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Aus: Ausgabe vom 05.07.2021, Seite 10 / Feuilleton

Späte Einsicht

Von Erwin Riess
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Botten putzen nicht vergessen: Die Sowjets halten die Hütte sauber (Sowjetische Spieler nach dem Training, 1967)

Eines Tages hörte Herr Groll von einem Freund eine seltsame Geschichte: Sechs Monate nach dem Kriegsende in Europa, im November 1945, besuchte eine sowjetische Fußballmannschaft England. Groß war das Geheimnis um die Spielstärke der Moskauer, die UdSSR war in der Zwischenkriegszeit nicht nur politisch, sondern auch sportlich isoliert gewesen. Niemand im Westen hatte je eine sowjetische Spitzenmannschaft am Werk gesehen. Großbritannien hingegen, das Mutterland des Fußballs, hatte von der Teilnahme an den ersten drei Weltmeisterschaften, die in den Jahren 1930 bis 1938 stattgefunden hatten, abgesehen. Nur wer im Hampden Park in Glasgow und im Wembley-Stadium in London siegte, war in den Augen der Briten weltmeisterlich. Und es waren immer die Schotten und die Engländer gewesen, die als Sieger vom Platz gingen.

Der englische Fußball glaubte sich nach wie vor allen anderen Nationen überlegen. Tatsächlich war er aber in Spielanlage und Trainingsmethoden veraltet. Physische Stärke ersetzte spielerischen Witz, ein gekonntes »Sliding Tackling« war wichtiger als eine enge Ballführung, und hohe Flanken in den Strafraum galten als einzige Möglichkeit, ein Tor zu erzielen. Der sowjetische Verein hatte sich einer anderen Fußballphilosophie verschrieben: In den Trainingseinheiten brillierte Dynamo Moskau mit quirligem, »Passowotschka« genanntem Kurzpassspiel. Das blendend eingespielte Kollektiv von technischen Ausnahmekönnern ließ die Zuseher immer wieder in Rufe der Begeisterung ausbrechen, während es den britischen Verteidigern angesichts der phantasievollen und in aberwitzigem Tempo vorgetragenen Spielzüge schwindlig vor Augen wurde. Taktische Vorbesprechungen unter Zuhilfenahme einer Schultafel und Aufwärmübungen vor dem Spiel versetzten die Engländer endgültig in maßloses Erstaunen. Was würde auf dem Spielfeld folgen?

Das erste Match fand an der Stamford Bridge im Londoner Stadtteil Fulham statt, Gegner war der Traditionsverein FC Chelsea. Vor 90.000Zuschauern endete das Spiel mit einem Remis. Tage darauf folgten ein 10:1-Kantersieg Moskaus über ein walisisches Auswahlteam, ein 4:3 gegen Arsenal London, das für dieses Spiel um den genialen englischen Flügelstürmer aus Stoke on Trent, Sir Stanley Matthews, verstärkt wurde, und ein weiteres Remis gegen die Glasgow Rangers.

Die linke englische Tageszeitung Daily Worker begründete die Überlegenheit Dynamos mit der guten Infrastruktur im sowjetischen Sport, die der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehe. Die bürgerliche Presse indes kritisierte, dass das Gästeteam während des Krieges über eine Vielzahl von Privilegien verfügt habe. Besonders tadelte sie versteckte Fouls der Russen gegen die vorbildlich fairen Briten. Einzig Sir Matthews gab zu, dass die Russen den Engländern taktisch und spielerisch überlegen waren, und beklagte den Verlust von Ballgefühl und Technik im britischen Fußball.

Der Auftritt der Sowjets blieb nicht ohne Folgen. Die Queen’s Park Rangers übernahmen von ihnen das Warmlaufen vor dem Match. Und Sir Walter Winterbottom, ein berühmter englischer Nationalcoach, ließ es sich angelegen sein, taktische Vorbesprechungen hinkünftig mittels einer Wandtafel zu unterstützen. Dennoch sollten die Briten ihrem körperbetonten Fußballstil treu bleiben. Auch die erste Niederlage eines englischen Auswahlteams – 1953 gegen das ungarische Wunderteam – ließ die Engländer nicht an der Überlegenheit ihres Spiels zweifeln. Bis in die neunziger Jahre praktizierten sie ein überkommenes System und wurden dafür regelmäßig bei Weltmeisterschaften bestraft. Erst die Öffnung des englischen Spielermarkts für italienische (Zola), französische (Cantona) und holländische Spieler (Gullit) sorgte für die überfällige Modernisierung des britischen Fußballs. Manchester United, eine der erfolgreichsten europäische Klubmannschaften der letzten Jahre, praktizierte einen Fußballstil, der von Jackie Charlton, dem großen alten Mann des englischen Fußballs, bewundernd als »russisch« charakterisiert wurde. Spät, aber doch hat das Gastspiel von Dynamo Moskau Früchte getragen, dachte Herr Groll.

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