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Aus: Ausgabe vom 15.06.2021, Seite 7 / Ausland
Krieg in Syrien

Von Wasser und Olivenbäumen

Die Plakate der Kandidaten sind verschwunden: Besuch in der Hauptstadt Syriens nach den Präsidentschaftswahlen
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Zur Ruhe kommen in Damaskus: Zwei Hauptstadtbewohner vor dem Kongresspalast (November 2020)

Damaskus, Mitte Juni. Nach und nach werden die Plakate der Präsidentschaftskandidaten aus dem Stadtbild entfernt. Das ehrwürdige Tuma-Tor in der Altstadt ist wieder zu sehen, seit bis auf eines die zahlreichen Plakate des alten und neuen Präsidenten Baschar Al-Assad über Nacht abgehängt wurden.

Es ist heiß geworden. Immer mehr Damaszener schalten ihre Klimaanlagen an, was sich unmittelbar auf die Stromversorgung der Zwei-Millionen-Stadt auswirkt. In den Kriegsjahren hat sich die Bevölkerung der syrischen Hauptstadt durch die Zuwanderung von Inlandsvertriebenen mindestens verdoppelt, und der Strom wird rationiert. Nur dort, wo Regierungsmitglieder sowie Mitarbeiter von internationalen Organisationen und Botschaften leben, sind kaum Ausfälle zu verzeichnen. Krankenhäuser und große Hotels verfügen über eigene Generatoren, und auch Verwaltung, Armee, Medien und Ministerien werden zumeist mit ausreichend Elektrizität versorgt.

In den Wohnvierteln gibt es in guten Zeiten im Wechsel vier Stunden mit und zwei Stunden ohne Strom. Das reicht, um die Waschmaschine, Kühlschränke und -truhen einzuschalten, elektrische Geräte und Batterien aufzuladen. Ähnlich wie in Damaskus haben die Menschen auch in anderen Städten des Landes gelernt, ihren Alltag dem anzupassen.

Schwieriger ist das Leben in den stark zerstörten Ortschaften im Umland der Metropole, in den zerstörten Vierteln von Homs und Aleppo oder in Dörfern und Städten im wenig besiedelten Ostsyrien. Trotz der eigenen Probleme beliefert Syrien aber noch immer, wie schon vor dem Krieg, Libanon mit Strom. Und Jordanien erhält, wie vor dem Krieg, noch immer Wasser aus dem südsyrischen Jarmuk-Tal.

Abu Raschid wohnt mit seiner Familie hoch oben auf dem Dschebel Kassiun, dem Hausberg von Damaskus. Dort weht meist ein kühler Wind, und besonders die Nächte bringen in den heißen Sommermonaten Erfrischung. Es sind arme Menschen, die sich im Laufe von Generationen hier angesiedelt haben. Viele sind wie Abu Raschid Kurden aus dem Norden des Landes. Sein Dorf gehört zu Afrin nordwestlich von Aleppo.

Abu Raschid ernährt seine Familie, indem er putzen geht, erzählt er im Gespräch mit jW. Eine feste Anstellung hat er seit Jahrzehnten in einem kleinen Hotel in der Innenstadt. Ansonsten arbeitet er dort, wo immer man ihm Aufträge gibt. Einmal die Woche putzt er fünf Stunden in einem Haus in der Altstadt von Damaskus. Die Hausbesitzerin ist froh, dass sie in Abu Raschid eine zuverlässige Hilfe hat. Nur wenn es um Wasser geht, gerät sie regelmäßig in Rage. Als er wieder einmal das Wasser aus dem Schlauch über den Fliesenboden des Innenhofes laufen lässt, dreht sie es kurzerhand ab und greift selbst zum Schrubber. »So kann man mit wenig Wasser den Hof sauber machen«, erklärt sie ihm nicht zum ersten Mal. »Wir müssen Wasser sparen. Im letzten Winter hat es wenig geregnet und kaum geschneit. Was werden wir tun, wenn eines Tages aus dem Hahn kein Wasser mehr kommt?«

Über die Auswirkungen des Klimawandels macht sich Abu Raschid nicht viele Gedanken. Aber er erinnert sich gut an die Wochen zum Jahreswechsel 2016/17, als die bewaffneten Gruppen im Barada-Tal die Fidscha-Quelle besetzten, die Damaskus mit Wasser versorgt. Damals gab es in der ganzen Stadt, auch auf dem Kassiun, kein Wasser, Tankwagen kamen nur alle paar Tage, um die Menschen in den Stadtvierteln zu versorgen.

»Ich gehe zurück in mein Dorf«, sagt Abu Raschid und rechnet vor: »Wir haben Olivenbäume und können im Herbst mindestens fünf Teneke Olivenöl haben.« Ein »Teneke« (Kanister) fasst 18 Liter und kostet heute rund 200.000 syrische Pfund, umgerechnet etwa 75 Euro. »Eine Million syrische Pfund, das ist mehr, als ich in Damaskus in einem Jahr verdiene.« Sein Monatslohn im Hotel beträgt umgerechnet etwa 25 Euro. »Wir haben Tiere, Gemüse, Wasser und Olivenbäume.« Er sei ein alter Mann, es sei Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Da gebe es nur ein Problem, fügt er nach kurzem Zögern hinzu. Sein Dorf in Afrin ist seit 2018 von Dschihadisten besetzt, die von der Türkei beschützt werden. »Wir sind Kurden, sie wollen uns unsere Häuser und Olivenbäume nicht zurückgeben.«

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