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Aus: Ausgabe vom 30.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Tiefenpsychologie

Das Eigene und das Fremde

Impfen als Symbol
Von Götz Eisenberg
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Ein vages Gefühl der Selbstentfremdung: Was ist »freier Wille«, was »eingeimpft«?

Es wird berichtet, dass sich unter den Demonstranten, die sich gegen die staatlich angeordneten Coronamaßnahmen wenden, Leute befinden, die zur »Q-Anon«-Bewegung gehören. Diese hat sich in der Regierungszeit von Donald Trump in den USA ausgebreitet. Im Kern besteht die von dieser Gruppierung vorgetragene Verschwörungsideologie in der Behauptung, eine weltweit operierende Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut ein Verjüngungselixier herzustellen. Auch in Deutschland soll »Q-Anon« inzwischen weit über einhunderttausend Anhänger haben. Wie kann es dazu kommen, dass Leute einen solchen Quatsch glauben? Die Verschwörungserzählungen müssen wohl an etwas andocken, was viele Menschen bereits in sich tragen.

Der den Eliten angedichtete Vampirismus könnte die Projektion einer Erfahrung sein, die wir alle machen: Die kapitalistische Gesellschaft erhält sich am Leben, indem sie unsere Arbeitskraft einsaugt. Wir werden alle von den Verhältnissen vampirisiert und zombifiziert. Die Revolution bestünde darin, gemeinsam die Vampire in die Flucht zu schlagen. Der Effekt von Verschwörungsideologie besteht darin, die vorgeblichen Vampire aus der Anonymität der Verhältnisse herauszulösen, um sie dingfest und namhaft zu machen: »Die da sind es, die sich durch das Blut unserer Kinder verjüngen!« Man ruft »Haltet den Dieb!«, aber lässt den wahren Dieb entkommen. Die wahren Diebe sind allerdings schwer auszumachen. Die Gewalt der Verhältnisse tarnt sich als Technik und versteckt sich hinter Sachzwängen.

Analog könnte es sich mit der Verschwörungserzählung der Impfgegner verhalten. Sie besagt, dass William Gates uns beim Impfen einen Chip einpflanzen lässt, über den unser Denken und Verhalten ferngesteuert werden kann. Auch dieses paranoide Narrativ beinhaltet eine Spur von Wahrheit, nämlich die, dass wir alle mehr oder weniger fremdbestimmt leben und von anderen gesteuert werden. Wir bilden uns ein, eigene Ziele zu verfolgen, dabei sind es Ziele, die man uns mit mehr oder minder sanften Methoden »eingeimpft« hat. Das Impfen ist deshalb ein so sensibles Thema, weil es tief in unseren Organismus eingreift. Ein fremder Stoff dringt in uns ein und setzt Prozesse im Körper in Gang, die wir nur schwer oder gar nicht durchschauen. Das Impfen verändert uns. Und genau das scheint das Impfen zu einem Symbol für andere – beispielsweise pädagogische – Strategien der Inbesitznahme zu machen. Erziehung implantiert einen fremden Willen in unsere Seelen, der sich dort einnistet wie ein Parasit. Der Psychoanalytiker und ­Anarchist ­Otto Gross (1877–1920) hatte ein feines Gespür für diese Vorgänge und sah im Kampf zwischen dem eigenen und dem fremden Willen, dem Eigensinn des Kindes und dem fremden Willen der Eltern, den zentralen seelischen Konflikt und die vielleicht entscheidende Machtfrage. Das Kind ist dem fremden Willen von Geburt an ausgesetzt. Das Fremde gelangt auf dem Weg von Suggestionen in Körper und Seele des Kindes und kann dort zum Fremd-Körper, zum Widerpart, zum Gegen-Willen werden. Das Impfen lädt sich möglicherweise mit solchen uralten Konflikten auf und symbolisiert das Eindringen von etwas Fremdem in unsere Körper.

Die weitgehend in Vergessenheit geratene abtrünnige Psychoanalytikerin Alice Miller (1923–2010) sprach vom »braven Kind«. Das Kind wird »brav«, indem es sich dem elterlichen Willen unterwirft. Meist bleibt dem Kind keine andere Wahl. Seine Angewiesenheit auf die Erwachsenen ist zu Anfang seiner Entwicklung beinahe absolut. Die Angst des Kindes vor dem Entzug der mütterlich/elterlichen Zuwendung lässt das Kind auf alle Bedingungen eingehen, die Mutter und Vater mit ihrer Zuwendung verknüpfen. Es will und muss ihnen gefallen, identifiziert sich mit den pädagogischen Quälgeistern und lässt fortan die Eltern und Erzieher in sich wachsen statt seiner selbst. Es verliert den Zugang zu den eigenen Gefühlen und fühlt, was die Eltern fühlen. Und die haben meist die gesellschaftlich gewünschten und lizenzierten Gefühle. Das Kind wird ein anderes Kind, das Kind, das seine Eltern in ihm sehen und haben wollen. Es wird verfälscht und entwickelt, wie der englische Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (1896–1971) sagt, ein »falsches Selbst«.

Die Katastrophe, die in der Zukunft gefürchtet wird, ist in Wahrheit längst eingetreten und liegt im Nebel frühkindlicher Amnesie verborgen. William Gates wäre also eine Chiffre, eine Tarnadresse, an die die Leute ihre Wut und ihre Empörung schicken, statt sich an die wahren Verursacher zu halten. Die Eltern werden geschont und können weiter idealisiert werden. Im Inneren von uns allen tobt ein Kampf zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Meist obsiegt schließlich das Fremde, das nach und nach als das Eigene empfunden wird. Aber es bleibt ein vages Gefühl der Selbstentfremdung und eine meist namenlose Wut. Diese Wut erhält durch Verschwörungserzählungen einen Namen und eine Adresse. Darin besteht ihre psychologische Funktion. Ihre gesellschaftliche Funktion besteht darin, dass die wahren Verursacher der Misere geschont werden und die aggressiven Energien auf Ersatzobjekte verschoben werden. Wieder wird massenhaft gerufen »Haltet den Dieb!«, damit der wahre Dieb entkommen kann.

In unser aller Bewusstsein sind Rudimente enthalten, die aus einer Zeit stammen, da sich unser Ich aus einem amorphen vor-ichlichen Zustand herauskristallisierte. Anfängliche Desintegration weicht ersten Ansätzen von Integration, aus Fragmenten wird peu à peu ein Ganzes, also das, was wir »Person« nennen. Körperliche und seelische Prozesse, Inneres und Äußeres sind zunächst noch nicht getrennt und fließen ineinander. Archaische Spaltungen schützen das noch unintegrierte Ich davor, von Ängsten überflutet und aufgelöst zu werden. Die dadurch ausgelösten Aggressionen werden in »bösen Objekten« deponiert, um die »guten Objekte« vor ihrer zerstörerischen Kraft zu schützen. Solche, wenn man so will, psychotischen Anteile besitzen wir ­alle, und je nach Persönlichkeitsstruktur verschaffen sie sich unter bestimmten Bedingungen Zugriff auf die Steuerung unseres Verhaltens. Mit anderen Worten: Das zweijährige Kind, das sich im Dunklen fürchtet und glaubt, es könne jeden Moment vom bösen Wolf angefallen und verschlungen werden, ist im Erwachsenen noch immer anwesend. Wenn der Angst- und Panikpegel in der Gesellschaft steigt, regredieren ansonsten vernünftige Menschen auf die Stufe archaischer psychischer Vorgänge. Diese kollektive Regression stellt eine viel zu wenig beachtete Gefährdung der Demokratie dar; sie entzieht ihr die sozialpsychologischen Grundlagen und macht die Menschen anfällig für autoritäre oder gar faschistische Lösungen.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Bis 2016 arbeitete er als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. Er schreibt den Blog »Durchhalteprosa« gew-ansbach.de/tag/durchhalteprosa

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  • Leserbrief von Dr. Hans-Joachim Müller aus Bad Zwischenahn ( 1. Juli 2021 um 11:46 Uhr)
    Endlich einmal ein Autor, der sich nicht darauf beschränkt, gegen negative Erscheinungen und deren Akteure zu wettern, sondern versucht, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Mit anderen Worten: die Bedeutung des subjektiven Faktors im gesellschaftlichen und politischen Kontext darzustellen. Niemand wird bekanntlich als »Querdenker«, Verschwörungstheoretiker oder Faschist geboren. Was macht die Menschen zu dem, als das sie sich in jenen Kategorien präsentieren? Eisenberg packt in seinem Artikel ein gewichtiges Thema an, das im gesellschaftlichen und politischen Diskurs allerdings bestenfalls eine Außenseiterrolle einnimmt: die kindliche Entwicklung! Seine Ausführungen dazu unterstütze ich vorbehaltlos, möchte sie jedoch noch um einen Aspekt ergänzen. Wer spätestens seit PISA in den hiesigen Bildungseinrichtungen nicht mehr erfährt, dass selber denken schlau macht und Bildung nicht mehr in erster Linie der Persönlichkeitsentwicklung dient, sondern der Herstellung nutzenmaximierender Marktsubjekte im Sinne der Humankapitaltheorie, also Bildung im ursprünglichen Sinne durch Ausbildung ersetzt wird, zeigt sich offen für Orientierungsangebote aller Art, ohne die Fähigkeit zu entwickeln, mit Hilfe von Orientierungswissen diese kritisch zu durchleuchten und die wahren Verursacher der jeweiligen Misere zu erkennen. Wo Kulturaneignung bei Kindern durch Gewöhnung und nicht etwa durch Hinterfragen geschieht (siehe Rolle der Eltern im Eisenberg-Artikel), wo Kinder vornehmlich das Gedachte statt das Denken gelehrt bekommen (Ludwig von Friedeburg, ehemaliger hessischer Kultusminister), braucht es niemanden zu wundern, wenn das Feld für menschenfeindliche Theorien, Ideologien und Handlungen fast täglich wächst. Vielleicht täte dem Land, vor allem seinen fortschrittlichen gesellschaftlichen und politischen Organisationen, eine grundlegende Debatte über fragwürdige Kindheitsmuster und notwendige Alternativen dazu mehr als gut.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (30. Juni 2021 um 12:33 Uhr)
    Sehr geehrter Götz Eisenberg, ja, ich teile Ihre Ansicht, dass diese absurden Verschwörungstheorien aus den bedrückenden Erfahrungen der Menschen in der für sie unübersichtlichen Realität verständlich und tiefenpsychologisch begründbar sind. Und ja, auch ich habe in den 80ern mit großem Interesse Alice Miller gelesen, u. a. auch »Du sollst nicht merken«. Allerdings halte ich die psychoanalytischen Erklärungen einer Alice Miller mittlerweile für zu kurz gegriffen und in letzter Konsequenz sogar für eine weitere Gefahr, sich als in Bedrängnis geratenes Individuum der komplexen Realität nicht zu stellen, weil nicht gewachsen zu fühlen, sondern die Schuld statt dessen auf die greifbaren Eltern bzw. Erzieher zu lenken. Je mehr sich das Individuum an seine ersten Bezugspersonen gebunden gefühlt hatte, desto größer ist die Gefahr, dass es sich mit der radikalen Ablehnung seiner Herkunft sämtlicher Wurzeln beraubt, den Boden unter den Füßen verliert und dekompensiert. Der Mythos, die Sündenbocksuche wird einfach nur verlagert. Gleichzeitig werden damit wertvolle Ressourcen auch aus der noch so hilflosen Liebe in der Herkunftsfamilie aufgegeben. – Sollte das Anliegen eines Psychotherapeuten, vor allem eines systemisch denkenden, jedoch nicht sein, das wie immer gewordene Selbst im aktuellen Kontext zu stärken und ihm dann zu ermöglichen, sowohl historische als auch aktuelle Zusammenhänge besser zu verstehen?
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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