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Aus: Ausgabe vom 07.07.2021, Seite 4 / Inland
Fleischindustrie

Protestcamp im Schweinegürtel

Bündnis macht im Kreis Vechta gegen Tierindustrie mobil. Behörde verbietet Protestzeltlager
Von Kristian Stemmler
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Kalt gemacht: Das Protestcamp gegen Geflügelproduzent PHW ist vorerst untersagt

Als »niedersächsischer Schweinegürtel« ist die Region um die Kreisstadt Vechta wegen der hohen Konzentration von Betrieben der Fleischindustrie bekannt. Die Behörden dort wissen offenbar sehr genau, von wem die meiste Gewerbesteuer kommt. Nur wenige Tage vor dem geplanten Aktionscamp gegen den Konzern PHW, größter Geflügelfleischproduzent der BRD (Marke: Wiesenhof), hat der Landkreis Vechta die Protestveranstaltung verboten. Franziska Klein vom Bündnis »Gemeinsam gegen die Tierindustrie«, die das Camp angemeldet hat, erklärte am Dienstag gegenüber jW, das Bündnis habe bereits im Eilverfahren Klage gegen das Verbot beim Verwaltungsgericht (VG) Oldenburg eingereicht. »Die Versammlungsbehörde tritt die Demonstrationsfreiheit mit Füßen und versucht die Kritik an der Tierindustrie mit allen Mitteln zu verhindern«, sagte sie.

Über das Vorgehen der Behörde sei das Bündnis »irritiert«. Bereits im Mai sei das Protestcamp als Dauerkundgebung nach dem Niedersächsischen Versammlungsgesetz angezeigt worden (siehe jW vom 1.7.). Man werde weiter an dem Camp vom 12. bis 17. Juli festhalten. Teilnehmende sollten dort mit Anwohnern der Region in Workshops, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen »über unterschiedliche Probleme der Tierindustrie diskutieren und gemeinsame Perspektiven zum Ausstieg aus der Tierindustrie entwickeln«, so das Bündnis in einer Mitteilung vom Dienstag. Das Aufschlagen von Veranstaltungszelten sehe der Landkreis aber ebensowenig von der Versammlungsfreiheit gedeckt wie die Übernachtung der Teilnehmer vor Ort.

Sie sei »total optimistisch«, dass die Klage gegen das Verbot erfolgreich sein werde, sagte Klein und verwies auf ähnlich gelagerte Fälle aus den vergangenen Wochen. Erst am Freitag habe das VG Oldenburg entschieden, dass das Protestcamp gegen den Ausbau der A 20 in Westerstede samt Veranstaltungs- und Übernachtungszelten vom Versammlungsgesetz gedeckt sei. Die Versuche der Verhinderung von Protestcamps zeugten davon, »dass die betreffenden Behörden zivilgesellschaftliches und basisdemokratisches Engagement systematisch erschweren wollen«, so die Aktivistin. Von derartigen Schikanen werde man sich nicht einschüchtern lassen. »Unsere Versammlungsfreiheit lassen wir uns nicht nehmen«, sagte Klein.

Für den Zeitraum 12. bis 17. Juli hat »Gemeinsam gegen die Tierindustrie« zusätzlich zum Protestcamp eine Massenaktion gegen den Geflügelkonzern PHW in der Gemeinde Rechterfeld angekündigt, dem Verwaltungssitz der PHW-Gruppe. Der Großraum Vechta ist ein Ballungsraum der deutschen Tierindustrie, der von Schlachtkonzernen, Futtermittelwerken, Mastanlagen und Fleischverarbeitungsbetrieben geprägt ist. Allein im Landkreis Vechta leiden nach Angaben des Bündnisses mehr als 13 Millionen Tiere in industriellen Zucht- und Mastanlagen.

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  • Leserbrief von Iri Wolle (14. Juli 2021 um 17:21 Uhr)
    Die Kritik an der Tierindustrie sollte m. E. neben dem Tierleid noch folgende Tatbestände berücksichtigen:
    Wer in solchen Tierfabriken arbeiten bzw. in deren Nähe wohnen muss, ist viel häufiger mit gefährlichen Keimen belastet als der Durchschnitt der Bevölkerung, so die Ergebnisse von Krankenhaustests in Holland.
    Außerdem deckten Untersuchungen des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit erst kürzlich die erschreckende Tatsache auf, dass mit den fabrikmäßigen Haltungsbedingungen für Nutztiere zugleich ideale Voraussetzungen für neue Pandemien entstanden sind.
    Hinzu kommt, dass in Gegenden wie dem Schweinegürtel um Vechta das Grundwasser stark mit Nitrat belastet ist, was hohe Folgeinvestitionen nach sich ziehen wird, wobei bisher unklar zu sein scheint, wer dafür die Kosten zu tragen hat.

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