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Aus: Ausgabe vom 14.07.2021, Seite 7 / Ausland
Schwere Ausschreitungen

Südafrika versinkt im Chaos

Plünderungen und Brandschatzungen in Durban und Johannesburg. Vertraute von verhaftetem Expräsidenten feuern Ausschreitungen an
Von Christian Selz, Kapstadt
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Nach Inhaftierung von Exstaatschef Jacob Zuma: Plünderungen und Ausschreitungen in Südafrika (Soweto, 13.7.2021)

Ein Mann fuhr mit dem Auto vor, um einen gigantischen Fernseher einzuladen, der dann aber weder durch die Türen noch in den Kofferraum passte. Die Mehrheit kam zu Fuß und schleppte die erbeutete Ware in Säcken, Kisten oder überfüllten Einkaufswagen davon. Eine Frau im roten Abendkleid ging ohne Eile in den Supermarkt, aus dem Männer Bierpaletten schleppten. Andere wiederum brachten gleich die Kinder mit. Den ganzen Tag über sendeten die südafrikanischen Nachrichtenkanäle am Montag diese und ähnliche Bilder in endlosen Liveübertragungen.

Doch was zunächst absurd aussah, war bitterer Ernst. Mindestens 200 Einkaufszentren und Supermärkte in den beiden bevölkerungsreichsten Provinzen Südafrikas, KwaZulu-Natal und ­Gauteng, wurden bis zum Montag abend geplündert. Am Dienstag griffen die Plünderer dann auch große Warenhäuser, Lagerhallen und Fabriken an, von denen sie etliche zudem niederbrannten. In einigen Stadtteilen formierten sich bewaffnete Bürgerwehren, die Zufahrtsstraßen blockierten und mancherorts auch Jagd auf mutmaßliche Plünderer machten. Mindestens 45 Todesopfer vermeldeten die Behörden bis Dienstag mittag, verifizieren lassen sich die Zahlen angesichts der völlig unkontrollierten Lage jedoch kaum.

Die Polizei scheint vollkommen überfordert. Das gegen Montag mittag via Twitter angekündigte Militär ist kaum irgendwo zu sehen. Weite Teile Südafrikas sind spätestens seit Wochenbeginn im Chaos versunken. Am Montag abend rief der niedergeschlagen wirkende Staatspräsident Cyril Ramaphosa seine Landsleute zur Mäßigung auf – ohne Erfolg. Der private Nachrichtensender ­ENCA spielte noch während seiner Ansprache Livebilder von der Plünderung eines Blutspendezentrums ein. Am Dienstag zeigte der Sender von einem Hubschrauber aus die Verheerungen in Durban. Weit über die zweitgrößte Stadt Südafrikas verteilt stiegen Rauchsäulen in den Himmel. Wie Ameisen transportierten Plünderer in langen Ketten Güter aus Lagerhäusern ab, um sie auf in langen Schlangen wartende Trucks und andere Autos zu verladen – ohne Eingreifen der Einsatzkräfte.

Auslöser der Ausschreitungen war die Verhaftung von Exstaatschef Jacob Zuma am vergangenen Mittwoch. Der 79jährige hatte vor einer Untersuchungskommission zu Vorwürfen systematischer Korruption während seiner Amtszeit aussagen sollen, war aber trotz richterlicher Vorladung nicht erschienen und vom Verfassungsgericht deshalb zu einer 15monatigen Haftstrafe verurteilt worden. Bereits Ende vergangener Woche hatten Zuma-Anhänger in ­KwaZulu-Natal Lastwagen gebrandschatzt und die Hauptverkehrsader zwischen dem Wirtschaftszentrum Johannesburg und Durban, der wichtigsten Hafenstadt des Landes, blockiert. Aus dem Lager Zumas waren sie dabei in aller Öffentlichkeit kaum verhohlen angefeuert worden. Der Sprecher der Stiftung des Expräsidenten, Mzwanele Manyi, sprach mit Blick auf die Brandschatzungen am Sonnabend in einem Interview mit der öffentlich-rechtlichen SABC von »berechtigter Wut«, Zumas Tochter Duduzile Zuma-Sambudla kommentierte die Bilder brennender Lkw mit »Lasst es brennen!« und dem Revolutionsgruß »Amandla!« (Macht).

Südafrika steht nun vor einem Scherbenhaufen. Ramaphosa warnte am Montag abend bereits vor Engpässen bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Gütern des täglichen Bedarfs. Mit dem Niederbrennen von Lagerhäusern am Dienstag hat sich die Situation noch einmal verschärft. Die gerade erst größer angelaufene Impfkampagne gegen das Coronavirus wurde aufgrund der prekären Sicherheitslage vielerorts ausgesetzt. Im Großraum Johannesburg droht aufgrund der unterbrochenen Verbindung nach Durban schon bald Treibstoffmangel. Krankenhäuser befürchten mitten in der dritten Welle der Coronapandemie einen Mangel an Sauerstoff. Mancherorts traut sich das medizinische Personal nicht mehr zur Arbeit. Die Situation ist außer Kontrolle und hat längst kaum noch etwas mit ihrem politischen Auslöser zu tun. Wie man ihrer Herr werden soll, ist dieser Tage unklar.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika (14. Juli 2021 um 15:18 Uhr)
    Zunehmend wird hierzulande von einem Putschversuch gesprochen. In jedem Fall ist es der ernsthafte Versuch, das Land unregierbar zu machen. Klappt aber nicht. Die Massenbasis der Zuma-Leute ist in einer Provinz, KwaZulu-Natal, konzentriert. Auch wenn das Plündern und Brandschatzen auf Gauteng, dem »Melting Pot« der Wanderarbeiter, übergriff. In verschiedenen Städten um Johannesburg wie Soweto, Voslorus, Alexandra haben sich Bürgerwehren gebildet, interessanterweise mit starker Unterstützung der Taxifahrer und -verbände, die in dem unkontrollierbaren Chaos ihre Verdienste dahinschwinden sehen. Ich würde in diesem Fall sogar von Citoyens sprechen wollen, Bürger*innen, die sich einer konterrevolutionären Zerstörungswut entgegenstellen (hoffentlich belehrt mich die weitere Entwicklung nicht eines anderen). In Soweto haben Bürger*innen es geschafft, die bekannte und beliebte Maponya-Mall zu schützen. Inzwischen sind bereits Versorungsengpässe zu spüren. Das nahezu generalstabsmässige Plündern der großen Lagerhallen bei der Hafenstadt Durban und das geplante Abfackeln von zig LKW hat nun mal zur Folge, das Lebensmittel nicht mehr transportiert werden können. Die Brotpreise haben sich fast verdoppelt. Anekdotisches am Rande: Szenen aus Alexandra, der ältesten Township Südafrikas gleich neben dem Nobelquartier Sandton: Die Polizei geht von Haus zu Haus und requiriert palettenweise gestohlenes Gut. Eine derartige Polizeiaktion habe ich noch nie gesehen … Heute in einer Tankstelle in Tshwane (Pretoria): Auf meine Frage, ob es möglicherweise Engpässe in der Benzinversorgung geben werde, antwortet der junge Tankwart prompt: »Hab' ich auch schon gehört. Vielleicht in KZN, ja, aber nicht hier. Wir sind Pedis, wir kämpfen hier nicht für Zuma.«
    Detlev Reichel, Tshwane

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