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Aus: Ausgabe vom 08.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ästhetik des Widerstands

Es wird spät im Spätkapitalismus

Immer auf dem Sprung: Eine CD-Box zeigt den Redner Rudi Dutschke in seinem Element
Von Sven Gringmuth
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Was macht der Revolutionär ohne Revolution? Reden!

Rudi Dutschke ist ein Mythos: Als Gesicht der 68er Revolte, als politischer Intellektueller und nicht zuletzt als Redner. Hochwertige Tonaufnahmen seiner Auftritte schlummerten über Jahre in Radio- bzw. TV-Archiven, die nun in der CD-Box »Die Stimme der Revolution. Rudi Dutschke in zwölf Originalaufnahmen« veröffentlicht wurden. Kontextualisiert werden sie mit Texten von Ehefrau Gretchen Dutschke-Klotz, den Verfassern der populären »Kleinen Geschichte des SDS«, Siegward Lönnendonker und Tilman Fichter, sowie Herausgeber Carsten Prien. Der norddeutsche Ousia-Verlag hat sich in den vergangenen Jahren nicht zuletzt dank Priens herausragender Veröffentlichungen zur politischen Theorie Dutschkes einen Namen gemacht – diese Box ist die logische und äußerst hörenswerte Fortsetzung der begonnenen Arbeit.

Ein erfreulicher Nebenaspekt der Aufnahmen ist: Es wird noch einmal deutlich, dass die Partei Bündnis 90/Die Grünen sowie die Taz die politische Person Rudi Dutschke bis heute vergeblich zu reklamieren suchen bzw. diese Reklamation – jenseits von Oberflächlichkeiten wie der Umbenennung einer Straße in Berlin-Mitte – nicht gelingen kann. Dutschke ging es bis zuletzt um die Frage einer breiten Aktivierung und Demokratisierung der Gesellschaft, die Frage einer wahrhaft demokratischen und partizipativen Gesellschaft. Das zeigen die Aufnahmen, gerade aus den späteren Jahren, recht eindringlich. Ihm ging es keineswegs um einen ökologischen Wandel unter kapitalistischen Vorzeichen. Besonders spannend sind gerade die Interviews, Reden, Teach-in-Beiträge, Talkshowauftritte aus den 70er Jahren, ringt hier Dutschke doch um die Antwort auf die Frage: Was macht der Revolutionär ohne Revolution? Die Antwort: breite Bündnisse schmieden, Konstellationen forcieren, Verhältnisse analysieren und Gegenmacht organisieren.

Auf der Suche nach Möglichkeiten der Demokratisierung kreisen Dutschkes Gedanken in diesen Jahren manisch um die – nicht nur, aber vordringlich parlamentarische – Organisierung linker Mehrheiten jenseits der Sozialdemokratie. Die Zeiten, in denen der rasche Umsturz der Verhältnisse im Fokus stand, sind vorbei, es geht um Interventionen in gesellschaftliche Kämpfe mit den Zielen Aufklärung und Demokratisierung. Auch deshalb interessierte sich Dutschke stark für die aufkommenden Bürgerinitiativen. Dennoch blieb ihm der linke Allerweltshumanismus vieler damaliger Aktivisten fremd, er wusste immer: Wer von den Interessen der Menschen spricht, verfolgt ziemlich sicher das Interesse bestimmter Menschen, ohne dass er es offen ausspricht.

Wenn Rudolf Augstein in einem Nachruf auf Dutschke schrieb, dass es in Deutschland, neben Strauß und Wehner, keinen solchen Redner wie ihn gehabt habe, dann ist ihm einerseits zuzustimmen – dies belegen die vorliegenden Reden allemal. Andererseits stellte er Dutschke in eine unselige Reihe und denunzierte seine Texte und Analysen. Kein »Geistesheros« sei Dutschke gewesen, nicht einmal ein »Theoretiker«. Dies ist eine der Erkenntnisse, die den unbedarften Hörer der hier erstmals vorliegenden Tonstücke ereilen könnten: Kennt man Rudi Dutschke nicht oder kaum, weiß man wenig über seine theoretischen Prämissen, über die politische Traditionslinie, die er konstruierte und in die er sich stellte, ist es nicht immer einfach, seinen Gedankensprüngen zwischen Oktoberrevolution und Restaurationsperiode, zwischen Kritik an asiatischem Despotismus, bürokratischem Etatismus und individuellem Terror zu folgen.

Dennoch sind die CDs der Box hörenswert, die Reden und Einlassungen Dutschkes sind der bundesdeutschen Linken im Jahre 2021 unbedingt zu empfehlen. Vor allem wegen dessen Stärke in der historisch-materialistischen Analyse. Wenn es etwa um das Verbot der Belgrader Praxis-Gruppe von 1975 geht, legt er zunächst die Klassenzusammensetzung der jugoslawischen Partisanenarmee dar, untersucht die historischen und ökonomischen Bedingungen, unter denen sich der jugoslawische Staat unter Tito etablieren konnte und leitet hieraus eine Analyse und Kritik ab – weit jenseits bloßer moralischer Verurteilung oder Pauschalisierung. Gretchen Dutschke-Klotz beschrieb ihren Mann einmal so: »Rudi hatte seine Art, mit den Leuten zu reden. Er fragte immer nach den sozialökonomischen Daten: Wie das mit der Arbeit sei, wie die sozialen Verhältnisse seien, wo die wirtschaftlichen Probleme lägen.«

Teilen der heutigen Linken mag dies fast befremdlich erscheinen. Aber solche Analysen, geschult am historischen Materialismus von Marx bis Lukács und dem geschichtlichen Optimismus Blochs verbunden, sind notwendig, um linke Kritik am immer späteren Spätkapitalismus überhaupt noch denken und formulieren zu können – jenseits von bloß subjektivem Empfinden und Gebaren. Dass die Verhältnisse nicht alles determinieren, dass der Wille der Menschen, sich zu verändern, ein relevanter historischer Faktor ist, hat Dutschke dabei immer wieder betont. Er fehlt sehr. Die Originalaufnahmen lassen dieses Gefühl noch stärker werden.

»Die Stimme der Revolution. Rudi Dutschke in zwölf Originalaufnahmen«, Ousia-Verlag, fünf Audio-CDs, eine MP3-Bonus-CD, zwei Booklets mit insgesamt 128 Seiten, 35,90 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dr. rer. nat. Harald W. aus 58089 Hagen ( 8. Juli 2021 um 20:20 Uhr)
    Sicherlich gab und gibt es zuhauf so gute Redner wie Dutschke, und Herr Augstein vom Spiegel wusste gar nicht, was Theorie ist, schon gar nicht, was ein Theoretiker – viel, viel häufiger als neue Theorien! – ist, sonst hätte der Spiegel da ein ganz anderes Profil. An den Univdesitäten werden nämlich viele Theorie und viele Theoretiker – Vietnamkriegskritiker zumeist, im Kalten Krieg auf der Sowjetseite – geschaffen, und erstaunlich viele mit der Postenpeitsche ins Bockshorm gejagt, was mit der Theologie seit tausend Jahren extrem gut eingeübt ist, strukturell sozusagen. »Oktoberrevolution und Restaurationsperiode, Kritik an asiatischem Despotismus, bürokratischem Etatismus und individuellem Terror«. Tatsächlich ist es gelungen, Dutschkes ernsthafte Ansätze zum Verstehen dieser nun ganz und gar nicht feudalistischen, aus marxistischen Lehrbüchern entsprungenen Sowjetgesellschaften sang- und klanglos im Informationsozean untergehen zu lassen. Das Handicap des »Messers im Kopf« nach dem Attentat hat ihn natürlich gehindert.

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