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Aus: Ausgabe vom 04.06.2021, Seite 15 / Feminismus
Ausstellungsrezension

Von Arbeiten und Tätigkeiten

»The End of the Fucking Work« in der Galerie im Turm in Berlin
Von Sol Izquierdo
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Was ist Arbeit? Was könnte Arbeit sein? Diese Fragen stellt die Ausstellung in der Galerie im Turm

Arbeit nervt. Mitunter richtet sie uns buchstäblich zugrunde. Das gilt in besonderem Maße für Frauen, die den übergroßen Anteil besonders schlecht oder gar nicht bezahlter und teils nicht einmal als Arbeit angesehener Tätigkeiten übernehmen: die in der kapitalistischen Gesellschaft zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendigen.

Also einfach Arbeit abschaffen? Diese Lösung scheint der Titel der Ausstellung »The End of the Fucking Work« vorzuschlagen, die noch bis zum 27. Juni in der Galerie im Turm in Berlin-Friedrichshain zu sehen ist. Doch so einfach ist es nicht. So erkennt auch der Begleittext an, dass »Menschen immer im Zusammenspiel mit ihrer Umwelt tätig sein werden«. Kuratorin Linnéa Meiners und Kokuratorin Jorinde Splettstößer geht es vor allem darum, künstlerischen Positionen Raum zu geben, die Vorstellungen von Arbeit in Frage stellen – mit besonderem Fokus auf Diskriminierungen und Machtverhältnissen in den existierenden patriarchalen und kolonialen Strukturen.

Die Ausstellung ist Teil der Reihe »My working will be the work. On self/care, labour and solidarity«. Das Motto wurde aus dem 1969 von Mierle Laderman Ukeles formulierten Manifest der »Maintenance Art« entlehnt. Die US-amerikanische Konzeptkünstlerin gilt als Pionierin der feministischen Ökonomie- und Institutionskritik und definierte ihre Arbeit als Mutter in Verbindung mit ihren künstlerischen Tätigkeiten. Die Maintenance Art – die Kunst des Erhaltens, Bewahrens und Pflegens – nutzte sie dabei zur Sichtbarmachung der traditionell unsichtbar gemachten Reproduktionsarbeit. Denn während letztere weitgehend unerkannt bleibt, erfährt künstlerische Arbeit im Kapitalismus in vielerlei Hinsicht sowohl Auf- als auch Abwertung.

Das wird gerade am Kunstwerk »Millis Erwachen« (2018) von Natasha A. Kelly deutlich. Als Ausgangspunkt dient das Ölgemälde »Schlafende Milli« (1911) des expressionistischen Malers Ernst Ludwig Kirchner. Kellys Ziel ist, die Geschichte der dort als Model zum Objekt degradierten schwarzen Frau sichtbar zu machen. Auf die Frage: »Wer war Milli?« präsentiert Kelly in Videointerviews die Geschichten von acht in Deutschland lebenden schwarzen Künstlerinnen. So kreiert sie eine Gegenerzählung zum Narrativ des männlichen Künstlers als »Genie«. Zugleich gelingt es, die Wirkmächtigkeit des kolonialen Erbes für die heutige Situation schwarzer Frauen in Deutschland zu beleuchten. So wird deutlich, wie soziale Konstrukte wie Geschlecht und rassistische Zuschreibung weiter zentral für die Verteilung von Arbeit und die Ausbeutung von Arbeitskraft sind.

Doch was könnte statt dessen sein? Hier bietet die Ausstellung einerseits einen Blick in die Vergangenheit: in die Zeit kurz nach der Russischen Revolution, in der Arbeit und auch künstlerische Arbeit neu organisiert wurde. Davon zeugen die von der Künstlerin Warwara Stepanowa gestalteten konstruktivistischen Kostüme (1922), die in der Mitte der Galerie hängen. Ursprünglich für ein Theaterstück entworfen, stellen sie utopische Berufsbekleidungen dar – ein Beispiel für das Zusammendenken von Kunst und Arbeitswelt. Etwas naiv kommt dagegen der dokumentarisch-fiktionale Film »She Works Hard« (2017) von Katrin Lemke daher, der eine Welt inszeniert, in der kapitalistische Lohnarbeitsverhältnisse überwunden wurden.

»The End of the Fucking Work« – Galerie im Turm, Frankfurter Tor 1, 10243 Berlin, bis 27.6.2021

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