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Aus: Ausgabe vom 17.06.2021, Seite 12 / Thema
Philosophie

Esoterik mit revolutionärem Gestus

Nietzsche ist jetzt links: Über die postmoderne Umwertung der Werte
Von Jan Rehmann
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Linksdrehend, rechtsdrehend, positiv, negativ? Wie hätten Sie Ihren Nietzsche denn gerne?

In Kürze erscheint Jan Rehmanns Buch »Postmoderner Links-Nietzscheanismus« im Kasseler Mangroven-Verlag. Wir dokumentieren daraus Auszüge aus dem für die aktualisierte und erweiterte Neuauflage eigens verfassten Vorwort des Autors und danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Marco Tallio Giordanas Film »Maledetti vi amerò« von 1980 zeigt einen jungen Mann namens Ricardo, der, hin- und hergerissen zwischen Linksterrorismus und Yuppiekultur, kurz vor seinem Selbstmord eine neue Variante postlinker Political Correctness durchbuchstabiert: »Erotik ist links, Pornographie ist rechts. Sogar Penetration ist rechts, während Vorspiel links ist. Heterosexualität ist rechts, aber Homosexualität hat einen tiefen Transgressionswert und ist daher links. Haschisch ist links, aber Amphetamine, Koks und Heroin sind rechts. Nietzsche wurde neu evaluiert und ist jetzt links, aber Marx ist rechts.« Daraufhin steckt er sich die Pistole in den Mund.

Die Filmszene hält einen Moment eines komplexen ideologischen Vorgangs fest, in dem ein hochelaboriertes Paradigma der Nietzsche-Interpretation im Alltagsverstand einer Nach-68er-Generation ankommt und sich mit den Enttäuschungen gescheiterter oder versandeter politischer Initiativen verbindet. Zwei der einflussreichsten Vertreter dieser Umwertung Nietzsches sind Gilles Deleuze und Michel Foucault. Deleuze hat 1962 in »Nietzsche et la philosophie« eine Interpretation vorgelegt, die mehrere Generationen poststrukturalistischer Intellektueller nachhaltig geprägt hat; Foucault hat sich sowohl in seiner »archäologischen« als auch in seiner »genealogischen« Phase durchgängig als Nietzscheaner verstanden und beansprucht, ­Nietzsches Subjekt-, Humanismus- und Moralkritik am historischen Material der Moderne weiterzuführen und zu konkretisieren.

Deleuze fasst 1973 in seinem Aufsatz übers »­nomadisierende Denken« seine bisherigen Überlegungen zur Neubewertung Nietzsches folgendermaßen zusammen: Marx und Freud repräsentieren die Entstehung der modernen bürokratischen Kultur; ihr Projekt ist das einer Rekodierung: des Staates bei Marx, der Familie bei Freud. Dagegen stehe Nietzsche für den Anbruch der Gegenkultur. Er verwandle das Denken in eine nomadische Kraft, in eine »Kriegsmaschine« gegen die rationale, administrative Maschinerie, deren Philosophen im Namen der reinen Vernunft sprechen. Damit wendet sich Deleuzes Nietzsche direkt an die Revolutionäre von heute: Wir brauchen eine solche »Kriegsmaschine«, die nicht wieder einen Staatsapparat hervorbringt.

Ästhetisierung des Politischen

Wo anders hätten die Leser in den 70er Jahren die nomadischen Kriegsmaschinen verorten sollen, als im Horizont der italienischen Roten Brigaden oder der westdeutschen »Roten Armee Fraktion«? Allerdings sollte die Assoziation nicht allzu wörtlich verstanden werden. Es sind keine wirklichen Geschosse, sondern Nietzsches Aphorismen, die die »Rammböcke« dieser Kriegsmaschine ausmachen sollen, und ihre Zerstörungskraft richtet sich vor allem gegen die literarische Form der »Maxime«. Die »Nomaden« brauchen sich auch nicht wirklich zu bewegen, sie entziehen sich nur den Codes der Sesshaften, indem sie »Trips of inten­sity« unternähmen. Es wird also auch hier nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. »Krieg« und »Kriegsmaschine« sind lautstarke Metaphern, die einem esoterischen philosophischen Diskurs den revolutionären Gestus eines Guerillakriegs verschaffen sollen.

Natürlich hat der umgewertete Nietzsche im studentischen Protestmilieu in der Regel nicht zum Selbstmord geführt, sondern im Gegenteil, wie imaginär auch immer, eine Lösung fürs Weiterleben bereitgehalten: sich aus ausweglosen linksradikalen Praxisformen zurückzuziehen, ohne das radikale Selbstverständnis preisgeben zu müssen. Der Preis dieser Kompromissbildung liegt in einer widersprüchlichen Ästhetisierung des Politischen, die nach links wie nach rechts ausschlagen kann. »The left turn: smash truth, cognition and morality, (…) and live luxuriantly in the free, groundless play of your creative powers. The right turn (…): ­forget about theoretical analysis, cling to the sensuous particular, view society as a self-grounding organism, all of whose parts miraculously interpenetrate without conflict and require no rational justification, (…) think with the blood and the body.«¹

Die Ambivalenz ist von unterschiedlichen Autoren wahrgenommen und, abhängig von der eigenen Perspektive, gewürdigt oder verurteilt worden. Bei einigen Autoren, die, vom Marxismus herkommend, sich poststrukturalistischen Ansätzen zugewandt haben, wird sie als Polymorphie und Dispersion der Subjekte wahrgenommen und als Befreiung gegenüber Determinismus und Klassenreduktionismus begrüßt. Dagegen schlägt Habermas die linksnietzscheanische Linie von Georges Bataille über Foucault zu Derrida den »Jungkonservativen« zu und spielt damit auf die »konservativen Revolutionäre« in der Weimarer Republik um Martin Heidegger, Ernst Jünger und Carl Schmitt an: »Mit modernistischer Attitüde begründen sie einen unversöhnlichen Antimodernismus.«² Manfred Frank zufolge zeigte sich hier eine »Neigung zum ›Gefährlichdenken‹« schlechthin, die für die wirkliche Herrschaft ungefährlich und zugleich von links bis rechts ausschlachtbar sei.³ Descombes hat an den philosophischen Diskursen des poststrukturalistischen Antihegelianismus eine eigentümliche Zweideutigkeit beobachtet, die sich z. B. daran zeige, dass die Hegelsche Herr-Knecht-Dialektik von den gleichen Autoren mal marxistisch als Ausbeutungsverhältnis artikuliert wird, mal nietzscheanisch in dem Sinne, dass der moderne Bourgeois ein verächtliches Wesen darstellt, weil er nur ein freigelassener Sklave sei, der seinen Herrn interiorisiert habe.⁴ Ferry und Renaut verallgemeinern diese Beobachtung zu dem Vorwurf eines »doppelten Spiels«, bei dem die Macht einerseits in der Sprache einer marxistischen Gesellschaftskritik an Ausbeutung, Repression und Ausschließung als »Pseudorationalität« erscheine, andererseits im Rahmen eines Nietzsche-Heidegger-Registers vom Gesichtspunkt des von der Vernunft Ausgeschlossenen (z. B. des Wahnsinns) und im Namen eines »Irrationalen« kritisiert werde.⁵

Eagleton zufolge ist die Postmoderne im Funktionszusammenhang des Kapitalismus sowohl ikonoklastisch als auch inkorporiert, und zwar deshalb, weil dieser selbst gespalten ist: eine anarchische Marktlogik, die permanent die höheren Werte antiideologisch zersetzt, geht mit einem Systembedarf nach kompensatorischen Ideologien einher. Unkritisch gegenüber den fragmentierenden Funktionsweisen des kapitalistischen Marktes, ist die Postmoderne zugleich subversiv, insofern sie das System dort in Frage stellt, wo es auf absolute Werte, metaphysische Grundlagen und selbst-identische Subjekte angewiesen ist. Fredric Jameson beschreibt sie als ein »Spannungsfeld, in dem sich unterschiedliche kulturelle Impulse behaupten müssen«, freilich mit einer »kulturellen Dominante«, die er als zunehmende Integration der ästhetischen Produktion in die »spätkapitalistische« Warenproduktion bestimmt.⁶

Anknüpfend an Gramscis Hegemonietheorie schlage ich vor, den Vorgang als »passive Revolution« zu analysieren, die hier die Besonderheit aufweist, unmittelbar an den Kulturen des »Gauchisme« anzusetzen. Freilich muss man sich klarmachen, dass die historische Reichweite der Begriffsbildung bei Gramsci über die gescheiterte Studentenrevolte ­hinausgeht. Er ging von zwei Revolutionen aus, die nicht nur »­aktiv«, sondern auch (zunächst) erfolgreich waren, nämlich die jakobinische Revolution in Frankreich, der gegenüber sich die Nationalstaaten in Deutschland und Italien als Reaktionen herausgebildet haben, und die bolschewistische in Russland, auf die der ­Westen mit neuen »fordistischen« Regula­tions- und Integrationsformen reagierte, die sich freilich längerfristig als historisch überlegen erwiesen. Trotz des historischen Abstands bleibt der Grundgedanke lehrreich, dass es sich bei der passiven Revolution um eine gesellschaftliche Umwälzung bei gleichzeitigem »Fehlen einer Volksinitiative« handele. Die Federführung liegt beim herrschenden Block, der auf ein »sporadisches, elementares, unorganisches Umstürzlertum« reagiert und einen »gewissen Teil der Forderungen von unten« aufnimmt.⁷ Der Begriff der »passiven Revolution« deckt somit eine »Morphologie des entwickelten Kapitalismus auf (…), als besäßen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse (…) eine bestimmte Plastizität, die es ihnen in Krisenzeiten ermöglicht, ihre eigene ›Neustrukturierung‹ zu leisten«.⁸

Modernekritische Wende

Unversehens sind wir in der Postmodernedebatte gelandet und müssen uns die Frage stellen, ob und in welchem Sinne es überhaupt berechtigt ist, von einem postmodernen Links-Nietzscheanismus zu sprechen. Dass die ­Nietzsche-Rezeption in der Herausbildung von Poststrukturalismus und Postmoderne eine zentrale Rolle gespielt hat, ist in der Literatur unbestritten. Dies lässt sich auch für den Wortursprung des Terms »postmodern« aufzeigen, der in adjektivischer Form erstmals 1917 im Umkreis des George-Kreises unmittelbar in Anlehnung an Nietzsches Konzept des Übermenschen verwendet wird: Der »postmoderne Mensch« ist bei Rudolf Pannwitz⁹ der »sportlich gestählte«, »nationalistisch bewusste«, »militärisch erzogene« und »religiös erregte« Mensch, der sich den »nichtigen und lächerlichen« Kulturbestrebungen des modernen Europas entgegenstellt. Andererseits hat der späte Foucault es 1983 weit von sich gewiesen, unter die Postmoderne subsumiert zu werden: Er wisse nicht, worum es sich dabei handele, wie die Modernität beschaffen sei, von der sie sich abstoße, und welcher Problemtypus den Postmodernen oder Poststrukturalisten gemeinsam sei.

Die Kategorie der Postmoderne hatte sich schon in den fünfziger Jahren in der US-amerikanischen Literaturkritik eingebürgert, wurde in den sechziger Jahren zum Schlagwort einer avantgardistischen Kritik an der »ästhetischen Moderne« und in den frühen siebziger Jahren »zu einer Art Sammelbegriff für neuere Entwicklungen vor allem in der Architektur, aber auch im Tanz, im Theater, in der Malerei, im Film und in der Musik«.¹⁰ Erst nach Lyotards »La Condition post­moderne« von 1979 wird der Term zum Erkennungszeichen philosophischer Diskurse. Es liegt also nahe, mit »Postmoderne« allgemein auf eine modernekritische Wendung zu verweisen, die quer durch Ästhetik, Kultur und Lebensweise verläuft, unterschiedliche philosophische Richtungen erfasst und auch die theoretische Wendung vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus mit beinhaltet. Nichts spricht daher dagegen, Deleuze und Foucault als Poststrukturalisten zu bezeichnen, wenn man damit ihren Anspruch hervorheben will, den (z. B. Saussureschen oder ­Lévi-Straussschen) Strukturalismus hinter sich zu lassen; aber es spricht auch nichts dagegen, sie als Vertreter der Postmoderne zu behandeln, wenn man sich dafür interessiert, wie sie sich von den anthropologischen »Utopien« oder sogenannten »Großtheorien« der Moderne (wie z. B. ­Humanismus, Psychoanalyse und Marxismus) abgrenzen, die Lyotard unter dem Begriff der »Metaerzählungen« (Métarécits) zusammengefasst hat.

Es ist daher kein Zufall, dass die meisten Kritiker der Postmoderne an deren Konstruktion einer einheitlichen Moderne ansetzen. Habermas’ Einwand lässt sich dahingehend zusammenfassen, der postmoderne Abschied von der »Moderne im Ganzen« maße sich eine trans­zendente Stellung an und verdränge die der Moderne selbst innewohnenden Gegendiskurse, die die Aufklärung über ihre eigenen Bornierungen aufzuklären versuchten.¹¹ Statt die emanzipatorischen Gehalte der Vernunft einzubehalten und gegen die einseitige Rationalität der bürgerlichen Gesellschaft einzuklagen, folge die Postmoderne einer Nietzscheschen Modernekritik, die die Dialektik der Aufklärung verabschiede. Manfred Frank verortet die von der Postmoderne unkenntlich gemachten Gegendiskurse der Moderne vornehmlich in der romantischen Selbstkritik des Idealismus, die bereits dargelegt habe, dass der Blick, unter dem wir unsere Welt erschließen, nicht von uns geschaffen, sondern uns »eingepflanzt«, »inokuliert«, d. h. durch Diskursformationen vorstrukturiert ist.¹² Die als nachmoderne Errungenschaft verkündete »Dezentrierung des Subjekts« habe ihren Platz in der »modernen« Philosophie­geschichte selbst, da die unterschiedlichsten Denker von Spinoza über Fichte und Schelling bis Feuerbach, Marx und Freud darin übereinstimmten, das Subjekt »in einem selbst nicht Bewussten« gründen zu lassen. Ulrich Beck kritisiert, die Postmoderne identifiziere die Moderne fälschlich mit der industriegesellschaftlichen Moderne und sei daher unfähig, »mehrere Modernen« zu denken: Beim ersten Anzeichen einer Krise des industriegesellschaftlichen Paradigmas begehe sie Fahnenflucht, statt sich der konstruktiven Aufgabe zu stellen, ein postindustrielles Modell »reflexiver Modernisierung« zu entwerfen.¹³

Die Einwände zeigen bei all ihrer Unterschiedlichkeit, in welchem Ausmaß die Kategorie der Postmoderne von der vorausgesetzten Konstruktion einer homogenisierten Moderne abhängt, die die vielfältigsten Widersprüche ausblendet und bis zur Unkenntlichkeit nivelliert. Wenn Lyotard die Moderne als einen Typus von Legitimation beschreibt, der über Metadiskurse wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns, die Emanzipation des vernünftigen oder des arbeitenden Subjekts verläuft, und die Postmoderne durch den Glaubensverlust (Incrédulité) gegenüber solchen Metaerzählungen definiert¹⁴, erzählt er selbst eine Groß-Geschichte, die die zur Verabschiedung bestimmten Geschichten noch überbietet – »die größte denkbare Meta-Erzählung, die Erzählung nach den Erzählungen, die so altklug ist, dass sie alles immer schon als Nichtwissen weiß«.¹⁵

Der methodische Selbstwiderspruch legt den Zweifel nahe, ob es sich bei der »Postmoderne« überhaupt um einen analytisch tragfähigen Begriff handelt. Jeder Versuch, ihre geistige Spezifik auf den Punkt zu bringen, muss dazu provozieren, das ganze Unternehmen ad absurdum zu führen: soll sie eine radikale Infragestellung von Humanismus und Aufklärung bezeichnen, muss man offenbar die Aufklärungskritik von Papst Johannes Paul II. mit zur Postmoderne rechnen, meint Harvey;¹⁶ liegt ihre Spezifik in der Kritik universalistischer Wahrheiten, kann man Pontius Pilatus als den »ersten Postmodernen« bezeichnen, mutmaßt Eagleton.¹⁷ Das ist nicht ganz so absurd, wie es klingt, hat doch schon Nietzsche im »Antichristen« Pilatus als die einzige Figur im Neuen Testament bezeichnet, die man wegen ihrer vernichtenden Wahrheitskritik »ehren muss«. Schließlich meint Heiner Müller, wenn wir Lenin als die sozialistische Moderne ansehen, sei der Stalinismus unsere Postmoderne, »die Substitution der Realität durch das Wort, die Schrift, das Papier. Unsere Simulacra sind die (­fiktiven) Dokumente, mit denen Geschichte simuliert wird.«¹⁸

Wirksame Selbstvermarktung

Auch wenn hier einiges an Blödelei grenzt, ist es doch eine lehrreiche. Sie legt den Finger auf eine postmoderne Diskursstrategie, die den Imperativen einer wirksamen Selbstvermarktung folgt, statt sich nach den Reflexionsstandards theoretischer Begriffsbildung zu richten. Dass das methodische Problem tiefer liegt, zeigen die unabschließbaren Debatten um die Reichweite des Terminus »Aufklärung«: Bezeichnet er das 18. Jahrhundert, das als »Siècle des lumières« bezeichnet wurde? Oder meint er, wie im Ausdruck »antike Aufklärung« angelegt, den Aufbruchsimpuls aus Unmündigkeit und irrationaler Herrschaft überhaupt? Die Mehrdeutigkeit zeigt, »dass ›geistesgeschichtliche‹ Epochenbegriffe ein unsicheres Fundament in der Sache selbst, dem vielschichtigen und antagonistischen Geschichtsprozess, haben«.¹⁹ Dies legt nahe, die Postmoderne nicht primär als geistesgeschichtliches Phänomen zu verstehen, sondern gesellschaftstheoretisch von den Umbrüchen in der Produktions- und Reproduktionsweise her zu rekonstruieren. In diesem Sinne hat Fredric Jameson vorgeschlagen, »postmodern« zur Bezeichnung eines »Überbaus« zu verwenden, der im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus eine neue »Fühlstruktur« (Structure of feeling) hervorgebracht hat.²⁰ Die entscheidende Aufgabe bestimmt er dahingehend, die neuen Praxis- und Fühlformen im Verhältnis zu den Produktions- und Organisationsformen des globalen Kapitalismus zu untersuchen. Dieser Zusammenhang sei nicht als Reflex zu verstehen, sondern als Produktion von Subjekten, die in den neuen sozio­ökonomischen Verhältnissen funktionieren können.
Einen solchen Versuch unternimmt z. B. David Harvey, wenn er die Postmoderne in eine Reihe sukzessiver »Zeit-Raum-Kompressionen« einordnet, die durch den Druck der Kapitalakkumulation generiert werden.²¹ Zu einer Fragmentierung linearer Zeitauffassungen kam es erstmals durch die große Überakkumulationskrise in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In ihrer Folge entwickelte sich in bildender Kunst und Literatur der »Modernismus«, dessen Krisenbewusstsein durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution noch gesteigert wurde. Die Überakkumulationskrise von den späten 1960er Jahren bis circa 1973 führte zu einem neuen Beschleunigungsschub der Umschlagszeiten in Produktion, Zirkulation und Konsumtion. Dieser trieb wiederum neue Raum-Zeit-Verdichtungen hervor, die eine Bedingung für die Herausbildung der Postmoderne darstellten.

Betrachtet man die Produktionsweise postmoderner Theorien, stößt man auf eine komplexe Genealogie, die, ausgehend von Frankreich, in die USA führt und von dort – entlang der akademischen Kanäle der US-Hegemonie – als globales Exportgut weltweit verbreitet wird und somit auch wieder nach Europa zurückgegeben wird, allerdings nicht ohne Transformationen. Wie François Cusset gezeigt hat, ist die »French theory« weitgehend ein in US-amerikanischen Universitäten hergestelltes Produkt einer entkontextualisierenden Aneignung. Sobald sie dort in den Geistes- und Literaturwissenschaften vorherrschend wurde, verlor sie in Frankreich an Einfluss. Vor dem Hintergrund dieser Konstellation kann Jameson argumentieren, der Ausdruck »postmodern« habe sich in einem Maße eingebürgert, »that, for good or ill, we cannot not use it«.²² Wenn wir dem folgen, sollten wir den Term nicht als einen analytisch trennscharfen Begriff verstehen, sondern ihn vorläufig und flüssig zur Beschreibung ideologischer und kultureller Verschiebungen benutzen, über deren Phänographie die Literatur trotz aller Gegensätze in der Bewertung sich erstaunlich einig ist: ein Zeitverständnis, bei dem das modernistische Warten auf grundlegend Neues durch die Orientierung auf Ereignisse und Einschnitte abgelöst wird, eine an der Warenästhetik orientierte Zelebrierung der Unmittelbarkeit und Verfügbarkeit, eine Fragmentierung, die man in Anlehnung an Lacans Darstellung der Schizophrenie als Zerreißen kohärenter Signifikantenketten beschreiben kann, eine ästhetische Tiefenlosigkeit, die Jameson exemplarisch an der Gegenüberstellung von van Goghs Bauernschuhen und Andy Warhols »Diamond Dust Shoes« herausgearbeitet hat, ein Verlust an Historizität, der durch Tendenzen der Verräumlichung kompensiert wird, die Vorliebe für »eklektizistische Fassaden-, Pastiche- und Zitatkunst«²³, eine »Ära der Indifferenz«, d. h. der »austauschbaren Individuen, Beziehungen, Wertsetzungen und Ideologien«.²⁴

Viele dieser Beschreibungen lassen sich in Eagletons Interpretation integrieren, derzufolge die Postmoderne die materielle Logik des fortgeschrittenen Kapitalismus aufsammelt und aggressiv gegen seine geistigen Grundlagen wendet. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, dass die der Postmoderne zugrundeliegenden gesellschaftlichen Transformationen eine »Explosion widerstreitender Tendenzen« hervorrufen, die auch kompensatorische Bedürfnisse nach »tieferen Fragen« und ewigen Wahrheiten enthalten. Die postmodernen USA sind auch ein Land der Esoterik sowie der unduldsamsten Fundamentalismen.

Anmerkungen

1 »Die linke Wendung: Zerschlage Wahrheit, Erkenntnis und Moral, (...) und lebe üppig im freien, grundlosen Spiel deiner schöpferischen Kräfte. Die rechte Wendung (...): vergiss die theoretische Analyse, klammere dich an das sinnliche Partikulare, betrachte die Gesellschaft als einen sich selbst begründenden Organismus, dessen Teile sich auf wundersame Weise konfliktfrei durchdringen und keiner rationalen Rechtfertigung bedürfen, (...) denke mit dem Blut und dem Körper.« Terry Eagleton: The Ideology of the Aesthetic, Oxford 1990, S. 368f.






















2 Jürgen Habermas: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Rede zur Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt, 1980, in: ders.: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze, Leipzig 1992, S. 52















3 Manfred Frank: Was ist Neostrukturalismus? Frankfurt/Main 1983, S. 435f.






















4 Vincent Descombes: Le même et l’autre. Quarante-cinq ans de ­philosophie française (1933–1978), Paris 1979, S. 185






















5 Luc Ferry u. Alain Renaut: La pensée 68. Essai sur l’anti-humanisme contemporain, Paris 1985, S. 113ff.






















6 Fredric Jameson: Postmoderne – zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus«, in: Andreas Huyssen und Klaus Scherpe (Hg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reinbek 1993, S. 48, 50






















7 Antonio Gramsci: Gefänginishefte. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 6, Heft 10.II, Hamburg 1991 ff., S. 1330






















8 Christine Buci-Glucksmann: Über die politischen Probleme des Übergangs: Arbeiterklasse, Staat und passive Revolution«, in:






SOPO (Sozialistische Politik) 41, 9. Jg., 1977, S. 15)















9 Rudolf Pannwitz: Die Krisis der europäischen Kultur, Werke, Band 2, Nürnber 1917, S. 64






















10 Andreas Huyssen: Postmoderne – eine amerikanische Internationale?«, in: Huyssen/Scherpe, a. a. O., S. 13, 17 ff., 23 ff.






















11 Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt/Main 1985, S. 12f., 353






















12 Frank, a. a. O., S. 120f., 123






















13 Ulrich Beck in ders., Anthony Giddens, Scott Lash: Reflexive ­Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt/Main 1996, S. 39






















14 Jean François Lyotard: La condition postmoderne, Paris 1979, S. 7 f.






















15 Wolfgang Fritz Haug: Elemente einer Theorie des Ideologischen, Hamburg, Berlin 1993, S. 11






















16 David Harvey, David: The Condition of Postmodernity, Cambridge (USA), Oxford (UK) 1990, S. 41






















17 Terry Eagleton: The Illusions of Postmodernism, Oxford 1996, S. 41






















18 Heiner Müller u. Robert Weimann: Gleichzeitigkeit und Repräsentation. Ein Gespräch, in: Weimann u. Hans Ulrich Gumbrecht (Hg.): Postmoderne – globale Differenz, Frankfurt/Main 1991, S. 182–207, hier S. 182 f.






















19 Haug: Art. Aufklärung, in: HKWM, Bd. 1, Hamburg 1994, S. 719-730, hier S. 719






















20 Jameson, Fredric: Postmodernism or The Cultural Logic of Late ­Capitalism, Durham 1991, S. XIV






















21 Harvey, a. .a O., S. 306 f.






















22 »dass wir ihn wohl oder übel nicht nicht benutzen können«. ­Jameson, a. a. O., S. XXII






















23 Huyssen, a. a. O., S. 13






















24 Peter V. Zima: Moderne/Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur, Tübingen, Basel 1997, S. 26






















Jan Rehmann arbeitet am Union Theological Seminary in New York als Visiting Professor for ­Critical Theory and Social Analysis.

Jan Rehmann: »Postmoderner Links-Nietzscheanismus. Deleuze und Foucault. Eine Dekonstruktion« (aktualisierte und erweiterte Neuausgabe), Mangroven-Verlag, Kassel 2021, 360 Seiten, 24 Euro

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  • Leserbrief von Reiner Schulz aus Potsdam (19. Juli 2021 um 17:52 Uhr)
    Dieser Artikel belegt, dass der Kommentar eines Oberingenieurs der TU Charlottenburg aus Anlass des Hochschulrahmengesetzes 1972, das die Trennung von Lehre und Forschung beschloss, sich als zutreffend erwiesen hat: »So etwas beschließt nur, wer will, dass die Gesellschaft täglich etwas dümmer wird.« Denn Forschung soll auf einem anderen Stern stattfinden, zu dem nicht einmal Studenten Zugang haben, darunter auch die zukünftigen Professoren. Zur Über- und Unterüberschrift »Esoterik mit revolutionärem Gestus. Nietzsche ist jetzt links: Über die Postmoderne Umwertung der Werte«. Die Bezeichnungen »revolutionär« und »links« sind ursprünglich bezogen auf Arbeiten des wissenschaftlichen Sozialismus. Den Anspruch auf einen »revolutionären Gestus« erheben nur Dummköpfe, sich damit zu befassen ist Zeitvergeudung und stiftet nur Verwirrung. (…) Als erstes ist festzustellen, dass die Aktionsziele der Pandemieleugner, Lügenverbreiter und Verleumder von Personen nichts als Lug und Trug sind. Dass diese Gruppen in der Lage sind, teilweise über 10.000 Personen aud größeren Gebieten Deutschlands zu mobilisieren, wirft als erstes die Frage auf, warum Medien, politische Parteien und Organisationen nicht in der Lage sind, die Lügen und Verleumdungen zu widerlegen und gesellschaftlich unmöglich zu machen, und außerdem unfähig sind, die Motivationen der Demoteilnehmer sowie Geldgeber und Organisatoren einzuordnen. Auch das schaffen sie nicht, weil sie es nicht wollen. Zum Artikel Jan Rehmanns ist festuzhalten, dass er die Verbreitung der Denkweisen Bergsons, der Vertreter der Postmoderne und der Demoveranstalter auch aus den Kreisen der »neuen Rechten«, die schon in den 80er Jahren versuchten, sich intellektuell aufzuplustern, fördern will. (…) Es geht darum, dass die Gesellschaft der nächsten Generation das Wissen vermittelt, das es braucht, um auf dieser Erde und in dieser Gesellschaft sich vernünftig verhalten zu können. Wenn man es nicht schafft, durchzusetzen, dass das von den Schulen, staatlichen wie auch den privaten, mit den unterschiedlichsten vergeistigten Hintergründen vermittelte Wissen dem Stand der Forschung zu entsprechen habe, wird man weder die Beschränkungen bei der Nutzung der Natur durchsetzen können, die es braucht, damit die Natur für den Menschen weiterhin in ausreichendem Maße nutzbar bleibt, noch in der Lage sein, qualifizierte Arbeitskräfte zur ausbildung in Gewerbe, Handel und Industrie heranzuziehen, ganz zu schweigen von Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Forschung. Von all dem hat die jetzige Erwachsenengeneration die abstrusesten Vorstellungen (…).

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