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Aus: Ausgabe vom 14.07.2021, Seite 8 / Inland
Klima- und Umweltschutz

»Das kann nicht durch neue Bäume ›ausgeglichen‹ werden«

Freiburg: Aktivisten besetzen Waldstück, das für den Bau eines Stadtteils gerodet werden soll. Ein Gespräch mit Laura Müller
Interview: Kristian Stemmler
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Protestplakat gegen den Bau des neuen Freiburger Stadtteils Dietenbach

Seit mehr als einem Monat läuft eine Besetzung im sogenannten Langmattenwäldchen am Stadtrand von Freiburg. Sie richtet sich dagegen, dass für neuen Stadtteil Dietenbach rund 4,5 Hektar Waldfläche gerodet werden sollen. Wie läuft Ihre Protestaktion?

Die Besetzung läuft sehr gut, es kommen immer wieder neue interessierte Menschen, die Lust haben mitzuwirken. Wir sehen es als Erfolg an, den Diskurs über Dietenbach wieder angestoßen, verschiedene Akteure an einen Tisch gebracht und Vertreter der Stadtverwaltung bereits für zwei Gespräche in diesen besonderen Wald bewegt zu haben.

Was macht das besetzte Waldstück aus ökologischer Sicht so wertvoll?

Im Langmattenwäldchen und in den angrenzenden Waldflächen wachsen bis zu 300 Jahre alte Bäume. Es gibt eine große Artenvielfalt mit mehr als 50 Vogelarten, zahlreiche geschützte Fledermäuse und weitere bedrohte Arten wie den Hirschkäfer. Zudem hat der Wald im städtischen Raum einen wichtigen Kühleffekt, ist eine große sogenannte CO2-Senke und Naherholungsgebiet für die Anwohnenden.

Auf der Homepage der Initiative »Dieti bleibt« heißt es, Sie seien nicht grundsätzlich gegen den neuen Stadtteil. Dort sollen gut 6.900 Wohnungen für etwa 15.000 Menschen entstehen. Warum halten Sie den Stadtteil für notwendig?

Wir erkennen den Bürgerentscheid zum Bau des neuen Stadtteils an und befürworten die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Mit der genauen Planung des Stadtteils sind wir aber nicht einverstanden. Die Meinungen über die Notwendigkeit des neuen Stadtteils gehen innerhalb der Gruppe der Besetzer auseinander. Uns ist wichtig, dass soziale und ökologische Fragen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Alternativpläne, die den Bau des Stadtteils und gleichzeitig den Erhalt des Waldes ermöglichen würden, liegen auf dem Tisch.

Die Stadtplaner behaupten, sie würden um jeden Baum kämpfen und hätten die zu rodende Waldfläche schon um sechs Hektar reduziert. Zweites Argument ist, dass der Verlust durch die Rodung ökologisch ausgeglichen werden soll, etwa durch Wiederaufforstung in anderen Teilen der Stadt.

Die zu rodende Flächen wurde reduziert, allerdings wurden dafür die zu rodenden Waldflächen an anderer Stelle im Vergleich zu vorherigen Planständen vergrößert. Der Verlust eines ökologisch wertvollen Waldbestandes kann nicht durch neu gepflanzte Bäume »ausgeglichen« werden. Nicht die Anzahl der Bäume ist entscheidend, sondern zum Beispiel die Altersstruktur der Bäume. Zudem zweifeln wir die Nachhaltigkeit solcher Ausgleichsmaßnahmen an, da eine der von Rodung bedrohten Waldflächen vor einigen Jahren selbst als Ausgleichsfläche für ein anderes Projekt gedient hat.

Der Freiburger Baubürgermeister Martin Haag wird mit der Formulierung zitiert, der Blick auf jeden einzelnen Baum sei »unterkomplex«. Was sagen Sie dazu?

Es geht beim »Dieti« nicht um einen einzelnen Baum am Straßenrand, sondern um ein intaktes artenreiches Ökosystem, das fragiler wird, je mehr Bäume gefällt werden und je größer die versiegelte Fläche wird. Ein solcher Wald braucht eine gewisse Größe, um Zeiten starker klimatischer Veränderungen überstehen zu können.

Wie lange soll die Besetzung aufrechterhalten werden?

Wir werden diesen Wald besetzt halten, bis uns dessen Erhalt zugesichert wird. In diesem Zeitraum wollen wir einen vielfältigen Ort der Vernetzung und Weiterbildung aufbauen. Alle Menschen, die unsere Anliegen unterstützen, sind herzlich eingeladen, uns zu besuchen, zu unterstützen und ein Teil der Besetzung zu werden.

Langfristig sind wir von einer Räumung durch die Polizei bedroht. Wir hoffen aber, dass diese nicht nötig sein wird, weil die Pläne geändert und die Waldflächen nicht gerodet werden. Denn eine Räumung birgt große Gefahren für Besetzer und Anwohnende und führt zudem zu hohen Kosten. Außerdem würde es einen weiteren erheblichen Imageschaden für die »Green City« Freiburg bedeuten, wenn Menschen, die einen artenreichen Wald schützen wollen, mit Gewalt daran gehindert werden.

Laura Müller (Name von der Redaktion geändert) ist aktiv bei »Dieti bleibt«

https://dieti.blackblogs.org/

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