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Aus: Ausgabe vom 17.07.2021, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Tunesiens

Volle Souveränität

Vor 60 Jahren kämpfte Tunesien in der »Bizerte-Krise« um den Abzug französischer Marinesoldaten
Von Bernard Schmid
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Die Ruhe nach den Kampfhandlungen. Bizerte am 25. Juli 1961

Der historische Moment war nicht so »heiß« und eskalationsträchtig wie die sogenannte Kuba-Krise im darauffolgenden Jahr. Er forderte auch nicht so viele Tote wie die Suezkrise im Herbst 1956, die auf die Nationalisierung des Suezkanals durch Ägypten unter Gamal Abdel Nasser folgte und zu einer britisch-französisch-israelischen Aggression führte. Dennoch war die heute weitgehend vergessene »Bizerte-Krise« im Sommer 1961 im Mittelmeer, bei der Frankreich und Tunesien miteinander in Konflikt gerieten, eine echte politische und militärische Spannungsperiode. Je nach Schätzungen forderte sie eine Anzahl von Todesopfern im drei- bis vierstelligen Bereich.

Von Frankreichs Gnaden

Hintergrund war zunächst die Unabhängigkeit Tunesiens von der früheren »Schutzmacht« Frankreich. Formal hatte das Land im französischen Kolonialimperium seit dem späten 19. Jahrhundert nicht den Status einer Besitzung, sondern den eines »Protektorats« inne. Im März 1956 schließlich verkündete das Land seine Unabhängigkeit. Tunesiens Souveränität war – ähnlich wie in Marokko im selben Jahr – auf dem Weg einer friedlichen Vereinbarung mit Frankreich herbeigeführt worden. Den französischen Machthabern ging es dabei darum, die zur selben Zeit bewaffnet für die Entkolonisierung kämpfende nationale Befreiungsbewegung in Algerien auf regionaler Ebene zu isolieren und in den beiden wichtigsten Nachbarländern durch eine »Überführung in die Unabhängigkeit in geordneten Bahnen« mindestens eine indirekte politische und ökonomische Kontrolle zu behalten.

In Marokko gelang dies weitgehend. Doch in Tunesien schlug die regierende Partei, die zunächst Neo-Destur hieß (sinngemäß »Neue Verfassungspartei«) anfangs einen relativ eigenständigen Kurs ein. In den sechziger Jahren experimentierte sie mit einer Mischung aus sozialistischen Elementen und bürgerlichen Besitzverhältnissen, räumte dem Gewerkschaftsdachverband UGTT einen erheblichen Einfluss auf die Innenpolitik ein – davon blieben bis heute nennenswerte Restbestände übrig –, benannte sich zeitweilig in »Sozialistische Destur-Partei« um und orientierte sich außenpolitisch mehr oder weniger am Lager der Blockfreien. Dies alles missfiel den Regierenden in Paris. Späterhin sollte nach innenpolitischen Auseinandersetzungen in Tunesien allerdings eine Kurskorrektur erfolgen; am 26. Januar 1972 erschien ein Artikel in der französischen Tageszeitung La Croix unter dem Titel »Tunesien kehrt dem Sozialismus den Rücken«.

In dieser Gemengelage blieb die französische Armeepräsenz im Militärhafen von Bizerte auch nach Erlangung der Unabhängigkeit und dem Abzug der französischen Protektoratsverwaltung ein Streitthema. Die Stadt Bizerte, gelegen zwischen dem Mittelmeerufer und dem gleichnamigen See, bildet beinahe den nördlichsten Punkt Tunesiens. Die Regierung in Paris, die zu diesem Zeitpunkt noch ihren blutigen Kolonialkrieg in Algerien fortführte, erklärte die Basis für unantastbar, da sie von dort aus Flottenbewegungen im Mittelmeer zwischen dem Suezkanal und Gibraltar orten könne. Dabei ging es unter anderem darum, eine eventuelle sowjetische oder ägyptische Unterstützung für die Nationale Befreiungsfront (FLN) in Algerien aufzuspüren. Tunesiens Präsident Habib Bourguiba unterstützte damals de facto den FLN und erlaubte ihm, Tunesien als Hinterland und Nachschubbasis zu nutzen, worauf Frankreich mit der Errichtung einer elektrifizierten Grenzbefestigung regierte. Ferner verlief ein strategisch wichtiges Kabel von Bizerte zum US-amerikanischen Strategic Air Command, das auf der Luftwaffenbasis von Nouaceur in Marokko stationiert war.

Am 27. Februar 1961 hatten Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle und sein tunesischer Amtskollege Bourguiba eine erste persönliche Unterredung, die in Rambouillet südwestlich von Paris stattfand. Dort erklärte de Gaulle, Bizerte sei ebenso wie die Marinebasen von Brest, Toulon und Mers-el-Kébir – die ersten beiden lagen auf französischem Territorium, die dritte in der Nähe von Oran im damals noch französisch besetzten Algerien – ein fester Bestandteil der »Kette von Basen, die für Frankreichs Verteidigung strategisch wichtig sind«.

Bourguiba akzeptierte diese Position nicht. Am 4. Mai kündigte der französische Admiral Maurice Amman, der die Marinebasis in Bizerte befehligte, der Regierung in Tunis die Durchführung von Ausbau- und Erweiterungsarbeiten an. Diese hatten allerdings in Wirklichkeit bereits am 15. April ohne jegliche Absprache oder auch nur vorherigen Benachrichtigung der tunesischen Behörden begonnen. Im Juni legten die tunesischen Arbeiter, die an der Errichtung einer Außenmauer beteiligt waren, nach Aufforderung durch ihre Regierung ihre Arbeit nieder und wurden durch unbewaffnete französische Bausoldaten ersetzt.

Kampf um die Marinebasis

Am 4. Juli verkündete das politische Büro der Neo-Destur-Partei, man strebe eine »vollständige, möglichst sofortige Räumung« der Basis in Bizerte an. Vom 7. bis 13. Juli fanden im ganzen Land Demonstrationen statt, die dieses Ziel unterstützten. Der Jugendverband der Desturisten rekrutierte Freiwillige – 6.000 erklärten sich bereit, umgehend nach Bizerte zu marschieren. Bourguiba versetzte die tunesische Armee ab dem 13. Juli in Alarmzustand und stellte Frankreich ein Ultimatum zur Räumung, das am 19. Juli um Mitternacht auslief. Admiral Amman wiederum erklärte sich zur Verteidigung der Marinebasis bereit. Dort waren 7.700 französische Militärs stationiert, 3.500 davon waren in Bereitschaft versetzt.

In der darauffolgenden Nacht begann der viertägige Showdown. Um 1.15 Uhr in der Nacht zum 20. Juli attackierten 300 bis 400 Tunesier mit Brandsätzen und Sprengladungen die Eingangstür zur Marinebasis, wurden jedoch zurückgeschlagen. Gegen vier Uhr eröffnete die tunesische Armee das Artilleriefeuer. Am darauffolgenden Nachmittag schoss sie zwei französische Kampfhubschrauber vom Typ »Alouette« (Lerche) ab. Drei Tage lang wurden die Kämpfe in unregelmäßigen Abstände unter Einsatz von Artillerie, Panzerfahrzeugen und Flugzeugen fortgesetzt. Da auf tunesischer Seite vielfach militärisch nicht- oder bloß schlecht ausgebildete Freiwillige zum Einsatz kamen, war vor allem auf ihrer Seite die Zahl der Toten hoch.

Auf französischer Seite forderten die Kampfhandlungen insgesamt 20 bis 27 Todesopfer. Auf tunesischer Seite schätzt der Schriftstellers Patrick-Charles Renaud 431 Tote unter den Soldaten und eine »schwer einschätzbare Zahl von Zivilisten«. Die Universität von Sherbrooke geht indes von 1.300 tunesischen Todesopfern aus, eine Untersuchung des Tunesischen Roten Halbmonds kommt auf etwa 5.000. Der tunesische Historiker Mohamed Lazhar Gharbi hält 4.000 Tote für wahrscheinlich.

Die Kämpfe führten nicht unmittelbar zur Räumung der Militärbasis, doch am 1. Juli 1962 – also vier Tage vor der staatlichen Unabhängigkeit des benachbarten Algerien – wurde sie geräumt. Am 15. Oktober 1963 verließ der letzte französische Soldat Bizerte. Seitdem ist dieser Tag in Tunesien ein Nationalfeiertag.

Tunesien vom Kolonialismus befreien. Aus einer Rede des Präsidenten Bourguiba, 18. Juli 1961

Heute treten wir in eine schwerwiegende Phase ein. Vielleicht stehen wir am Vorabend eines Konflikts. Wir wünschen nicht, dass er Ausmaße mit unkalkulierbaren Folgen annimmt. Wenn wir jedoch einem solchen Konflikt gegenüberstehen, kann ich Ihnen versichern, dass alle Vorkehrungen getroffen werden, im Inneren wie im Äußeren, die es uns erlauben, den Sieg davonzutragen. Wenn unsere Kolonisatoren auf ihrer negativen Haltung beharren, dann wollen sie unsere Regierung in Gefahr bringen und den Weg unseres Landes in Richtung Fortschritt behindern. (…)

Im Laufe der Gespräche, die ich mit dem General de Gaulle hatte, habe ich dem französischen Staatsoberhaupt unsere Position dargelegt und ihm unsere Entschlossenheit bekräftigt, Tunesien von allen Restbeständen des Kolonialismus zu befreien.

Warum haben wir das Problem von Bizerte und unserer Grenzen aufgeworfen? (…) In Wirklichkeit ging es darum, dass die französischen Streitkräfte unser Land räumen. Nach den Arbeiten zur Verlängerung der Landebahn in Sidi Ahmed (Anm.: Name der französischen Marinebasis, die ab dem 15. April 1961 vergrößert wurde) haben wir entschlossen die Frage der Räumung aufgeworfen.

Auszug aus der westschweizerischen (französischsprachigen) Zeitung Le Nouvelliste du Rhône vom 18. Juli 1961

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