3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 24. / 25. Juli 2021, Nr. 169
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 15.06.2021, Seite 8 / Ansichten

Schuhausstatter des Tages: Deutsche Post

Von Oliver Rast
imago0117015360h.jpg
Laufen sich die Hacken ab – ohne passende Sohle (Düsseldorf, 29.4.2021)

Knick-, Senk- und Spreizfuß. Eine Deformation hat jeder von ihnen, das podologische Komplettprogramm haben viele. Es ist eine Art Berufsrisiko für Briefzusteller und Paketboten. Strapazierfähiges Schuhwerk ist Arbeitswerkzeug. Und am Equipment für Ballen und Fersen fehlt’s bei der Deutschen Post AG, wie das Onlineportal Business Insider am Sonntag berichtete.

Seit schlappen drei Jahren lässt der Exstaatskonzern an Schuhfabrikaten für seine Dauerläufer werkeln, ein Sommermodell, ein Wintermodell. Und der Ertrag? Bis auf eine ausgetüftelte Präsentationsmappe zum Projekt »Zustellschuh«, 59 Seiten stark, aufwendig produzierten Erklärfilmchen und bunten Powerpoint-Folien passierte wenig. Die Frage nach dem Tragekomfort des Fußkleids ist offen. Testphase reihte sich an Testphase. Endlosschleifen, wie Kritiker der Kommunikationsgewerkschaft DPV Business Insider zufolge monieren. Sie haben allen Grund dazu: Stolpern, Umknicken, Rutschen oder Stürzen. Etwa ein Drittel aller Arbeitsunfälle bei Postlern ist Ergebnis unsicherer Gangarten. Und davon sind wiederum bis zu 60 Prozent auf mangelhafte Botten zurückzuführen.

Am fehlenden Inhalt der Portokasse dürfte es nicht liegen, dass der Konzern fahrlässig einen Teil seiner Belegschaft in den Krankenstand schickt. Der postalische Krisenprofiteur konnte 2020 das beste Geschäftsergebnis seiner Firmengeschichte bilanzieren. Der Umsatz stieg um 5,5 Prozent auf 66,8 Milliarden Euro, der Gewinn gar um 13,6 Prozent auf drei Milliarden Euro.

Das Hickhack um Sohlen mit Grip finden selbst zahme Fachgewerkschafter unverständlich: »Die Krankentage der Beschäftigten werden akribisch verfolgt, aber ein gutes Projekt zur Unfallverhütung dauert mehr als drei Jahre.« Dabei ist es doch ganz einfach: Bossen ist die Belegschaft solange egal, bis sie – Achtung Sprachbild! – zutritt.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Matthias M. (14. Juni 2021 um 23:12 Uhr)
    Das Ansinnen, allen Zusteller*innen nach einer großen Testphase ein, zwei alleinseligmachende Modelle zu empfehlen ,ist eh völlig weltfremd. Ein guter Arbeitsschuh hat mit ebensolcher Beratung fachgerecht individuell ausgesucht und anprobiert zu werden, und er muss auf den Fuß passen und nicht auf irgendeine EU-weite Ausschreibung. Die Betriebswirte und die sonstigen Manager, die sich diesen Schmarrn haben einfallen lassen, würde ich am liebsten mit einer Auswahl von zwei Modellen fabrikneu-harter, knarrender, hochglanzpolierter Vollederbusinessschuhe von der Stange in die Zustellbezirke auf die Straße schicken, bis sie blutige Füße haben.

Mehr aus: Ansichten

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!