellen und Handeltreibenden sind. Es müssen jetzt die Inventarlisten veröffentlicht werden, die zeigen, was sich für Objekte in den Sammlungen befinden, damit diese zurückgegeben werden können. Wir möchten auch, dass sichere Orte geschaffen werden für Menschen, die vor den Auswirkungen von Imperialismus und Kolonialismus flüchten müssen. Dafür sollten diese 60 Millionen Euro verwendet werden – und nicht für diesen konservativen Diskurs, der dort propagiert wird.

Wird in den Ausstellungen Raubkunst präsentiert?

Im Humboldt-Forum befinden sich geraubte Gegenstände, die nicht nach Deutschland gehören. Diese Gegenstände sind während der Kolonialzeit unter großen menschlichen Opfern, Mord, Brandschatzung oder Naturzerstörung geraubt und dann hierhergebracht worden. Die Nachfahren dieser Menschen fordern die Artefakte zurück. Bis jetzt ist nur zugesagt worden, die Sachen zurückzugeben, wie im Fall der Benin-Bronzen. Vertraglich ist aber noch nichts geregelt, und kein Stück ist bislang zurückgegeben worden.

Diese Gegenstände dürfen kein Touristenprogramm im Herzen von Berlin werden. In unserer Initiative, in der schwarze Aktivistinnen und Aktivisten, Kunstschaffende und Kunsthistorikerinnen und -historiker aktiv sind, fordern wir die Rückgabe von Gebeinen und Gegenständen und die Umsetzung einer neuen antiimperialistischen, antikolonialen Politik. Dem Humboldt-Forum muss die Finanzierung entzogen werden. Es gehört abgeschafft.

Was wünschen Sie sich für den Ort, an dem das Forum steht?

Wir plädieren dafür, dass ein Forum mit antikolonialen Kulturinitiativen geschaffen wird, die dort beraten und Praktiken entwickeln, wie man eine Entschädigung und Rückgabe von Gebeinen und Vermächtnissen der Ahnen umsetzen kann. Dort sollte überlegt werden, wie sichere Orte geschaffen werden können, die Menschen schützen, die vor den Auswirkungen von Imperialismus und Kolonialismus fliehen müssen und deswegen in die BRD kommen. Wir fordern auch, dass die Inventarlisten veröffentlicht werden, so dass die Leute, die beraubt wurden, feststellen können, ob sich Gegenstände aus ihrem Besitz in den Sammlungen der ethnologischen Museen, die ins Humboldt-Forum einziehen, befinden.

Ina Wudtke ist Künstlerin und Mitglied der Initiative »Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt-Forum«

Demonstration: Dienstag, 13 Uhr, vor dem Humboldt-Forum, Schlossplatz, 10178 Berlin

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  • Leserbrief von Bernhard Schindlbeck aus München (27. Juli 2021 um 11:52 Uhr)
    Um den tieferen Zusammenhang von Stadtschloss, Palast der Republik und Humboldt-Forum zu verstehen, muss man auf Alexander und Margarete Mitscherlichs Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« zurückgreifen, wo erklärt wird, weshalb Westdeutschland die DDR nie anerkannte, nie anerkennen wollte und nicht anerkennen konnte. Die DDR war das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs und der sichtbare Ausdruck, das unübersehbare Zeichen der Schuld der Deutschen. Diese Schuld wurde in Westdeutschland stets negiert, und zwar solange, bis es die DDR nicht mehr gab, erst dann konnte die Bundesrepublik zum Weltmeister in Sachen Erinnerung und Gedenkkultur avancieren, als der sie sich heute so gerne präsentiert. Dabei mussten die meisten Dinge, die an die DDR erinnerten, verschwinden – selbstverständlich auch der Palast der Republik (dessen Abriss mit dem Argument Asbest als »rational« dargestellt wurde); es soll nur noch Zeichen des »Bösen« der DDR geben, alte »Stasi«-Akten etc. Mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses, das quasi aus Ruinen »auferstanden« ist, wird nun gewissermaßen ein Status quo ante erreicht, in dem die DDR nachhaltig »ausgelöscht« und symbolisch in den vorherigen Zustand der Nichtexistenz zurückversetzt ist – und in dem nun die Erinnerung an die NS-Zeit ausgiebig kultiviert werden kann, und zwar inklusive der wohlfeilen Reden von der Schuld der Deutschen, die aber so hohl und schmerzfrei sind, dass man sie richtig gerne pflegt, während eine real existierende DDR immer eine offene Wunde der realen Schuld war, die man zwar spürte, jedoch nicht sehen wollte. Jetzt aber ist endlich alles gut, und weil Deutschland Erinnerungsweltmeister ist, kann man auch das Raubgut aus den Kolonien guten Gewissens ausstellen. Vielleicht gibt man ja das eine oder andere Stück großherzig zurück, dann wird das gute Gewissen noch besser. Was man aber, blind wie die Entscheidungsträger in den Eliten nun einmal sind, bei alledem übersehen hat, ist, wie gut die Schlossattrappe und die Demokratieattrappe BRD zueinander passen.

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