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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 12 / Thema
Familiengeschichte

Küchentischtäter

Während des Faschismus notorisch, nach Kriegsende nur noch »äußerlich« Nazi gewesen: Auszüge aus der Pfälzer Familiengeschichte »Metzelsupp und Marschgetös«
Von Wolfgang Liesigk
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Schlachtpartie mit allerlei Komplikationen: Die Familie Reiss in der Pfalz folgte, wie so viele, dem »Führer«. Danach wollten alle nur mitgelaufen sein

Jüngst erschien im Bremer Donat-Verlag das Buch »Metzelsupp und Marschgetös. Eine Pfälzer Familiengeschichte 1900–1970« von Wolfgang Liesigk. Daraus veröffentlichen wir an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einige Auszüge nebst einem Vorwort des Verlegers Helmut Donat. (jW)

Der Betsaal lag in der Schützengasse etwa dreihundert Meter von der Metzgerei der Familie Reiss in Landau/Südpfalz entfernt. Die jüdischen Männer mussten im Gänsemarsch, flankiert von SA- und SS-Leuten, antreten. Jeder hatte eine Generalvollmacht zur Abtretung seines Vermögens zu unterschreiben. Einen Tag später las Martha Reiss während der Mittagspause im Pfälzer Anzeiger die Ankündigung von Kreisleiter Lämmel: »Der weitaus größte Teil unserer israelischen Mitbürger hat das Weite gesucht bzw. sich in Sicherheit begeben. Wir müssen die Judenfrage nun restlos lösen dadurch, dass der gesamte jüdische Besitz in deutsche Hände übergeführt wird.« Die Zeitung an Ludwig weiterreichend, kommentierte sie: »Jetzt führen sie die Judde ab und nehmen ihnen das viele Geld weg.« In der Tat ging es für die meisten der jüdischen Männer nun ins Konzentrationslager Dachau. Fast zeitgleich erfolgte die Sprengung der Synagoge.

Ähnliche Vorkommnisse gab es im November 1938 in vielen deutschen Groß- und Kleinstädten. Viele standen dabei, machten mit oder bereicherten sich an dem »jüdischen Besitz«. Niemand hat sie dazu gezwungen. Sie handelten nach bestem Gewissen, seit langem von dem Satz des Historikers Heinrich Treitschke »Die Juden sind unser Unglück« überzeugt. Wie ist das zu erklären?

Die Frage, wie sich dem Faschismus nahestehende oder von Hitler überzeugte Familien im Alltag verhalten haben, ist bislang wenig bis überhaupt nicht gestellt worden. Was hat sie geprägt, welche Ziele verfolgten und welche Zukunftserwartungen hegten sie? Was dachten und wie feierten sie? Wie reagierten sie, als der Krieg schließlich auf sie selbst zurückschlug? Und wie gingen sie nach 1945 mit ihrer Befürwortung des Naziregimes und der Befreiung davon um? Über diese und weitere Fragen gibt das Buch »Metzelsupp und Marschgetös« von Wolfgang Liesigk Auskunft. Liesigk, pensionierter Lehrer in Bremen, hat seine Kindheit und Jugend im Landau verbracht. In seiner pfälzischen Familienbiographie schlägt er einen Bogen vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik. »Metzelsupp« steht für die Herkunft der Mutter aus der Schlachterfamilie Reiss in Landau mit Verbindungen zum Weinanbau, »Marschgetös« für die Laufbahn des aus dem Vogtland stammenden Vater Harry Liesigk, der als Militärmusiker im Afrika-Korps Rommels die Schrecken des Krieges erlebte.

Der Autor führt dem Leser ein genaues, aber auch kritisches Porträt seiner Eltern, Großeltern und Verwandten vor Augen. Zugleich zeichnet er ein facettenreiches Bild über ihren Werdegang und die während des »Dritten Reiches« in Deutschland herrschende Atmosphäre. Er verknüpft Alltagserlebnisse, Schicksalsschläge und Gepflogenheiten so mit historischen Ereignissen und Entscheidungen, dass der Leser den Eindruck gewinnt, dies sei alles erst gestern geschehen.

Nach 1945 betrachten seine Eltern sich als Opfer, verdrängen die Vergangenheit und verleugnen sie. Ihre Kinder erahnen erst später, in welche Traditionslinie des Schweigens sie damit geraten sind und welche Bürde auf ihnen lastet. Wolfgang Liesigk löst sich von dem um die Eltern und um ihn als Sohn gewobenen Identitätsband, ohne sie für ihr Mitläufertum zu verdammen – und macht damit einen bedeutenden Schritt zur Aussöhnung. Helmut Donat

Zwei Wochen nach Hitlers Reichstagsrede zur mutmaßlichen Revolte saß Familie Reiss an einem Sommersonntag mit der Verwandtschaft und Freunden im Hof des Nußdorfer Elternhauses bei Kaffee und Kuchen zusammen. Gedämpfte Gespräche, was Pfälzern schwerfällt, aber alle wussten vom Risiko politischer Einlassungen, Lauschaktionen oder Denunzierungen. Die Runde sprach über das Geschehene (den sogenannten Röhm-Putsch in der Nacht vom 30. Juni/1. Juli 1934, als Hitler die Spitzenvertreter der SA und deren Stabschefs Ernst Röhm sowie den früheren Reichskanzler Schleicher ermorden ließ). Wenige Details drangen von den Ereignissen durch. Man orientierte sich an Hitlers Worten. Onkel Wilhelm: »Jetzt hat der Führer die grauenhaften Pläne der Meuterer und Hochverräter enthüllt! Er sollte ja ermordet werden!« – »Aber grausam war die Aktion schon. 77 Verschwörer sind tot, mit dabei Schleicher. Ich habe von einer Pfälzer Beteiligung gehört«, ergänzte Vater Ludwig Reiss.

Lukrative Geschäfte

Die trüben Novembertage 1936 verstrichen mit der Unterbrechung eines Kinobesuchs von Ludwig und Martha im nur hundert Meter von der Metzgerei entfernt gelegenen »Casino-Film-Theater«: »Schlussakkord«. In den Hauptrollen Lil Dagover, Maria von Tasnady und Willy Birgel als Dirigent. Ein in Deutschland auf der Flucht in die USA zurückgelassenes Baby wollte die reuige Mutter nach langer Trennung wieder in ihre Arme schließen, was ihr unter komplizierten Umständen gelang. So der dramatische Inhalt des Films.

Martha, beseelt von dem Melodram, machte es zum Gesprächsthema. Neuerdings ließ sie sich vor ihrer Arbeit im Geschäft die »Haare richten«. Ganz so, wie es für das gehobene Bürgertum vor Tagesantritt üblich war. Friseuse Irmgard erledigte das Anfertigen der Frisur zur allergrößten Zufriedenheit. Ihre Beredsamkeit sorgte außerdem für gediegenen Unterhaltungswert: »Frau Reiss, Sie haben mir doch soviel von der menschlichen Kälte dieser Hanna erzählt, die ihr Kind ins Waisenhaus gegeben hat, aber dann alles in Bewegung setzte, um es wiederzubekommen. Sie sagten, jeder kann sich zum Guten ändern. Und waren so gerührt darüber. Jetzt stand gestern eine für mich schreckliche Geschichte im Pfälzer Anzeiger, denn da wird ein Mann, nur weil er eine Frau liebt, als Rassenschänder für zwei Jahre ins Zuchthaus geschickt. Wie grausam.«

»Passen Sie auf, Fräulein Irmgard, das war sicher ein Jude – und das sind Volksschädlinge. Sie bringen sich in Gefahr, wenn Sie so gedankenloses Zeug erzählen.«

Der Jahreswechsel 1936/37 bescherte der Metzgerei famose Umsätze. Der Laden brummte wie nie. Es hing mit der »Wiederbelebung Landaus durch das Militär« zusammen. Bereicherte Harry Liesigk mit seiner »Regimentskapelle 104, den Konzerten und Standmusik das musikalische und gesellige Leben sehr«, wie der Pfälzer Anzeiger schrieb, so freute sich der Einzelhandel über den »erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung«. Dieser sollte für Ludwig Reiss größere Ausmaße annehmen; es bahnte sich ein lukratives Geschäft an. Die Garnisonsküche benötigte Fleisch- und Wurstwaren. Er bewarb sich und gehörte zum Favoritenkreis. Als Mitglied der SA seit 1934 standen die Chancen nicht schlecht. Den Zuschlag gab es mit dem Eintritt in die Partei am 1. Mai 1937. Das Aufnahmeverfahren lief schon länger. Zwang oder Druck beizutreten, empfand er durchaus, obwohl die »Bewegung« den »Grundsatz der Freiwilligkeit als eines der wertvollsten und wesentlichsten Merkmale« offiziell proklamierte. In Wirklichkeit war nichts freiwillig. Viele andere in seinem Umfeld waren schon lange dabei, unter anderen Bruder Richard und Vater Georg. Nun wollte er den Sprung, die monetäre Großchance, nicht verpassen. Der Landauer Maimarkt eignete sich vortrefflich zum Eintritt, lautete doch das Motto von Bürgermeister Maschemer: »Freut euch des Lebens!«

Das große Südpfälzer Volksfest verzeichnete in der wiederauferstandenen Garnisonsstadt Rekordbesuche und Attraktionen. Mit Marschmusik und Schunkelwalzer. So ließ es sich leben.

England-Hass

Im ersten Kriegswinter 1939/40 schneite es unaufhörlich. Anfang Februar 1940 versank Landau geradezu in der weißen Pracht. Gesprächsstoff beim Feierabendschoppen im »Bratwurstglöckel« bot die Verdunkelungspflicht. »Also, ich hänge alles zu, denn die Luftschutzwarte schauen in jeden Hinterhof. Und bei Verwarnungen soll’s nicht bleiben.« Eilfertig ergänzte der Dachdeckermeister: »Den Gerüchteflüsterern wird es wohl jetzt an den Kragen gehen. Aber da ist ja niemand von denen unter uns.« Fast alle Stammtischbrüder droschen auf den neu erkorenen Hauptfeind, die Engländer, ein: »Nun hat England die Maske fallen gelassen. Der Weltverbrecher muss auf die Knie! Die wollen uns zum zweiten Male nach dem Schandvertrag von Versailles und dem Klau unserer Kolonien vernichten. Solche Kriegsverbrecher jagen wir zum Teufel!«

Kaum verwunderlich die Sprüche, denn es verging fast kein Tag, an dem nicht irgendwelche gehässigen Notizen in der Zeitung gegen die Tommys standen. Der England-Hass, schon im Ersten Weltkrieg weit verbreitet, feierte fröhliche Urständ. Das Kriegsgeschehen sparte Landau vorerst mit Attacken aus. Die Mangelwirtschaft schlich aber in viele Haushalte. Die Schlachterei blieb gut aufgestellt, besonders durch das Beliefern der örtlichen Kasernen.

Die Gegensätze hätten nicht größer sein können: Hier der vom Regime ermöglichte Erfolg, dort die brutale Vernichtungsmaschinerie – und das direkt vor der Haustür! Von der Sammelstelle »Altes Stadthaus« ging es für die Landauer »Zigeuner« nach Hohenasperg in Württemberg ins Zuchthaus und später in die Konzentrationslager. Ausnahmsweise stand nichts darüber in der Zeitung. Monate später, genauer am 22. Oktober 1940, hämmerten Polizeibeamte im Morgengrauen gegen fünf Uhr an die Türen der letzten vierunddreißig in Landau lebenden Juden. Sammelplatz Festhalle. Wo sonst auch Mozarts Arie »In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht …« erschallte, ging es gnadenlos zu. Abends um sechs Uhr Abfahrt zur Verladerampe am Güterbahnhof. Reise mit dem Zug nach Saargemünd, Dijon, Lyon, Nimes, Toulouse, Lourdes, Pau, Oleron und der Endstation, dem schlammigen Gurs. Zum Transport gehörten mehr als 6.000 deutsch-jüdische Bürger aus Baden und der Pfalz. Sie füllten das überwiegend von hungernden Kindern und Frauen belegte Lager um das Doppelte. Die Deportation erfolgte konspirativ. Anders als bei den Ereignissen während der Pogromnacht. Und trotzdem sickerte alle Infamie in den braunen Landauer Alltag. Jeder wusste: »Die letzten Juden sind nun weg!«

Heia Safari

Fünf massige Saumagen, prall gefüllte Schüsseln Sauerkraut und deftiges Landbrot gelangten am 1. Januar 1941 auf den Tisch. Eine einzigartige Geräuschkulisse aus Besteckgeklirre, Tellerklappern, Gläserklingen, Gelächter, donnernden Sprüchen und Singen erfüllte den Raum. Emmel Reiss’ einundzwanzigjähriger Nußdorfer Cousin Willi, in Wiesbaden beim Nachrichtenausbildungsbataillon stationiert, schwärmte Harry Liesigk von seinen Erlebnissen im Frankreich-Feldzug vor: »In unserem Standort und Frontabschnitt Héricourt in der Nähe von Belfort bekamen wir so gut wie alles. Täglich Koteletts und Bratwurst. Unser Tischgetränk war Champagner. Schade, dass ich keinen Wein nach Hause schicken konnte. Wir zogen mit Sang und Klang ein. Na, bei Preußens Gloria bist du dabei. Bläst doch so oft die Märsche.« Seine Schilderung endete mit triumphaler Siegerpose: »Beim Überschreiten des Rheins bei Breisach saß ich fast fünf Tage und Nächte im Sattel. Rast gab es nur zum Füttern und Tränken der Pferde. An uns vorbei zogen Tausende französischer Gefangener, die den Marsch nach Berlin und zum Wäschetrocknen am Westwall antraten.« Emmel intervenierte: »Ihr wollt doch nicht wie Veteranen eure Kriegserlebnisse ausplaudern. Dazu ist das neue Jahr doch viel zu jung. Lasst uns lieber über hiesige Sachen reden. Bei Onkel Richard gab’s vor zwei Wochen eine Schlachtpartie mit allerlei Komplikationen.« Partout wollte die Sau nicht ins Jenseits, jammerte grell in Sirenentönen gegen das Ende und schubste ihren Peiniger an einen mit vollen Schoppengläsern stehenden Tisch. Gepolter, Aufschreien, nasse Gäste. Danach wiederholte sich die Prozedur des Abschlachtens. Die Sau musste dran glauben und lieferte Blutwurst und Wellfleisch. Pfälzer Alltagsgeschichten. Gegen sechs Uhr abends verließen letzte Gäste beschwingt die Festlichkeit. Mit ihnen Harry.

Auf Sklavenniveau

Mitte Mai 1943 traf Ludwig Reiss zum Feierabendschoppen im »Bratwurstglöckel« ein. Am Stammtisch saßen als willkommene Auswärtsgäste zwei Nußdorfer Landwirte. Vorsichtig analysierten die nicht zur Wehrmacht eingezogenen, älteren Männer die Kriegslage. Am Abend zuvor war die Kapitulation des Deutschen Afrika-Korps in Tunesien gemeldet worden. Jakob sagte dazu: »Befehlsgemäß bis zur Kampfunfähigkeit haben unsere Afrikaner sich geschlagen. Heia Safari. Das soll auch der letzte Funkspruch gewesen sein. Nun müssen wir abwarten, wie es weitergeht.« Fast wie auf Kommando ergriffen alle ihre Gläser, um einen kräftigen Schluck zu trinken. August murmelte benommen: »O weh. Das bedeutet doch unser zweites Stalingrad. Damit habe ich nicht gerechnet.«

Alle Stammtischbrüder, unter ihnen Geschäftsleute und Handwerker, beschäftigten Kriegsgefangene, Ost- und Zivilarbeiter oder hatten wie das Gros der Bevölkerung Umgang mit ihnen. In vielen Privathäusern waren »Ostarbeiterinnen« als Haushaltshilfe beschäftigt. West-, Ost- oder Fremdarbeiter hieß es im Nazijargon, äußerlich durch »Volkstumsabzeichen« erkennbar, zu tragen als Armband oder am Revers mit weißer Schrift und blauem Untergrund: »OST«. Über dreitausend Ausländer malochten in Landau und Stadtdörfern wie Nußdorf. Sie gehörten zum Alltag. Die meisten, vor allem Russen und Polen, hausten unter schlimmen Bedingungen in Lagern am Stadtrand. Kommune, Reichsbahn, Geschäfte und Firmen oder Privatleute profitierten von ihnen.

Vorschriften, Verbote und Diskriminierungen bildeten den Rahmen zur Deklassierung der Zwangsarbeiter auf Sklavenniveau. Die »Ostarbeiter« traf es am härtesten. Das »Merkblatt zur Behandlung der im Reich eingesetzten ­Zivilarbeiter(-innen) polnischen Volkstums vom 11.4.1940« beinhaltete drastische Verhaltensmaßregeln: »Haltet Abstand von den Polen! Werdet nicht zu Verrätern an der deutschen Volksgemeinschaft! Lasst Polen nicht an eurem Tisch essen! Bei euren Feiern und Festen haben die Polen nichts zu suchen! Nehmt die Polen nicht in eure Gasthäuser mit! Gebt den Polen auch sonst keine Vergünstigungen! Seid gegenüber den Polen selbstbewusst! Haltet das deutsche Blut rein! Größte Vorsicht im Umgang mit Kriegsgefangenen! Denkt vor allem an die Spionagegefahr! Deutsche, seid zu stolz, euch mit Polen einzulassen!« Das Elend verstärkten Zynismus, Häme und Überheblichkeit großer Teile der deutschen Bevölkerung.

Mit Liebe ausgesucht

Harry Liesigks Beförderung zum Oberfeldwebel begleitete Mitte November 1943 den Beginn der »Luftschlacht um Berlin«. Ganze Stadtteile wurden zu Trümmerfeldern. Viele bekannte Innenstadtgebäude wie das »Kaufhaus des Westens«, die Technische Hochschule, der Fernsehsender »Paul Nipkow« fielen dem Angriff zum Opfer. Aus dem schwer getroffenen »Zoologischen Garten« entliefen Tiere oder starben jämmerlich. Flusspferd Knautschke, Elefant Siam und Schimpansin Suse überlebten als einzige ihrer Art. Flammen loderten aus der Gedächtniskirche. Die Spitze des Hauptturmes knickte ab. Mehrere tausend Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende ihr Obdach.

Die Weihnachtszeit 1943 in Landau vermittelte ein anderes Bild. Kein Kriegselend. Die Schaufensterauslagen der Geschäfte zierten von der HJ angefertigtes Spielzeug für Soldatenkinder: Pferdefuhrwerke, Panzer mit Tarnanstrich, Puppen, fein gekleidet oder mit Dirndl. Gegen Vorlage von Kinderkleiderkarten sollte jedes Kind im Alter von einem bis sechs Jahren ein Geschenk unter dem Tannenbaum finden. Ähnlich bereitete Familie Reiss das Fest vor. Das Hauptanliegen galt der Beschaffung von passenden Präsenten. Im Austausch mit Harry schrieb Schwiegermutter Martha Reiss in einem Brief: »Beim Geschenk kommt es darauf an, ob es mit Liebe ausgesucht und entsprechend präsentiert wird. Im Frieden ist es halt herrlich Geschenke zu machen, und auch da wird oft nicht das Richtige getroffen. Na gut. Das sind jetzt deine Sorgen als Bräutigam!« Zum 19. Geburtstag Emmels komponierte der Verlobte einen Pfälzer Walzer. Fröhlich und unbeschwert die Melodie, anspruchsvoll die Notation. Jetzt in solchen Zeiten musikalisch glänzen? Als Posaunenstück lernte Harry die Komposition »Es wird schon gleich dunkel – Es wird scho glei dumpa« aus Tirol kennen. Ein schlicht aufgebautes Volkslied und ein einfacher Text. Er setzte sich hin und schrieb es fürs Klavier um. Drei harmonische Strophen entstanden unter Beibehaltung der Grundmelodie als Geschenk zum Heiligen Abend.

Etikett »Mitläufer«

Die US-Armee erreichte im März 1945 Nußdorf. Hier hatten sich die noch vorhandenen Obernazis zur Abwehr und zum »Endsieg« gerüstet. Ein Dutzend Panzersperren standen im Dorf. In Erwartung der grundsätzlichen Wende jedoch öffnete der Volkssturm unter Mithilfe einiger Frauen die Blockaden. Freilich, oben bei den »Drei Steinen«, einer Wegkreuzung am Ortseingang, lauerten die allerletzten Getreuen auf den Feind. In Anbetracht von über zwanzig Panzern schwand der Mut. Die Waffen lieferten sie ohne besondere Aufforderung ab. Lediglich ein mit dem Gewehr herumfuchtelnder alter Herr blieb halsstarrig. Schnörkellos riss ein GI dessen Waffe an sich und zerschmetterte sie auf einem Wingertstein. Den Greis setzten sie auf ihren Panzer und fuhren ins Dorf hinein.

Auch Nußdorfer kamen in Haft. Ein Dutzend gleich im Sommer 1945. Lokale Naziprominenz wie HJ- und Ortsgruppenführer, sogenannte Belastete und gerade straffällig gewordene Personen wegen Diebstahls, Schwarzbrennerei oder Nichtbefolgen von Weinverkehrsvorschriften. Edde schien für die Kommissionen nicht zu existieren. Nirgendwo lagerten seine Unterlagen. Anklage erhob der »Landeskommissar für die politische Säuberung« gegen Bruder Richard und Vater Georg. Dem Alt- und Ehrenbürgermeister beschied im Oktober 1949 die Spruchkammer Neustadt Mitläuferschaft und ordnete die Sühnezahlung von hundert Reichsmark an. Onkel Richard erhielt ebenfalls das Etikett »Mitläufer«. Den Widerspruch des »Öffentlichen Klägers«, »warum der Betroffene ohne Leistung eines Sühnebetrags davonkommen soll«, lehnte die Spruchkammer I in Neustadt unter Vorsitz des Oberamtsrichters Stabei zu seinen Gunsten ab. Lediglich die Kosten des Verfahrens fielen an.

Als ob das unter dem Hakenkreuz sich wohlfühlende Nußdorf eine Fata Morgana gewesen wäre: Wunschkonzert paarte sich mit Wahrnehmungstrübnis. Nun klagten sogar Parteigänger über ein deutliches Unbehagen in der Nazizeit. Sie seien verzagt in die innere Emigration geflüchtet oder hätten konspirativ Widerstand betrieben. Zur Entlastung ausgewiesener Nazis lauteten die Einlassungen entsprechend: Unterblieben gewesen wäre daher die Mitgliedschaft des Tünchermeisters E. als Angehöriger der SS, »wenn er um die verbrecherischen Ziele gewusst hätte. Seiner charakterlichen Veranlagung wegen sei das überhaupt nicht anzunehmen.« Karl A. betrieb ein gutgehendes Geschäft. »Durch die schlechten Wirtschaftsverhältnisse hat er in den Jahren 1929–31 sein ganzes Hab und Gut verloren. Um nicht stempeln gehen zu müssen, ist er dann beim Reichsarbeitsdienst eingetreten. Er hat sich nie für die NSDAP eingesetzt. Es ist nichts bekannt, wonach er sonst für die hitlerischen Ideen eingetreten sein sollte.« Der stets freundliche Landwirt E., NSDAP- und SS-Mitglied, hatte niemandem etwas zuleide getan. Sein Austritt aus der SS erfolgte »als positiver Christ, da er sich nicht mehr mit deren Prinzipien einverstanden erklärte«. Dem geistig schwerfälligen Hilfsarbeiter und Pferdepfleger B. bescheinigte man, als SS-Rottenführer niemals politisch sich betätigt oder an Ausschreitungen teilgenommen zu haben. Sattler B. überwarf sich angeblich als NSDAP-Mitglied mit dem Nationalsozialistische Kraftfahrkorps, »setzte sich nie für die Belange der Partei ein. Nur durch seine Altersgenossen ließ er sich hinreißen, der alles versprechenden neuen Partei Gefolgschaft zu leisten.« Alle erlangten die Einstufung als »Mitläufer«.

Schon im Sommer 1945 stellte der Nußdorfer Bürgermeister auf Nachfrage fest: »Die Liste aller hierorts ansässigen Parteimitglieder wurde bezüglich notorischer Nazis überprüft. Es konnten dabei keine Parteimitglieder festgestellt werden, die andere Personen gedrückt oder ihnen etwas Übles angetan haben.« Es folgte der Hinweis auf den bereits 1936 verstorbenen »Hauptmacher« Maurermeister Kraus und den 1937 verzogenen August Apfel. Letzterer, Gemeinderatsmitglied, alter Kämpfer und treibende Kraft, habe offenkundig Fäden gezogen, welche zu Gewalttätigkeiten geführt hätten. Schließlich seien durchaus bei der sogenannten Judenaktion SS- und SA-Leute von hier beteiligt gewesen. Sie befanden sich in Kriegsgefangenenlagern oder dürften der Polizei in Landau bekannt sein.

Der Nußdorfer Untersuchungsausschuss unter Vorsitz von Bürgermeister Braunger trat entschieden der drohenden Strafversetzung zweier spät in die Partei eingetretenen langjährigen Lehrer entgegen: »Das ganze Dorf ist der Überzeugung, dass Herr Franck auch fernerhin seine ganze Kraft dem Schuldienst der Gemeinde widmen und sein Möglichstes für den Wiederaufbau tun wird.« Lehrer Hinkelmann bescheinigte man, »während des Krieges für die in hiesiger Gemeinde untergebrachten Ostarbeiter ohne Auftrag und jederzeit eingetreten zu sein«. Resümierend hieß es: »Er kann als äußerlicher Nationalsozialist ange­sprochen werden, der in Wirklichkeit mit den Prinzipien der Partei nicht einig ging, sondern seine eigenen Wege einschlug.« Beide »huldigten den Machenschaften der Partei nicht und konnten nie mit der Hitlerjugend einig gehen«. Oberlehrer Franck erhielt das Prädikat: »Belassung im Dienste«. Hinkelmann schnitt schlechter ab: »Belassung als Lehrer, Zurückstufung um drei Stufen, Vorrückungssperre und Bewährung auf vier Jahre.«

In der Bundesrepublik wich die Beschäftigung mit der Nazizeit einer rechtfertigenden Legendenbildung, die nicht nur die Täter und Mittäter, sondern auch die Mitläufer und jeden, der sich mit Hitler identifiziert hatte, entlastete. Der einstige »Führer« galt nun als eine Art »Dämon«, dem wegen seiner Überredungs- und Überzeugungskünstler niemand habe widerstehen können. Und dafür sollte man sich als schuldig bekennen? Dem Unwillen zur Reue über die Verbrechen war fortan kaum noch ein Kraut gewachsen. Während die Täter viel Verständnis fanden, gingen die Opfer weitgehend leer aus.

Wolfgang Liesigk: Metzelsupp und Marschgetös – Eine Pfälzer Familiengeschichte 1900–1970. Mit einem Geleitwort von Hans-Dieter Schlimmer, Donat-Verlag, Bremen 2021, 400 S., 95 Abb., 19,80 Euro

Helmut Donat gedachte an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 4. Mai dieses Jahres des Pazifisten Alfred Hermann zu dessen 100. Todestag.

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  • Leserbrief von Stefan Eck aus Hamburg (16. Juni 2021 um 11:58 Uhr)
    Einen solchen Kitschfaschismus bekommt man sonst nur im bundesrepublikanischen Fernsehen serviert. Da reden die Landwirte beim Feierabendschoppen »vorsichtig« über die Kriegslage, im Alltag warnt man sich: »Passen Sie auf, Fräulein Irmgard«, und wenn doch mal markige »Sprüche« fallen, ist das wegen der Propaganda »kaum verwunderlich«. Also das zum Speien bekannte Fake-Bild einer »die Nazis« eigentlich abwehrenden, nur leider biederen und nicht genügend mutigen Bevölkerung. Der Verleger nennt das »einen bedeutenden Schritt zur Aussöhnung« mit der »Mitläufer«-Generation. Eher »Reinwaschung 2.0«, denn die Opfer werden nicht gefragt. Das Wort kommt nur einmal vor, wenn das Berliner KaDeWe »dem Angriff zum Opfer« fällt.

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