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Aus: Ausgabe vom 06.07.2021, Seite 6 / Ausland
Äthiopien und Tigray

Abzug gefordert

Nach einseitiger Verkündung von Waffenstillstand durch Addis Abeba: Tigray-Volksbefreiungsfront will Garantien
Von Gerrit Hoekman
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Gefangene äthiopische Regierungstruppen werden am Freitag durch Mekele geführt

Die Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF) fordert in einer Erklärung vom Sonntag einen vollständigen Abzug aller feindlichen Truppen, bevor sie Verhandlungen mit der äthiopischen Regierung über einen Waffenstillstand aufnehme. »Die Invasionstruppen aus Amhara und Eritrea müssen sich aus Tigray zurückziehen und in ihre Vorkriegsgebiete zurückkehren«, heißt es in der Erklärung der TPLF. Das berichtete der TV-Sender Al-Dschasira.

Am Montag vor einer Woche hatte der militärische Arm der Volksbefreiungsfront, die Tigray-Verteidigungsarmee (TDF), Mekele, die Hauptstadt von Tigray, zurückerobert, aus der er vor acht Monaten vertrieben worden war. Der größte Teil der Region ist damit offenbar wieder unter Kontrolle der TDF. Bei dem Vormarsch auf Mekele nahm die TDF nach eigenen Angaben 7.000 Soldaten gefangen. Die Gefangenen wurden am Freitag in Mekele von den Einwohnern mit Schimpf und Schande empfangen, wie auf Fotos zu sehen ist, die der britische Guardian am Sonntag auf seiner Onlineseite veröffentlichte.

Die Regierung in Addis Abeba hatte angesichts der militärischen Entwicklung vergangene Woche einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Ihre Beamten sind größtenteils aus Mekele geflohen. Die Regierungsarmee wird in Tigray von Kämpfern aus der angrenzenden Region Amhara und Soldaten aus dem Nachbarland Eritrea unterstützt. »Wenn wir eine Garantie haben, dass die Sicherheit unseres Volkes nicht durch eine zweite Invasionsrunde gefährdet wird, akzeptieren wir grundsätzlich einen Waffenstillstand«, hieß es in der Erklärung der TPLF, die ihr Sprecher Getachew Reda am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter bekanntgab und die mit »Regierung von Tigray« unterzeichnet ist.

Die TPLF verlangt ferner ihre Anerkennung als legitime Regierung von Tigray. Außerdem die sichere Rückkehr der rund zwei Millionen Flüchtlinge, die sich vor den Kämpfen in anderen Gebieten des Landes und im Sudan in Sicherheit gebracht hatten. Außerdem müsse die Stromversorgung mitsamt des abgeschalteten Internets wiederhergestellt werden. Ferner müssten der äthiopische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed und Isaias Afewerki, der Präsident von Eritrea, für den »von ihnen verursachten Schaden« zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Vereinten Nationen sollen eine unabhängige Untersuchung der »schrecklichen Verbrechen« beginnen, die Regierungssoldaten und ihre Verbündeten nach Angaben von Menschenrechtsgruppen gegen die Zivilbevölkerung begangen haben, darunter vor allem die Vergewaltigung von zahllosen Frauen und die Vernichtung der Ernte. Hilfsorganisationen werfen der Regierung in Addis Abeba vor, weiterhin die Auslieferung dringend benötiger Nahrungslieferungen für Tigray zu blockieren. Mindestens 400.000 Menschen leiden aktuell Hunger, fast zwei Millionen sind davon bedroht, warnten die Vereinten Nationen am Freitag.

Ministerpräsident Abiy Ahmed weist die Vorwürfe zurück. Vor dem äthiopischen Parlament verteidigte er den Angriff auf Tigray mit der Begründung, die TFLP gefährde die nationale Einheit des Landes. Sie habe die Kämpfe im November begonnen, als sie Stützpunkte der äthiopischen Armee in Tigray angegriffen habe.

»Mit der Anerkennung der TPLF als Regierung von Tigray würde die Regierung ihre Niederlage eingestehen«, analysierte die äthiopische Journalistin Catherine Soi am Montag auf Al-Dschasira die Ausgangslage. Auch der Duktus der Erklärung könne eine Einigung erschweren. Die Volksbefreiungsarmee spricht von einer »von Abiy Ahmed angeführten faschistischen Clique (…), die eine Völkermordkampagne geführt hat, um das Volk von Tigray zu vernichten«. Ahmed seinerseits bezeichnet die TPLF als »Hyänen« und als terroristische Organisation.

Die TPFL dominierte die Zentralregierung in Äthiopien fast 30 Jahre lang, bevor Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam. Am 21. Juni musste sich der Premierminister erstmals dem Votum der Wählerinnen und Wähler stellen. Das offizielle Ergebnis steht noch aus, auch weil die Wahl in drei wichtigen Regionen zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet. Nach der bisherigen Auszählung liegt Abiy Ahmed anscheinend vorne.

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  • Leserbrief von Georges Hallermayer aus Schwerte/Sarregumeines ( 6. Juli 2021 um 17:28 Uhr)
    Da gehört schon eine große Portion »Chuzpe« dazu, wie sich die TPLF als Sieger hinstellt und Forderungen stellt. Zuerst bricht sie mitten in der Erntezeit einen Blitzkrieg vom Zaun, will überfallartig das Nordkommando ausschalten, bei dem 80 Prozent der militärischen Kapazitäten konzentriert waren. Der Überfall ging schief, die Armee blieb Addis Abeba loyal und schlug die Aufständischen zurück. Die Raketen auf die eritreische Hauptstadt waren ebenso ein »Schuss ins Knie«, brachten die Eritreer nicht wie jahrzehntelang zuvor gegen Addis Abeba in Stellung, sondern gegen die TPLF. Die Ernte verdorrte auf den Feldern, die Bauern flüchteten massenweise – der Hunger blieb. Dass die TPLF die Präsidentschaftswahlen nutzt, die mit der Sicherung des Urnengangs beschäftigte Armee zu überrumpeln und die Provinzhauptstadt Mekele und einige andere Städte zu besetzen, war kein kluger Schachzug, sondern ein Pyrrhussieg. Nunmehr hat die TPLF die Aufgabe, die sie zuvor medial von Addis Abeba eingefordert hatte, die internationale Hilfe für die Hungernden zu organisieren und Flüchtlinge zurückzuführen. Die sofortige Erklärung der äthiopischen Armee eines einseitigen Waffenstillstandes ist die rücksichtsvolle Antwort auf die desolate Lage. Wir werden sehen, was der von den USA ausgehaltenen Führungsclique der TPLF noch einfällt, das Land zu destabilisieren… Georges Hallermayer, Sarreguemines

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