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Aus: Ausgabe vom 15.06.2021, Seite 8 / Sport
Zukunft des DOSB

»An Neuwahlen darf jetzt kein Weg vorbeigehen«

Wer wird neuer Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes? Potentieller Kandidat bereit. Gespräch mit Martin Engelhardt
Interview: Andreas Müller
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Noch-DOSB-Präsident Alfons Hörmann in Berlin (11.6.2021)

Die Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB, hat nach Prüfung der Vorwürfe gegen den Führungsstil von Präsident Alfons Hörmann vorgezogene Neuwahlen des Präsidiums empfohlen. Hörmanns Amtszeit würde im Dezember 2022 enden. Das Präsidium gab bekannt, es strebe zunächst eine »Vertrauensabstimmung« bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung an, vermutlich im September. Was ist davon zu halten?

Es sieht danach aus, als solle die Kernforderung der Ethikkommission, Neuwahlen im Dezember 2021 abzuhalten, nicht umgesetzt werden. Ich kann mich den Aussagen von Jonathan Koch anschließen, dem Athletenvertreter im Präsidium, der über Twitter erklärte, dass eine bloße Vertrauensabstimmung die Empfehlung der Ethikkommission glatt unterlaufen würde. An vorgezogenen Neuwahlen spätestens in einem halben Jahr darf jetzt kein Weg vorbeigehen. So hat sich auch die Konferenz der Landessportbünde am vergangenen Wochenende in Kassel positioniert.

Nach fünf Jahren Hörmann waren Sie bei der DOSB-Vollversammlung im Dezember 2018 der bislang einzige Gegenkandidat. Würden Sie nochmals antreten?

Ja, wenn eine große Bereitschaft zu einem von Spitzenverbänden und Landessportbünden erarbeiteten Programm und einem gemeinsam aufgestellten Team vorliegt. Wir haben jetzt eine völlig andere Situation als im Dezember 2018. Damals war meine Kandidatur nicht vorbereitet. Sie war ein spontanes Zeichen, dass wir mit einigen Entwicklungen im DOSB und der Amtsführung des Präsidenten nicht einverstanden waren. Bei der Abstimmung reichte es nur für 61 Stimmen gegenüber 389 für den Amtsinhaber, der vor allem mit einem Plus bei den Fördermitteln des Bundes für den Leistungssport punkten konnte. Trotzdem habe ich damals eine Welle der Zustimmung erfahren mit dem Tenor: Gut, dass sich mal jemand getraut hat.

Worin sehen Sie neben dem Führungsstil, den Mitarbeiter in einem anonymen Brief von Anfang Mai als »Klima der Angst« charakterisierten, den größten Handlungsbedarf?

Vertreter sowohl der Landessportbünde – bis hinein in die Vereine – als auch der Fachverbände haben schon seit Jahren das Vertrauen in den Dachverband verloren. Jeder versucht, in seinem Wirkungskreis so gut wie möglich zu agieren. Dieser Zustand des allgemeinen Stückwerks muss überwunden, der organisierte Sport wieder zu einer geschlossenen Einheit werden. Mit Blick auf die Vereinsstruktur, die in der Pandemie zum Teil schwer gelitten hat, sollte es möglich sein, mit einem überzeugenden Programm »Sport für alle« weite Teile der Bevölkerung zu begeistern, durch den Sport die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer Gesellschaft zu stärken. Damit das gelingen kann, bedarf es einer glaubwürdigen Führung. Im übrigen dürfte es eine Utopie sein, Olympische Spiele nach Deutschland holen zu wollen, wenn die Bevölkerung nicht mehrheitlich hinter dem Sport steht.

Das hieße, den organisierten Sport mit seinen rund 27 Millionen Mitgliedern hierzulande vom olympischen Kopf auf breitensportliche Füße stellen?

Man könnte auch sagen, der Dachverband muss wieder zur Lokomotive für die Sportnation Deutschland werden. Das Olympische, das O im neuen Namen, sprich: der Spitzensport dominiert im DOSB seit seiner Gründung 2006. Doch Breiten- und Leistungssport gehören in einer Demokratie untrennbar zusammen. Nur so kann der Sport seiner gesellschaftlichen Verantwortung entsprechen. Wir brauchen ein neues Koordinatensystem, die Einzelteile müssen zu einem geschlossenen Ganzen zusammengefügt werden. Darum ist es unumgänglich, dass Spitzenverbände und Landessportbünde mit ihren Vereinen sich auf ein gemeinsames, langfristiges Programm verständigen, das von der Politik in den Ländern und vom Bund mitgetragen wird. Das ist für mich der Schlüssel für den künftigen Erfolg des Sports in der Gesellschaft.

Martin Engelhardt ist seit 2011 wie bereits von 1987 bis 2001 Präsident der Deutschen Triathlon-Union

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