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Aus: Ausgabe vom 22.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Philosophie

Die Mühen der Erkenntnis

Zum zehnten Todestag des Philosophen Dieter Wittich
Von Martin Küpper
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Problem von Rang: Erkenntnis ist historisch bedingt (Arbeit am Karl-Marx-Relief der Uni Leipzig, 2008)

Vor 25 Jahren verursachte der Physiker Alan Sokal einen kleinen Eklat. Er veröffentlichte in einer sozialwissenschaftlichen Zeitschrift einen Artikel, in dem er die Quantengravitation als soziales Konstrukt des Menschen deutete und damit postmoderner Denkweise eine naturwissenschaftliche Weihe gab. Nach der Veröffentlichung bekannte Sokal aber an anderer Stelle, dass alles von ihm nur ausgedacht und im Grunde Nonsens sei. Die Parodie traf mitten ins Herz der akademischen Kultur und löste eine Debatte über Redlichkeit und nicht zuletzt Erkenntnisbegründung aus.

Versuche dieser Art, die Wissenschaft selbstreflexiv an ihr Kerngeschäft zu erinnern, gibt es schon lange. In den 60er Jahren boomten Logik, Semiotik und Kybernetik. Sie sollten in der DDR dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung auf die Sprünge helfen. Zu diesem Zwecke fanden zahlreiche Konferenzen statt, auf denen Philosophen dazu angehalten wurden, den Horizont der technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen zu bestimmen. Als Schüler von Georg Klaus (1912–1974) an die Ostseeküste zu einer solchen Tagung eingeladen wurden, versprachen die Organisatoren den Gästen behagliche Unterkünfte. Tatsächlich gab es aber nur Holzbaracken. Die Gruppe wollte das nicht auf sich sitzen lassen, also erfand sie kurzerhand eine neue Wissenschaft, die sie den Zuhörern präsentierte: Philonik. Diese neue, aus den USA stammende Wissenschaft untersuche Wirkungen unabhängig von ihren Ursachen und könne sich nur im Sozialismus angemessen entwickeln, ihren dialektischen Charakter entfalten, weil nur der Marxismus-Leninismus die entsprechende philosophische Basis böte. Da der Inhalt der Präsentation absurd war, endete diese in schallendem Lachen der Teilnehmer.

Das Referat hielt der 1930 geborene Dieter Wittich. Es verrät viel über seine Herangehensweise an Wissenschaft, wie sich Bernd Okun erinnert: »Wittichs Maxime: Deine gebildete Großmutter muss verstehen können, was du machst. Es musste logisch korrekt sein, sprachlich sauber, kein Geschwafel und Wissenschaftschinesisch. Du musst immer angeben können, welches offene Problem von Rang du gerade lösen willst. Sonst ist nichts von dem, was du schreibst, nachvollziehbar, nicht mal widerlegbar.« Wittich bestellte die Felder Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und -geschichte. Dafür baute er Mitte der 60er Jahre einen Lehrstuhl für Erkenntnistheorie an der Karl-Marx-Universität in Leipzig auf. Dort initiierte er mit anderen jährliche interdisziplinär ausgerichtete Arbeitstagungen mit internationaler Ausstrahlung. Der Leipziger Lehrstuhl erhielt die Aufgabe, eine systematische Darstellung der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie zu erstellen. Das 1978 vollendete Kollektivwerk war eher ein Lehrbuch für Lehrende, wie Wittich Anfang der 80er Jahre resümierte. Es ist der Versuch, ein entscheidendes Problem von Rang für die marxistische Philosophie zu lösen: Wie hängen gesellschaftliche Praxis und Erkennen zusammen, und wie kann die Erkenntnis hierüber handlungsrelevant dargestellt werden? Dafür wurde das Konzept der doppelten Determiniertheit des Erkennens entwickelt. Dieses sei stets und ständig Ausdruck praktisch-gesellschaftlicher wie materiell-gegenständlicher Bestimmungen, die aus dem menschlichen Umgestaltungsprozess der objektiven Realität herrühren. Erkenntnistheorie wird somit historisch. Jedes noch so dünne Abstraktum, auch wenn es verselbständigt erscheint, steht in einer genau zu erforschenden Determinationsbeziehung zur materiellen und gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese noch sehr allgemeine Feststellung war nur ein erster Aufschlag. Mindestens zwei Fragen blieben nämlich zurück: Welchen Sinn hat die allenfalls analytische Trennung zwischen materiellen und praktischen Determinanten? Was ist ein gesellschaftlicher Erkenntnisprozess im Unterschied zu einem individuellen? Ein als historisch charakterisiertes Subjekt wurde zwar angesprochen, blieb aber abstrakt, weil ihm die konkret-historischen Signaturen fehlten.

Diese Problemstellung wollte der Bereich in den 80er Jahren durch eine großangelegte Forschung zu »formationsspezifischen Aspekten menschlichen Erkennens« lösen. Wittich selbst wandte sich wieder vermehrt wissenschaftshistorischen Gegenständen zu wie der Entstehung, Wirkung und Kritik von Lenins »Materialismus und Empiriokritizismus«. Das Ende der DDR stoppte zwar nicht Wittichs bis heute anregende Wissenschaftshistoriographie. Da der Bereich aber abgewickelt wurde, ist die Debatte um die Rolle der Erkenntnistheorie im Marxismus auf freier Strecke angehalten worden. Heute vor zehn Jahren starb Dieter Wittich.

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