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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 10 (Beilage) / Wochenendbeilage
80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

Es ist Krieg

Auf dem Weg von Moskau an die Front: Die ersten Tage nach dem 22. Juni 1941
Von Konstantin Simonow
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Moskau 1941: Reservisten auf dem Weg zur Front

Am 21. Juni wurde ich ins Rundfunkkomitee gerufen und beauftragt, zwei antifaschistische Lieder zu schreiben. Daraus schloss ich, dass der Krieg, mit dem wir alle im Grunde genommen rechneten, sehr nahe war.

Dass der Krieg bereits ausgebrochen war, erfuhr ich anderntags erst um vierzehn Uhr. Den ganzen Vormittag des 22. Juni hatte ich an Ge­dichten gearbeitet und war nicht ans Telephon gegangen. Als ich dann den Hörer abhob, war das erste, was ich hörte: »Es ist Krieg.« Ich rief unverzüglich in der Politverwaltung an. Mir wurde gesagt, ich solle gegen fünf noch einmal anrufen.

Ich ging durch die Stadt. Die Menschen hasteten vorbei, dem äußeren Anschein nach jedoch war alles ruhig.

Im Schriftstellerverband fand ein Meeting statt. Eine Menschenmenge hatte sich im Hof eingefunden. Darunter viele, die so wie ich erst vor ein paar Tagen aus Ausbildungslagern zurückgekehrt waren, wo sie an einem Lehrgang für Militärkorrespondenten teilgenommen hatten. (…) Ich erhielt den Marschbefehl zur Armeezeitung der 3. Armee nach Grodno. Papiere und Uniform wurden uns ausgehändigt. Waffen gab man uns nicht, die bekämen wir an der Front. In der Kleiderkammer sah ich viele von denen zum letzten Mal, die zur gleichen Zeit an die Front fuhren. (…)

In der Nacht vom 23. zum 24. gab es den ersten Fliegeralarm – nur eine Übung, wie sich später herausstellte. Obwohl das alles natürlich nur Spielerei war, schleppte ich doch Kinder aus dem fünften Stock nach unten in den Luftschutzkeller und nahm alles außerordentlich ernst.

Am 24., noch im Morgengrauen, fuhr ich zum Bahnhof, um mir einen Militärfahrschein nach Minsk ausstellen zu lassen. Eine Platzkarte bekam ich nicht, konnte lediglich die Abfahrtszeit des Zuges in Er­fahrung bringen. Ich erhielt die Auskunft, irgendwie würde ich schon mitkommen. Ich war in einer solchen Verfassung, dass ich noch am gleichen Tag von Moskau Abschied nahm und die Abfahrt nicht auf den nächsten Tag verschob.

Am Abend war es in Moskau stockdunkel. Der Wagen, mit dem ich zum Bahnhof fuhr, wurde angehalten, weil der Fahrer nicht die vor­schriftsmäßigen Verdunkelungskappen über die Scheinwerfer gezogen hatte. Zum Glück nahm mich ein anderer Wagen mit, und ich er­reichte den Zug nach Minsk in allerletzter Minute. Richtiger, ich meinte, es sei die allerletzte Minute, denn der Zug fuhr dann doch erst zwei Stunden später.

Naiv wie ein kleiner Junge

Auf dem Bahnhof brannten hier und da blaue Lämpchen. Der finstere Bahnhof, sich drängende Menschen, niemand wusste, wann und wohin welcher Zug abging, irgendwelche Gitter, die den Weg versperrten. Ich warf meinen Koffer hinüber und kletterte hinterher. Der Mantel saß gut, das Koppelzeug knirschte, und mir schien, so werde es nun immer sein. Ich weiß nicht, wie es anderen ging, ich je­denfalls war trotz Chalchin Gol (Schlacht zwischen japanischen und sowjetischen Truppen an der Grenze zwischen der Mongolei und dem damaligen japanischen Marionettenstaat Mandschukuo vom Mai bis zum September 1939. Simonow war dort Kriegskorrespondent, jW) in diesen ersten beiden Tagen des jet­zigen Krieges naiv wie ein kleiner Junge.

Meine Reise­gefährten waren in der Mehrzahl Kommandeure, die aus dem Urlaub zurückkehrten. Die Stimmung war eigenartig gedrückt. Unserem Wagen nach zu urteilen, musste die Hälfte der Angehörigen des West­lichen Besonderen Militärbezirks in Urlaub gewesen sein. Ich konnte nicht begreifen, wie das möglich war.

Wir fuhren die ganze Nacht vom 24. zum 25. und noch den ganzen Tag. Am Abend wurde Orscha bombardiert, die Bomben schlugen unweit unseres Zuges ein. Am 26., richtiger in der Nacht zum 26., er­reichte der Zug Borisow. Die Nachrichten wurden von Stunde zu Stunde alarmierender. Es muss gesagt werden, dass wir uns schnell daran gewöhnten, obwohl wir sie kaum glauben wollten. Neben mir saßen ein Panzeroberst und dessen Sohn, ein Bursche von etwa sechzehn Jahren. Der Vater hatte die Genehmigung bekommen, ihn mit zur Armee zu nehmen. Außer ihnen war noch ein Artillerie­hauptmann im Abteil, ein äußerlich ruhig wirkender Mann. Um sechs Uhr morgens stiegen wir in Borisow aus. Weiter fuhren die Züge nicht. Es wurde erzählt, die Strecke nach Minsk sei bombardiert und von einer Luftlandeabteilung besetzt worden. Später hieß es, die Deutschen hätten schon am 26. Minsk umgangen und die Eisenbahn­strecke Minsk–Borisow erreicht. Uns aber wollte das nicht in den Kopf, wir glaubten, es handle sich um Fallschirmjäger. Unmittelbar am Bahnhof stiegen wir aus, legten die Koffer auf einen Haufen. Der Sohn des Obersten war den Älteren beim Essenherrichten sorgsam be­hilflich. Jeder brachte, was er hatte, und alle aßen gemeinsam. Plötz­lich schleppte einer ein Fässchen Sahne an. Die Sahne wurde mit Tel­lern, Bechern und sogar mit Stahlhelmen herausgeschöpft. Es war bedrückend. Es schien nichts Besonderes daran zu sein, und doch be­deutete es: Pfeif drauf, komme, was da wolle!

Nach dem Essen irrten wir drei Stunden durch die Stadt auf der Suche nach einer Dienststelle. Weder der Bahnhofskommandant noch der Stadtkommandant konnten etwas sagen. Mal sollte sich der Gar­nisonschef, Korpskommissar Sussaikow, in der Stadt aufhalten, dann wieder zwölf Kilometer außerhalb der Stadt, in der von ihm geleite­ten Panzerschule.

Hartnäckig nach Westen

Nach langem Umherirren erwischten der Artilleriehauptmann und ich einen Fünftonner, dessen Fahrer ihn stehenlassen wollte, weil der Kraftstoff zu Ende ging, und fuhren damit auf der Suche nach einer vorgesetzten Dienststelle die Minsker Chaussee entlang. Über der Stadt kreisten deutsche Flugzeuge. Es war fürchterlich heiß und staubig. Am Stadtrand, in der Nähe des Krankenhauses, sah ich die ersten Toten. Sie lagen auf Tragen und auch einfach auf der blo­ßen Erde. Ich weiß nicht, wie sie hierhergekommen waren. Wahr­scheinlich nach einem Bombenangriff.

Auf der Straße waren Truppen und Kraftfahrzeuge unterwegs. Die einen fuhren in die eine Richtung, andere in die entgegengesetzte. Unmög­lich, daraus schlau zu werden. Wir verließen die Stadt, aber in der Panzerschule, richtiger dort, wo sie sein sollte und sich unseren Berechnungen zufolge der Garnisonschef aufhalten musste, stand alles sperrangelweit offen und war keine Menschenseele zu sehen. Nur zwei Kleinpanzer standen herum, in einer der Stuben saßen ihre Besatzungen in Erwartung des Befehls zur Abfahrt. Keiner wusste etwas. Der Garnisonschef sollte irgend­wo an der Minsker Chaussee sein, die Schule aber war bereits evakuiert.

Zurück in die Stadt. Die deutschen Flugzeuge machten Jagd auf die Autos. Eines fegte mit ratterndem MG über uns hinweg. Holz splitterte vom Wagenkasten des Lkw, doch wir blieben unverletzt. Ich warf mich der Länge nach in den staubigen Straßengraben. (…)

Wir verließen die Stadt. Auf der staubigen Straße fuhren Autos nach Osten, dazwischen ab und an mal ein Geschütz. Auch zu Fuß hatten sich Menschen aufgemacht. Jetzt zogen alle nur mehr in einer Rich­tung – nach Osten.

An der Brückenauffahrt stand ein Mann mit zwei Nagants (Revolvern, jW), einen hinterm Koppel, einen in der Hand. Er hielt die Menschen und die Fahrzeuge an und drohte völlig außer sich, jeden zu erschießen, schrie, er müsse die Armee hier zum Stehen bringen und er werde sie zum Stehen bringen und alle erschießen, die auch nur den Versuch machten zurückzuweichen. Dieser Mann war ehrlich verzweifelt, aber alles in allem war sein Handeln unsinnig, und die Menschen fuhren oder gingen gleichgültig an ihm vorüber. Er ließ sie passieren, packte die nächsten an der Feldbluse und drohte auch ihnen, sie zu erschie­ßen.

Nachdem wir über die Brücke waren, fuhren wir von der Straße her­unter und hielten an die sechshundert Meter vom Fluss entfernt in einem kleinen, lichten Wald. Es wimmelte wie in einem Ameisen­haufen. Die meisten Männer hier waren Kommandeure und Rotarmi­sten, die, aus dem Urlaub kommend, zu ihrem Truppenteil unterwegs waren. Außer ihnen aber sah man auch viele Mobilisierte, die hart­näckig nach Westen drängten, zu ihren Einberufungsorten.

Konstantin Simonow (1915–1979) war ein sowjetischer Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor und Journalist. 1939 war er Berichterstatter im japanisch-sowjetischen Krieg in der Mongolei, von 1941 bis 1945 Kriegskorrespondent u. a. für die Iswestija und die Armeezeitung Roter Stern. Von 1946 bis 1950 sowie 1954 bis 1958 leitete er die Zeitschrift des sowjetischen Schriftstellerverbandes Nowy Mir. Als sein Hauptwerk gilt die Romantrilogie »Die Lebenden und die Toten« (1959–1971).

Den nebenstehenden Text entnahmen wir Simonows Buch »Kriegstagebücher. Erster Band« (Verlag Volk und Welt, Berlin 1979)

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