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Aus: Ausgabe vom 11.06.2021, Seite 15 / Feminismus
Kommunistische Frauenbewegung

Lebendige Kräfte in Bewegung

Vor 100 Jahren fand der II. Kongress der Kommunistischen Fraueninternationale in Moskau statt. Ein Eindruck in Briefen Clara Zetkins
Von Marga Voigt
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Frauenbewegung und neue Gesellschaftsordnung gehörten für sie zusammen: Clara Zetkin im Jahr 1922

Voller Optimismus für den im Juni bevorstehenden II. Kongress der Kommunistischen Fraueninternationale schrieb Clara Zetkin am 2. Februar 1921 an Alexandra Kollontai, Vorsitzende der Frauenabteilung beim ZK der KPR(B) und Mitglied des Internationalen Frauensekretariats in Moskau, einen Brief 1 aus Berlin. Darin legte sie eindrücklich ihre Vision vom Aufbau und Wirken der künftigen Fraueninternationale dar und konnte mitteilen, dass die Planung der Konferenz »greifbare Formen angenommen« habe. Aber sie müsse »sehr gut vorbereitet« werden, vor allem sei »die internationale Verbindung zwischen den Frauen sehr gelockert«, Zetkin habe jedoch bereits Fühler ausgestreckt in Österreich, der Tschechoslowakei, Frankreich, England und natürlich Deutschland.

Die Sozialistin war überzeugt, dass die Konferenz allen Frauen offen stehen solle, die der Überzeugung seien, »dass die volle soziale und menschliche Befreiung des weiblichen Geschlechts eine von Grund aus umgestaltete Gesellschaftsordnung zur Voraussetzung hat« und diese »nicht ohne die bewusste und aktivste Mitwirkung der Frauen aufgebaut werden kann«. Sie hoffe, »einige angesehene ›Spezialistinnen‹ zu bekommen«, aus Russland könne die Freundin »selbstverständlich erst recht dem Komitee einige solche Kämpferinnen stellen«. Für den Erfolg der Konferenz müssten sie auf »die siegreiche Überlegenheit unserer gesellschaftshistorischen Auffassung bauen und die reife Schulung wie die Energie einzelner führender Genossinnen«.

Zetkin schlug vor, in der Tagesordnung ihren 1920 ausgearbeiteten »Richtlinien für die kommunistische Frauenbewegung« zu folgen. Sie waren seitdem verbindlich für alle Mitgliedsparteien der Kommunistischen Internationale (KI). Allerdings hatte der II. Weltkongress der KI 1920 die Frauenfrage gar nicht, wie ursprünglich vorgesehen, behandelt. Umso vehementer verfolgte Zetkin das Ziel, »durch eine kluge Agitation Gärung und Zersetzung in die Frauenwelt der klein- und mittelbürgerlichen Kreise, ja aller Klassen (zu) tragen«. Die sich verschärfende »wirtschaftliche und soziale Konkurrenz zwischen Mann und Frau« müsse ausgenutzt werden. Die Vorteile lägen so klar zutage, dass »wir nicht überrascht sein dürfen, wenn die nichtkommunistischen Parteien und Gewerkschaftsorganisationen beschließen, ihre weiblichen Mitglieder dürften sich nicht an der Konferenz beteiligen«.

Am 2. September 1921, drei Monate nach den Beratungen und Beschlüssen der Kommunistinnen in Moskau, folgte dann ein dringlicher Brief Zetkins 2 an die Exekutive der KI, zu Händen des Genossen Grigori Sinowjew. In ihrer Eigenschaft als Sekretärin der Kommunistischen Fraueninternationale teilte sie ihm nachdrücklich mit, »dass in der Sitzung der Exekutive, in der beschlossen wurde, dass drei Auslandssekretärinnen amtieren sollen, mit keiner Silbe von einer Besoldung der Sekretärinnen etc. die Rede gewesen« sei. Auch auf der Frauenkonferenz nicht oder in Besprechungen der Genossinnen, an denen sie teilgenommen habe. Sie glaube, niemand habe daran gedacht, »die Gehaltsfrage anzuschneiden, weil die internationalen Sekretärinnen bis jetzt ausnahmslos ehrenamtlich tätig gewesen« seien. Aus den Kreisen der Genossinnen in den einzelnen Ländern habe bis jetzt keine »darauf gedrängt«, ja es sei »nicht einmal diskutiert« worden.

Deshalb befürworte sie dringend, »dass die Exekutive hilft«. Des weiteren beantrage sie, »für die Zwecke des internationalen Hilfsorgans (ein westeuropäisches Büro des Frauensekretariats der KI mit Sitz in Berlin unter der Leitung Zetkins, jW) einen festen Fonds zu überweisen«. Am Ende ihres Briefes erklärte Zetkin es »für zweckmäßig«, über diesen mitverfügen zu können, damit die Neigung nicht überwuchere, »zu bürokratisieren, archivarisieren, registrieren, statt lebendige Kräfte in Bewegung zu setzen«. Sie sei überzeugt, dass Genosse Sinowjew »sich der Sache annehmen« werde.

Aber nicht nur das Internationale Frauensekretariat mit Sitz in Moskau, das Anfang 1921 gegründet wurde und dem aus Sowjetrussland Kollontai und Nadeschda Krupskaja, aus den Niederlanden Henriette Roland Holst und aus der Schweiz Rosa Bloch angehörten, leitete Zetkin letztlich jedoch glücklos. Auch dem westeuropäischen Frauensekretariat in Berlin misslang eine anhaltende Wirkungsgeschichte. Die mit der Sozialistin kämpfenden Frauen sind weitgehend namenlos geblieben. Was sie vor 100 Jahren forderten, verdient auch heute Respekt.

1 Clara Zetkin. Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2, Dietz-Verlag, Berlin, 1960

2 Bisher unveröffentlichter Brief in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. Nachlass Clara Zetkin (NY 4005/81)

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