3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 24. / 25. Juli 2021, Nr. 169
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 16 / Sport
Breitensport

Für »jedermann an jedem Ort«

Über die Vielfältigkeit des sportlichen Lebens in der DDR
Von Andreas Müller
imago0103058790h.jpg
Keine Ahnung von der DDR: Hessens Innen- und Sportminister Peter Beuth (CDU)

Der Auftritt des hessischen Innen- und Sportministers Peter Beuth im Schloss von Wiesbaden-Biebrich liegt schon ein paar Jährchen zurück. Seine einführenden Worte bei einer Veranstaltung der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) 2015 sind legendär, weil sie den Blick auf den DDR-Sport in eine einfache bundesdeutsche Formel pressten: Bis zum »Mauerfall« sei man dort ausschließlich auf internationale Medaillen fixiert gewesen, was selbstverständlich rundum eine von Doping verseuchte Angelegenheit gewesen sei. Breitensport indes habe es bis 1990 zwischen Fichtelberg und Kap Arkona de facto kaum gegeben, so das ministerielle Entree. Offenen Widerspruch im Auditorium gab es damals nicht – und auch kaum jemanden, der sich in den Bart murmelnd die Frage stellte, wer diesem Mann da am Pult einen derartigen Unsinn ins Manuskript geschrieben hatte. Wiesbaden war leider geographisch zu weit abgelegen, als dass genug couragierte ehemalige Hobbysportler aus den sogenannten neuen Ländern im Saal gewesen wären, um sich gegen solch hanebüchene Ausführungen zu verwahren.

In Dresden, Potsdam oder Schwerin wäre Beuth mit seiner bizarren These schwer gescheitert. Zeitzeugen hätten dem Minister stante pede und authentisch erklären können, wie durchaus vielfältig und bunt das sportliche Leben unter und jenseits von »Diplomaten im Trainingsanzug« und außerhalb von »Staatsplan 14.25« gewesen ist. Genügt hätte schon der Blick in ein großes Onlinelexikon, um unter dem Stichwort »Deutscher Turn- und Sportbund« der DDR (DTSB) für das Jahr 1989 etwa 3,7 Millionen Mitglieder zu entdecken. Allesamt gedopte Leistungssportler? Eher eine Zahl, hinter der sich das vielseitige Leben des Volkssports verbarg, der nach der »Wende« nach dem Vorbild des Vereinssports in den alten Bundesländern umgekrempelt wurde. Minister Beuth dürfte sich sehr wundern, wenn er erführe, dass an der hochangesehenen Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) bis 1989 Spezialisten sogar in Fächern wie Freizeit- und Erholungssport forschten und lehrten. »Jedermann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport«, hatte Walter Ulbricht schon 1959 formuliert.

Rund 3,7 Millionen Ostdeutsche unterm Dach des DTSB, der am 15. Dezember 1990 sein Leben aushauchte und im Deutschen Sportbund (DSB) aufging? Was all die Leute wohl sportlich gemacht haben mögen? Vor allem können sie die Mär vom ausschließlichen Spitzensportstaat ad absurdum führen. Statistischen Unterlagen zufolge hat es gegen Ende der DDR fast 10.700 Sportgemeinschaften gegeben – zumeist mit dem Namen Betriebssportgemeinschaft (BSG) an staatliche Betriebe angedockt und mit Beinamen wie »Stahl«, »Lok«, »Chemie«, »Traktor« oder »Energie« die jeweilige Branche anzeigend. Darüber hinaus existierten die Hochschulsportgemeinschaften (HSG) sowie mehr als 6.500 Sportgruppen beim Anglerverband und über 650 davon beim Allgemeinen Deutschen Motorsportverband (ADMV) im zivilen Bereich. Daneben gab es die Sportgemeinschaften der Sicherheitsorgane, etwa die des Ministeriums des Innern und des Ministeriums für Staatssicherheit unter dem gemeinsamen Namen »Dynamo« sowie die Armeesportvereinigung »Vorwärts«.

Die Zahlen von rund 265.000 Übungsleitern und fast 160.000 Kampf- und Schiedsrichtern verdeutlichen, dass es trotz aller Dominanz des Spitzensports parallel dazu eine große Breiten- und Amateursportszene gegeben hat. Überdies wirkten schätzungsweise mehr als 400.000 ehrenamtlich Tätige im Vereinssport. Sie alle gemeinsam bildeten sein personelles Rückgrat, vom Trainingsbetrieb bei den Freizeit- und Hobbysportlern bis hin zum teilweise breitgefächerten Liganetzwerk, in dem sie sich bewegten – oft genug mit Fahrzeugen aus dem Fuhrpark der Trägerbetriebe. Nicht zu vergessen die Sportgemeinschaften in den Schulen, deren Mitglieder an den jährlichen ­Kreisspartakiaden im Kinder- und Jugendsport teilnahmen. Auf dieser Ebene hatten die Wettkämpfe noch lange nicht den Charakter leistungssportlichen Kräftemessens, anders als bei den nationalen Spartakiaden und – in Abstufungen – bei den Spartakiaden in den einzelnen Bezirken zwischen Rostock und Karl-Marx-Stadt.

Es handelte sich hier um sehr spezielle ostdeutsche Strukturen, die es nach 1990 an das bundesdeutsche Muster anzugleichen galt. Das bedeutete vor 30 Jahren nicht zuletzt verwaltungstechnisch einen gewaltigen Einschnitt. In der Hauptsache galt es, all die Elemente des Basissports zwischen Elbe und Oder in eine Vereinslandschaft bürgerlichen Rechts zu überführen und an das damit verbundene neue Gemeinnützigkeitsrecht anzupassen. Das Geflecht des ostdeutschen Breiten- und Hobbysports musste auf ein klassisches System der eingetragenen Vereine (e. V.) umgestellt werden. Ein Kraftakt, der in seiner Dimension bisher leider kaum beachtet wurde. Unter anderem, weil es an Zahlen, Fakten und Übersichten mangelt, um diesen gewaltigen Umbruch angemessen nachvollziehen zu können. Leider wurde auch in der DDR zuwenig dokumentiert, wie reich ihr Erbe jenseits des Spitzen- und Leistungssports anzusetzen ist. Das führt zu Trugschlüssen, wie sie im Schloss Biebrich am Rheinufer unwidersprochen vorgetragen wurden.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Mehr aus: Sport

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!