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Aus: Ausgabe vom 03.07.2021, Seite 6 / Ausland
Kolonialismus Niederlande

Warten auf Entschädigung

Niederlande und Sklaverei: Kommission fordert von Regierung Entschuldigung für »historisches Unrecht« und Aufarbeitung von Rassismus
Von Gerrit Hoekman
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Demonstration in Amsterdam in Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei (1.7.2015)

Die Niederlande müssen anerkennen, dass der Sklavenhandel und die Sklaverei ein Verbrechen gegen die Menschheit waren. Das fordert eine von der Regierung in Den Haag eingesetzte unabhängige Kommission am Donnerstag in ihrem Abschlussbericht. Der Staat müsse für das begangene »historische Unrecht« um Entschuldigung bitten.

Der Tag der Veröffentlichung war mit Bedacht gewählt: Am 1. Juli gedenken die Nachfahren derjenigen, die aus Afrika als Sklaven in die früheren niederländische Kolonien Suriname und Niederländische Antillen verschleppt wurden, des formalen Endes der Sklaverei in Suriname im Jahr 1863. De facto endete sie erst zehn Jahre später.

Die Kommission fordert nun, dass der 1. Juli ein landesweiter nationaler niederländischer Feiertag wird. Die Kommission sieht den bis heute in der Gesellschaft reichlich vorhandenen Rassismus auch als späte Folge der Sklaverei. »Die Bekämpfung des institutionellen Rassismus auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt, in der Bildung und bei der Polizei verdient besondere und dringende Aufmerksamkeit«, zitierte die Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag aus dem Abschlussbericht.

Die Geschichte der Sklaverei müsse auch im Schulunterricht umfangreicher behandelt werden, fordert die Kommission zu Recht. Ein Beispiel: Alle Welt kennt Spartakus, den Anführer der Sklaven gegen das antike Römische Reich. Wer aber kennt Tula, der am 17. August 1795 in der niederländischen Kolonie Curaçao einen Aufstand anführte, der erst einen Monat später niedergeschlagen werden konnte. Tula bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Am 3. Oktober 1795 wurde er von den niederländischen Kolonialherren hingerichtet.

»Zurückzublicken bedeutet mehr, als die Vergangenheit zu untersuchen. Es bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen«, sagte die niederländische linksliberale Innenministerin Kajsa Ollongren am Donnerstag bei einer Gedenkfeier in Amsterdam. Die nächste Regierung müsse die niederländische Rolle im Sklavenhandel anerkennen und dafür um Verzeihung bitten, so Ollongren. Bis zu einem erfolgreichen Ende der seit Monaten anhaltenden Koalitionsverhandlungen ist sie wie die gesamte niederländische Regierung nur kommissarisch im Amt.

Bis jetzt zeigte Mark Rutte, der wahrscheinlich auch das kommende niederländische Kabinett als Premierminister anführen wird, wenig Interesse an einer Entschuldigung für etwas, das vor anderthalb Jahrhunderten geschehen ist. Rutte ist der Meinung, es bestehe das Risiko, dass eine Debatte darüber die gesellschaftlichen Widersprüche in den Niederlanden anheizt. Tatsächlich hält etwas mehr als die Hälfte der Niederländerinnen und Niederländer eine Entschuldigung für unangebracht, wie eine repräsentative Umfrage Anfang des Jahres ergab.

Die Koalition aus Grünen, Linksliberalen, Sozialdemokraten und Sozialisten im Stadtrat von Amsterdam hat diesen Schritt jedoch am Donnerstag vollzogen. »Ich entschuldige mich im Namen der Stadtverwaltung für die aktive Beteiligung des Amsterdamer Stadtrats am Handelssystem der kolonialen Sklaverei und dem weltweiten Handel mit versklavten Menschen«, sagte die grüne Bürgermeisterin Femke Halsema laut der Tageszeitung Het Parool bei der Gedenkveranstaltung in Amsterdam. »Im 18. Jahrhundert kamen 40 Prozent des Wirtschaftswachstums aus der Sklaverei. Und in Amsterdam verdienten fast alle mit der Kolonie Suriname. Der Stadtrat, der Miteigentümer und Verwalter der Kolonie war, vorneweg.«

Die Nachfahren der Sklaven warten bis heute auf eine Kompensation. Die niederländischen Sklavenhalter und Plantagenbesitzer haben ihre längst bekommen. Für die Freilassung der rund 33.000 Sklaven in Suriname bekamen sie damals vom niederländischen Staat eine großzügige Entschädigung in Höhe von – auf die heutige Zeit umgerechnet – etwas mehr als 100 Millionen Euro, schrieb der Vorsitzende der Nationalen Reparationskommission Suriname (NRCS), Armand Zunder, am Donnerstag in der surinamischen Internetzeitung Star Nieuws.

Die freigelassenen Sklaven erhielten von der damaligen niederländischen Regierung keine Entschädigung: »Kein Land, kein Werkzeug, keine landwirtschaftliche Ausbildung, kein Geld und nicht einmal die Möglichkeit, in ihre Heimat Afrika zurückzukehren«, erinnert Zunder. Um sich Kleidung und Schuhe zu kaufen, mussten sie Kredit aufnehmen. Dabei seien ihnen die Niederlande für die Zeit der Sklaverei zwischen 1684 und 1873 nach heutiger Kaufkraft Lohnkosten in Höhe von 39 Milliarden Euro schuldig.

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