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Aus: Ausgabe vom 03.07.2021, Seite 2 / Ausland
Truppenabzug Afghanistan

»Das bedeutet eine Fortführung des Krieges«

Bundeswehr aus Afghanistan abgezogen. 20 Kriegsjahre führten zu Radikalisierung von Taliban und Al-Qaida. Ein Gespräch mit Emran Feroz
Interview: Jakob Reimann
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Bundeswehr-Soldaten ziehen aus Afghanistan ab: Die Zukunft des Landes bleibt ungewiss (Camp Marmal, Masar-i-Sharif, 29.6.2021)

Am Mittwoch sind die letzten deutschen Truppen aus Afghanistan nach Deutschland zurückgekehrt. Was ist die Bilanz der Bundeswehr in Afghanistan?

Die Bundeswehr war jetzt fast 20 Jahre in Afghanistan stationiert, der Höchststand waren 5.300 Soldatinnen und Soldaten. Vor allem in den letzten Jahren spielten die Bundeswehr-Soldaten auf dem Schlachtfeld kaum eine Rolle und verschanzten sich im Camp in Masar-i-Sharif. Nach den Anschlägen vom 11. September hat Deutschland dem »Kreuzzug« von George W. Bush in Afghanistan sofort zugestimmt, und es gab diesen bekannten Satz vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck, SPD, dass am Hindukusch die deutsche Freiheit verteidigt wird. Doch oft hat sich die deutsche Öffentlichkeit gefragt: »Was machen wir da eigentlich, und was ist der Sinn des Ganzen?« Viele Afghanen hatten zunächst ein recht positives Bild von den Deutschen. Bis zur Zäsur 2009, als der damalige Oberst Georg Klein mit dem Bombenabwurf auf einen Tanklaster in Kundus über 150 Zivilisten töten ließ; ganz eindeutig ein Kriegsverbrechen. 2012 wurde Oberst Klein zum General befördert. Das haben die Menschen in Afghanistan mitbekommen, und für die war das ein absoluter Skandal. Klein wurde in Deutschland vom militärisch-politischen Milieu vehement verteidigt, während der Anwalt der Opfer, der Deutschafghane Karim Popal, eine krasse Schmutzkampagne erlebt hat, weil er sich mit der Bundeswehr und dem politischen Establishment angelegt hat. Die ganze Sache ist dann untergegangen. Es gab keine Entschädigungszahlungen für die Opfer.

Henning Otte, der verteidigungspolitische Sprecher der CDU, sagte zum Truppenabzug: »Die Al-Qaida-Strukturen sind zerschlagen. (…) Damit war dieser Einsatz in Afghanistan erfolgreich.«

Das ist totaler Quatsch. Al-Qaida-Strukturen haben in Afghanistan überhaupt keine dominante Rolle gespielt. Und global betrachtet ist Al-Qaida seit dem Afghanistan-Krieg stärker geworden und hat mittlerweile Ableger in zahlreichen anderen Staaten. Der Krieg hat auch dazu geführt, dass viele Islamisten sich erheblich radikalisierten. Dass man da sagt »Mission accomplished«, hat mit der Realität nichts zu tun.

Es gibt Berichte, dass britische und US-Kontingente im Land bleiben werden. Kann überhaupt von einem Abzug gesprochen werden?

Es war von Anfang an gerechtfertigt zu fragen, ob dieser Abzug denn wirklich ein Abzug sein wird. Auch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen im Jahr 1989 gab es hinter den Kulissen weiterhin viele KGB-Berater und Militärs, die noch immer in Kabul mitgemischt haben. Ich kann mir vorstellen, dass selbiges auch hier geschehen wird. Die USA werden auch weiterhin mit Drohnenangriffen eingreifen und mit Spezialeinheiten vor Ort bleiben. Auch sollen 1.000 reguläre US-Truppen in Kabul bleiben, um die US-amerikanische Botschaft zu beschützen. Dann gibt es auch Truppen, von denen wir gar nichts wissen, zum Beispiel CIA-Einheiten, die im Land bleiben werden. Die Aufgabe eines Geheimdienstes ist es schließlich, im Geheimen zu agieren. All diese Akteure werden ihr eigenes Süppchen kochen. Und die Taliban werden diese Truppenpräsenz ausschlachten und dann sagen, der Deal mit euch ist geplatzt. Und das bedeutet dann eine Fortführung des Krieges.

Die Bundeswehr arbeitete mit Hunderten afghanischen Servicekräften vor Ort zusammen, Fahrer, Dolmetscherinnen. Was passiert jetzt mit all diesen Personen?

Die Taliban haben erklärt, dass diese Leute eine Bestrafung zu erwarten haben, Racheakte. Einige von diesen Servicekräften werden jetzt zwar in Sicherheit gebracht, doch das betrifft tatsächlich nur einen Bruchteil. Bundeswehr und Bundesregierung weigern sich, Verantwortung zu übernehmen. Ich kenne einen Fall von einem Afghanen, der hat für eine deutsche Firma an Datenleitungen und der Kommunikation im Camp Marmal gearbeitet. Doch das Auswärtige Amt weigert sich jetzt, ihn in das Programm aufzunehmen, weil er über eine Subfirma angestellt war. Doch die Taliban wissen das natürlich. Viele Dolmetscher zum Beispiel müssen aufwendige Screenings und Lügendetektortests durchlaufen, extra viel Bürokratie. Man will einfach so wenige wie möglich herholen. Einige werden hergebracht, doch die allermeisten werden im Stich gelassen.

Emran Feroz ist ein austro­afghanischer Journalist. Im August erscheint sein neues Buch zum Afghanistan-Krieg

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