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Aus: Ausgabe vom 04.06.2021, Seite 3 / Kapital & Arbeit
Knappe Ressourcen

Abhängig von China

USA und EU decken Bedarf an seltenen Erden hauptsächlich durch Importe aus der Volksrepublik. Washington hofft nun auf US-australische Kooperation
Von Jörg Kronauer
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Das chinesische De-facto-Monopol besteht nicht zuletzt in dem teuren Verfahren, in dem die seltenen Erden aus den Mineralen herausgelöst werden müssen (Fabrik in Baotou)

Werden die seltenen Erden knapp? Diese Befürchtung treibt seit geraumer Zeit so manchen in der westlichen Wirtschaft und in der Politik um. Der Bedarf an den Metallen, die für den Bau von Smartphones und Tablets, von Elektroautos und Windrädern benötigt werden, steigt mit der »Energiewende« und der Digitalisierung stetig an. Nun scheint sich abzuzeichnen, dass das Angebot mit der Nachfrage womöglich nicht Schritt halten wird: China, das 80 Prozent der in den USA und sogar weit mehr als 90 Prozent der in der EU verwendeten seltenen Erden liefert, benötigt selbst immer größere Mengen; hinzu kommen die Ungewissheiten des Machtkampfs, den der Westen gegen die Volksrepublik führt. Zuletzt gingen die Preise für einige der wichtigen Rohstoffe spürbar nach oben; aus der Kfz-Branche war sogar die Vermutung zu hören, der aktuelle Halbleitermangel könne künftig durch einen Mangel an Neodym, Dysprosium oder Cer abgelöst werden. Rufe nach Alternativen zum Kauf der seltenen Erden in China werden laut.

China verfügt laut Schätzungen des U.S. Geological Survey über mehr als ein Drittel der globalen Reserven an seltenen Erden. Das ist eine gewaltige Menge – doch für ein De-facto-Monopol reicht es im Grunde genommen nicht aus. Tatsächlich waren, als seltene Erden in den 1950er Jahren eine größere industrielle Bedeutung gewannen, zunächst die Vereinigten Staaten der größte Produzent weltweit. Vor allem mit ihrer Mountain-Pass-Mine, rund 80 Kilometer südwestlich von Las Vegas in der kalifornischen Wüste gelegen, deckten sie bis in die 1980er Jahre große Teile des globalen Bedarfs. Mitte der 1980er Jahre begann dann aber China seine Förderung auszubauen – und weil es viel billiger produzierte, nicht zuletzt wegen damals fehlender Umwelt- und Arbeitsschutzvorschriften, dominierte es bereits Ende der 1990er Jahre den Weltmarkt für seltene Erden. Die USA dagegen zogen sich bald aus dem Abbau zurück: Es war preisgünstiger, die Metalle in der Volksrepublik einzukaufen, und zudem war man die Mühen des umweltschädlichen, giftigen Fördervorgangs los. Im Jahr 2002 schloss die Mountain-Pass-Mine ihre Tore.

Freilich waren die USA damit bei der Beschaffung wichtiger Rohstoffe in Abhängigkeit von ihrem großen Rivalen geraten. Das begann so manchem zu dämmern – vor allem, als im Jahr 2011 die Preise für seltene Erden kurzzeitig in die Höhe schossen. Der Grund: Beijing hatte begonnen, dem Wildwuchs beim Abbau der Metalle, der zu einem größeren Teil nicht wirklich legal durchgeführt wurde, Zügel anzulegen und zudem schrittweise Umweltschutznormen durchzusetzen; dazu waren Förderquoten beschlossen worden, die nicht immer eingehalten wurden, die aber doch den Export limitierten. Zwar pendelten sich die Weltmarktpreise 2012 wieder ein; es kam aber hinzu, dass Beijing im Herbst 2010, als der Streit mit Tokio um Inseln im Ostchinesischen Meer eskalierte, für zwei Monate keine seltenen Erden mehr nach Japan lieferte. Die Blockade ging nach hinten los: Sie brachte Tokio nicht zum Einknicken, trieb aber Rivalen weltweit an, nach Alternativen zu seltenen Erden aus China zu suchen. In den USA etwa ging die Mountain-Pass-Mine wieder in Betrieb, wenn auch nicht lange: Chinesischen Niedrigpreisen nicht gewachsen, meldeten die Betreiber 2015 Konkurs an.

Seit einigen Jahren läuft, forciert durch den eskalierenden Großmachtkonflikt der Vereinigten Staaten mit China, die nächste Runde im globalen Konkurrenzkampf um die seltenen Erden. Da inzwischen mehrere Staaten größere Mengen abbauen – etwa auch Myanmar und Australien –, fördert China nicht mehr über 90 Prozent, sondern nur noch rund 60 Prozent des globalen Outputs. Auch die Mountain-Pass-Mine ist seit 2017 wieder in Betrieb; an ihr hält neben US-Finanzinvestoren freilich die chinesische Shenghe Resources Holding einen Anteil von fast zehn Prozent. Damit ist das chinesische De-facto-Monopol jedoch noch nicht gebrochen. Denn seltene Erden müssen in einem aufwendigen und ziemlich teuren Verfahren aus den Mineralen gelöst werden, in denen sie im Boden liegen. Eine Fabrik dafür zu errichten, das kann, so heißt es in der Branche, locker mal eine dreistellige Millionen-Dollar-Summe kosten – und es dauert Jahre. Daran liegt es, dass die Minerale, die in Kalifornien abgebaut werden, bis heute nach China transportiert werden müssen, um die seltenen Erden aus ihnen zu lösen. Beinahe die einzige Alternative ist derzeit eine Fabrik, die die australische Lynas Corporation in Kuantan an Malaysias Ostküste errichtet hat. Deren Kapazitäten sind freilich beschränkt.

Mit dem Problem hat sich bereits die Trump-Administration befasst – und sie ist zu dem Schluss gekommen: Eine US-Fabrik, in der die seltenen Erden aus den Mineralen herausgelöst werden, ist dringend vonnöten, um von China unabhängig zu werden. Washington ist es gelungen, die australische Lynas Corporation dazu zu bewegen, sich der Sache anzunehmen; das Unternehmen will ein entsprechendes Werk in Texas errichten. Weil seltene Erden auch zur Rüstungsproduktion benötigt werden, finanziert das Pentagon das Vorhaben mit bislang 30 Millionen US-Dollar (25 Millionen Euro). Das Know-how hat Lynas wohl; ob das industrielle Umfeld stimmt, wird sich zeigen. Freilich sind Probleme ganz anderer Art nicht ausgeschlossen: In Malaysia war das australische Unternehmen mehrfach mit Protesten konfrontiert, weil bei seinem dortigen Werk radioaktiver Müll anfällt. Gelingt es, die gewünschte Fabrik zum Herauslösen seltener Erden aus den Mineralen in Texas in Betrieb zu nehmen, dann könnte dort – so spekulieren Beobachter – womöglich ein Viertel des weltweiten Ausstoßes an seltenen Erden hergestellt werden. Zusätzlich zu den Mineralen aus der Mountain-Pass-Mine könnten weitere zur Verfügung stehen: Round Top heißt eine Mine in Texas, von deren Ausbeutung sich die Betreiber große Mengen an seltenen Erden versprechen. Ob die Pläne diesmal aufgehen, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen.

Hintergrund: Selten sind die Lagerstätten

»Seltene Erden« ist eine Sammelbezeichnung für 17 verschiedene Metalle, die relativ ähnliche Eigenschaften aufweisen. Sie sind, wie man heute weiß, nicht wirklich selten; manche von ihnen kommen in der Erdkruste häufiger als Kupfer vor. Allerdings gibt es nur relativ wenige Lagerstätten, in denen sie so konzentriert zu finden sind, dass sich ihr Abbau wirtschaftlich lohnt. Im Boden sind sie in Mineralen gebunden, aus denen sie aufwendig extrahiert werden müssen. Früher wurden sie anschließend in Form von Oxiden gelagert, die man als »Erden« bezeichnete. Ihre Namen sind allgemein wenig bekannt, auch wenn so manche von ihnen für die Industrie seit vielen Jahren unersetzlich sind und mit der zunehmenden Digitalisierung und der wachsenden Bedeutung von Umweltschutztechnologien in immer größeren Mengen benötigt werden. Als besonders wichtig gelten Neodym, Dysprosium, Praseodym und Terbium.

Konkret benötigt werden seltene Erden zum Beispiel für die Herstellung starker Magnete, die für den Bau von Elektromotoren oder von Generatoren von Windturbinen genutzt werden. Kleinere, mit seltenen Erden hergestellte Magnete finden sich in Festplattenlaufwerken, in Smartphones, auch in Kopfhörern. Zur Produktion von Touchscreens für Smartphones oder Tablets benötigt man Indium, ein weiteres Metall der seltenen Erden. Cer wiederum hilft, Glas zu veredeln oder Lacke gegen Kratzer zu schützen. Yttrium wird zur Herstellung von Zündkerzen verwendet, Lanthan kommt in Akkus für Elektroautos zum Einsatz. Seltene Erden werden darüber hinaus in LEDs, in Dioden und Neonröhren verwendet. Und: Jeder US-Kampfjet vom Typ F-35 verschlingt bei der Produktion mehr als 400 Kilogramm seltene Erden. Zwar suchen Forscher und Konzerne längst nach Möglichkeiten, ohne seltene Erden auszukommen; BMW beispielsweise ist das beim Antrieb für seinen Elektro-SUV iX3 gelungen. Bislang ist das allerdings noch die Ausnahme. Auf absehbare Zeit führt auch für die deutsche Industrie an den 17 Metallen kein Weg vorbei. (jk)

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    Eigentlich ist es ganz einfach: Man nehme ein handelsübliches Auto mit Verbrennungsmotor, baue die Einspritzanlage ab, statt dessen einen Gasmischer ran, hänge noch einen NOx-Kat dahinter, betreibe das Ganze mit grünem Wasserstoff oder einem anderen synthetischen Kraftstoff, und fertig ist ein annäherndes Zero-Emission-Fahrzeug, das den Namen auch wirklich verdient, ohne eine ganze Industrie umzustellen. Das ist nichts Neues, das haben wir Motorenforscher schon vor 30 Jahren vorgeschlagen. In diesen 30 Jahren hat die Politik es verschlafen, alternative Kraftstoffe marktreif zu machen. Im ersten Quartal 2021 stammte der überwiegende Teil der Stromproduktion aus Kohle. Nun verschlafen wir die nächsten 30 Jahre, indem wir die verstromte Kohle in hippen E-SUV verbraten und uns damit »grünrechnen«: Ich kaufe mir ein E-Auto, und der Strom kommt aus der Steckdose. Das ist keine Frage von grüner Ideologie (Elektromotor versus Verbrennungsmotor), sondern ganz einfach eine Frage der Ehrlichkeit: Wieviel sind wir als Gesellschaft bereit, für grüne Fortbewegung zu bezahlen?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 3. Juni 2021 um 21:34 Uhr)
    Ohne seltene Erden würde jeder Tarnkappenbomber auf dem Boden bleiben. Aber auch keine Festplatte »laufen« und kein Elektroauto fahren. Windkraftanlagen hätten es noch schwerer als jetzt schon. Gewissen Kreisen kommt sicher gelegen, wenn Beimengungen wie Uran mit ans Tageslicht kommen. Dann braucht man keine In-situ-Laugung mit aufwendigem Fracking betreiben …

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