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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 1 / Titel
Kriegsübung im Schwarzen Meer

Provokateure vor der Krim

Bericht: Erneuter Vorfall am Tag nach beabsichtigter Beinahekonfrontation mit britischem Kreuzer. Niederlande werfen Russland »Scheinangriffe« vor
Von Reinhard Lauterbach
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Die russische Küstenverteidigung austesten: Die vor der ukrainischen Küste abgehaltene Kriegsübung »Sea Breeze 2021« (Odessa, 27.6.2021)

Die Passage des britischen Zerstörers »HMS Defender« durch die von Russland beanspruchten Gewässer vor der Krim war offenbar Teil einer gezielten Provokationsserie. Das geht aus als »nur für britische Augen« klassifizierten Dokumenten des Londoner Verteidigungsministeriums hervor, die kurz nach dem Vorfall auf einem Müllhaufen an einer Bushaltestelle in der Grafschaft Kent gefunden wurden. In den Dokumenten, die der Finder zunächst der BBC zur Verfügung stellte, wurden vor der Operation der »HMS Defender« mehrere Szenarien und Kurse für die Fahrt des Schiffs von Odessa nach Batumi in Georgien durchgespielt. Für den küstennahen Kurs sprach demnach die Entscheidung des Verteidigungsministeriums, politische Unterstützung für die Ukraine zu demonstrieren. Ein Kurs über die hohe See könne in Russland den Eindruck erwecken, Großbritannien erkenne die Zugehörigkeit der Krim zu Russland indirekt an und »ziehe den Schwanz ein«.

Einen Tag nach dem »HMS Defender«-Zwischenfall ereignete sich, wie erst am Dienstag abend bekanntwurde, eine ähnliche Situation mit der niederländischen Fregatte »Evertsen«. Das niederländische Verteidigungsministerium warf Russland vor, mit Scheinangriffen und niedrigen Überflügen »unprofessionell« und »gefährlich« agiert zu haben. Außerdem sei die ­elektronische Ausrüstung der »Evertsen« für mehrere Stunden gestört gewesen – das zu demonstrieren, dürfte ein wesentlicher Zweck der russischen Aktivitäten gewesen sein. Solche Störungen der Bordelektronik haben in der Vergangenheit auch schon US-Kriegsschiffe veranlasst, Annäherungsversuche an die Küste der Krim abzubrechen.

Die Niederlande erklärten, der Zwischenfall mit der »Evertsen« habe sich 14 Seemeilen vor der Küste der Halbinsel ereignet. Der russische Dienst der BBC zitierte die Sprecherin des Ministeriums jedoch mit der Aussage, der Westen halte die fraglichen Gewässer für ukrainisch. Sollte Den Haag bei dieser Darstellung bleiben, würde das heißen, dass sich die »Evertsen« doch innerhalb der von Russland beanspruchten Zwölfmeilenzone aufgehalten haben muss. Von russischer Seite wurde indirekt eingeräumt, dass sich das niederländische Schiff zum Zeitpunkt des Alarms für die russischen Flugzeuge in internationalen Gewässern aufgehalten habe. Die Flugzeuge seien aufgestiegen, nachdem die »Evertsen« Kurs auf die Meerenge von Kertsch zwischen der Krim und dem Kuban-Gebiet genommen habe. Diese Meerenge betrachtet Russland inzwischen als sein Territorialgewässer; die Ukraine sieht dadurch ihren Zugang zu den Häfen Berdjansk und Mariupol am Asowschen Meer behindert.

Das zeitliche Zusammenfallen der beiden maritimen Zwischenfälle deutet darauf hin, dass eine der Aufgaben des derzeit im Schwarzen Meer stattfindenden NATO-Manövers »Sea Breeze 2021« wohl ist, die Reaktion der russischen Küstenverteidigung zu testen. Indirekt geht dies auch aus einem Bericht des US-Senders Radio Free Europe hervor; er warf Russland in seinem bulgarischen Dienst vor, das NATO-Manöver zum Anlass für eigene Übungen seiner Luft- und Schiffsabwehrkräfte auf der Krim zu nehmen.

Offizielle russische Medien warfen USA und NATO eine gezielte Provokationsstrategie im Schwarzen Meer vor. Je mehr solche Beinahekonfrontationen es gebe, desto größer sei die Gefahr, dass eines Tages wirklich geschossen werde, zitierte etwa die Krim-Ausgabe der Agentur RIA einen Wissenschaftler von der Diplomatenhochschule ­MGIMO. Gleichzeitig wird die eigene ­Bevölkerung beruhigt: Die russische Seeüberwachung kontrolliere das ganze Schwarze Meer bis zum Bosporus, und die Manövergruppierung der NATO sei nicht stark genug, um einen tatsächlichen Angriff auf russisches Territorium zu starten.

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 6. Juli 2021 um 11:57 Uhr)
    Deutsche Medien lesen sich anders: »Bomber und Kampfjets: Russen absolvieren Übungsflüge über Schwarzem Meer«, ließ zum Beispiel das Redaktionsnetzwerk Deutschland titeln. Dazu dürfen wir per TV teihaben an kriegsnahen, realen Bildern der westlichen NATO-Gemeinschaft. Es scheint im Lande nur wenige sonderlich zu berühren oder zu bewegen. Qualitätsmedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihrer Wahrheitsqualität verpflichtet sind, was einschließt, die Massen dumm zu halten.
    Meldungen zum Konfliktherd Schwarzes Meer stehen in diesem Kontext: Aggressoren und Provokateure sind die Russen und nicht die Krieger der NATO-Bande mit ihrem Manöver »Sea Breeze«, dessen Angriffsrichtung und -ort jedem Vorschulkind die wahre Bedrohung bewusst macht.
    Getreu dem verordneten Feindbild, sollen die Kriegsspieler der NATO den Russen klarmachen, wie unverschämt es ist, auf Bedrohung an ihren Grenzen zu reagieren. Es sollen den Russen »rote Linien« gezeigt werden. Es gilt für sie wie ungeschriebenes Gesetz und Völkerrecht, dass die westliche militärische Ordnungsmacht jederzeit und überall Völkerrecht ignorieren darf, militärisch in jedes Land einfallen darf. Das wissen nicht nur die Russen. Sie handeln entsprechend noch ausgesprochen überlegt, berechenbar und verantwortungsvoll.
    Wer provoziert an wessen Grenzen wen? Wer alles mit der Krim erklären will, darf nicht ausklammern, wer welche Tatsachen in der Region an der russischen Grenze schaffen wollte und geschaffen hat, wer für wen die Bedrohung ist, was sich im Schwarzen Meer eindrucksvoll bestätigt.
    Bleibt die Frage, wo angesichts der Kriegsgefahren die Friedensbewegung bleibt. Warum wird das Friedensthema derart ausgeklammert? Das Feindsbild stimmt wie vor hundert und mehr Jahren, der Gang der Dinge ist noch derselbe. Wir müssen uns angeblich wieder mal verteidigen.
    Komische Logik. Hat aber immer funktioniert, so wie wir stolz sein dürfen, dass deutsche Kampfbomber dabei sind. Afghanistan und Co. lehren nichts. Im Gegenteil, ganz nach Logik des Kapitals gilt ein »jetzt erst recht«, selbst bei Strafe des eignen Untergangs.
  • Leserbrief von Geert Platner aus Ahnatal ( 2. Juli 2021 um 16:07 Uhr)
    Die Leser und Leserinnen der jungen Welt mögen sich bitte folgende Nachricht vorstellen: »Nachdem zahlreiche nahezu einstimmige UN-Resolutionen ohne Resonanz blieben, begann am Montag ein bisher beispielloses Großmanöver von 32 Staaten in der Karibik. Ständige Aggressionen und massive Sanktionen, die die staatliche Souveränität Kubas gefährden, führten zu diesem Manöver direkt vor der US-amerikanischen Küste. Ein Kriegsschiff drang sogar unmittelbar in die Gewässer vor dem völkerrechtlich umstrittenen Guantanamo ein. Eine demonstrative Provokation, wie Geheimpapiere enthüllten, die an einer Bushaltestelle vor dem Kreml gefunden wurden. Die VI. Flotte der russischen Marine – inzwischen in Venezuela stationiert – proklamierte, es sei ›im Interesse der Welt, eine wohlhabende, stabile Karibikregion zu erhalten und aggressive Akteure abzuschrecken, die zu ihrem eigenen Vorteil eine Destabilisierung anstreben‹.« – So weit, so gut – denkt sich die Leserin, wurde ja auch mal Zeit, doch dann dudelt von der Fensterbank das Deutschlandradio: Das Ganze findet im Schwarzen Meer statt, und die Warnung vor Destabilisierung stammt allen Ernstes von der US-Marine!
  • Leserbrief von Dietmar Hänel aus Flöha ( 2. Juli 2021 um 12:35 Uhr)
    Erneut hat Deutschland einen Krieg mit verloren, den 20 Jahre andauernden Krieg in Afghanistan. Er kostete 59 deutschen Soldaten das Leben und Deutschland mehr als zwölf Milliarden Euro. Dieser Krieg hat unvorstellbare Verheerungen angerichtet mit Zehntausenden Toten und Geflüchteten Zivilisten. Was ist die Schlussfolgerung aus diesem Krieg und dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan für die deutschen Politiker? Es muss ein neuer Krieg her, denn die Rüstungskonzerne müssen ihren Profit sichern, und Deutschland muss Verantwortung übernehmen. Also wird ein neuer alter Feind ausgemacht – Russland. Es werden »Tornado«-Kampfflugzeuge der Bundeswehr zur »Luftraumüberwachung« über das Schwarze Meer geschickt. Sie müssen zwar damit rechnen, von der russischen Luftabwehr abgeschossen zu werden, wenn sie in den russischen Luftraum eindringen, aber dann wurde ja das Ziel erreicht. Ein Krieg mit Russland, denn die Russen hätten ja den ersten Schuss abgegeben. (...) Ebenso die beiden Kriegsschiffe aus den Niederlanden und Großbritannien, die in provokatorischer Weise in russische Hoheitsgewässer eindrangen bzw. Kurs auf diese nahmen und entsprechende Reaktionen Russlands auslösten. Was würde eigentlich passieren, wenn sich Russland die »Freiheit« nähme, vor der britischen, deutschen oder US-amerikanischen Küste mit Schiffen und Flugzeugen in derart provokatorischer Weise aufzutauchen? Fazit aus nur diesen wenigen Ereignissen: Nicht nur die deutschen Politiker haben aus der Geschichte nichts gelernt. Wenn sie so weitermachen, wird das alles im letzten Weltkrieg enden.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (30. Juni 2021 um 21:59 Uhr)
    Vor Jahren hatte es das schon einmal gegeben, als im Schwarzen Meer russische Flugzeuge derart nahe über ein amerikanisches Kriegsschiff nicht nur hinwegdonnerten, sondern den Schiff auch derart »bestrahlten«, dass dieses in einen rumänischen Hafen angeschleppt werden musste, weil seine Bordelektronik total versagte. Jetzt schossen in Armlänge »MiGs« der russischen Streitkräfte haarscharf über die niederländischen Fregatte »Evertsen«. Das niederländische Verteidigungsministerium warf Russland vor, mit Scheinangriffen und niedrigen Überflügen »unprofessionell« und »gefährlich« agiert zu haben. Außerdem sei die elektronische Ausrüstung der »Evertsen« für mehrere Stunden gestört gewesen – das zu demonstrieren dürfte ein wesentlicher Zweck der russischen Aktivitäten gewesen sein. Die Russen scheinen ihre überlegene Militärtechnik gut zu beherrschen.

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