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Aus: Ausgabe vom 28.05.2021, Seite 1 / Titel
Ablenkungsmanöver

Tricksen mit dem Virus

Keine Beweise, dass Corona aus einem Labor stammt: Präsident Biden befiehlt Geheimdiensten der USA neue Untersuchung
Von Marc Püschel
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Unzufrieden, dass die Wissenschaft sich nicht nach ihm richtet: US-Präsident Biden in einem Labor des Nationalen Forschungsinstituts für Gesundheit in Maryland, USA

Wenn Forschungsergebnisse nicht den eigenen Wünschen entsprechen, einfach neue bestellen: US-Präsident Joseph Biden hat am Mittwoch (Ortszeit) die Geheimdienste seines Landes angewiesen, die Ursprünge des Coronavirus abermals zu untersuchen. Ein Resultat soll binnen 90 Tagen vorgelegt werden.

Bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Januar hatte Biden einen Geheimdienstbericht in Auftrag gegeben, um die Frage zu klären, ob SARS-CoV-2 durch natürliche Mutation bei Tieren entstanden oder aus einem Labor entwichen sei. In dem seit Anfang des Monats vorliegenden Bericht mussten die US-Geheimdienste eingestehen, »keine endgültigen Ergebnisse in dieser Frage« erzielen zu können. Zwei von drei vorliegenden Einschätzungen aus Geheimdienstkreisen tendieren sogar zur Bestätigung der Theorie einer natürlichen Virusübertragung von Tieren auf den Menschen. Nun forderte Biden die Geheimdienste auf, »ihre Anstrengungen zu verdoppeln«. Statt internationaler Kooperation im Rahmen der Vereinten Nationen will Washington dabei lediglich »weiterhin mit gleichgesinnten Partnern weltweit« zusammenarbeiten.

Die chinesische Botschaft in den USA wies am Donnerstag den Verschwörungsmythos eines »Laborlecks« entschieden zurück. »Seit dem Ausbruch von Covid-19 im vergangenen Jahr sind einige politische Kräfte auf politische Schuldzuweisungen fixiert, während sie die dringende Notwendigkeit der Bekämpfung der Pandemie und die internationale Forderung nach Zusammenarbeit ignorieren, was zu einem tragischen Verlust vieler Menschenleben geführt hat.«

Biden knüpft mit seinem Vorstoß nahtlos an seinen Amtsvorgänger Donald Trump an. Dessen Regierung hatte wiederholt versucht, mit Vorwürfen gegen China von der desaströsen eigenen Coronapolitik abzulenken. Bislang sind in den USA rund 600.000 Menschen an und mit Covid-19 gestorben. Auch westliche Medien haben die Behauptung, SARS-CoV-2 könne aus dem Institut für Virologie in Wuhan entwichen sein, in letzter Zeit verstärkt kolportiert. So hatte das Wall Street Journal am Wochenende unter Berufung auf US-Geheimdienstberichte behauptet, drei Mitarbeiter des Labors hätten im November 2019 mit coronatypischen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Der Chef des Instituts Yuan Zhiming sprach von einer »kompletten Lüge« und verwies darauf, dass von US-Seite kein einziger Beleg vorgelegt worden sei.

Unter Wissenschaftlern herrscht weltweit ein breiter Konsens darüber, dass das Coronavirus weder künstlich hergestellt wurde noch aus einem Labor entwichen ist. Anfang des Jahres hatte ein internationales Forscherteam der WHO in Kooperation mit chinesischen Behörden Studien in Wuhan durchgeführt. In der Metropole war SARS-CoV-2 Ende 2019 zum ersten Mal nachgewiesen worden. Die Ende März 2021 veröffentlichten Ergebnisse der WHO bezeichnen die »Labortheorie« als »extrem unwahrscheinlich«. Die Forscher gehen von einer natürlichen Übertragung aus. Ob das Virus sich, wie vermutet, bei Fledermäusen entwickelt habe und in welcher Region zuerst, müsse noch genauer erforscht werden, so die WHO.

Doch im Rahmen der bis zum ­1. Juni andauernden 74. Weltgesundheitsversammlung üben die USA nun laut einem Bericht der chinesischen Tageszeitung Global Times vom 26. Mai Druck auf die WHO aus, um in ihrem Sinne neue Untersuchungen durchzusetzen. Wie bei den meisten Infektionskrankheiten wird vermutlich niemals ein exakter Entstehungsort entdeckt werden. Das wird Washington auch in Zukunft für Schuldzuweisungen nutzen und als Vorwand, um China auszuspionieren.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (27. Mai 2021 um 23:32 Uhr)
    Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass SARS-CoV-2 natürlichen Ursprungs ist. Künstliche Eingriffe lassen sich nämlich mit recht großer Sicherheit nachweisen. Ein Erreger kann freilich aus einem Labor entweichen, er war aber vorher schon da. An und zu gefährlichen Erregern wird in vielen Hochsicherheitslaboren der Welt geforscht. Das ist auch sinnvoll, solange es keine militärische Forschung ist und die Ergebnisse international »geteilt« werden, um im Cyberslang zu bleiben. Altmodisch hieß das »veröffentlicht«. Speziell im einschlägigen Labor in Wuhan gingen Wissenschaftler der USA ein und aus, kannten also die Situation dort genauestens. Das Wissen um diese Tatsache wird inzwischen geflissentlich aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Und: War da nicht was mit HIV-Tests an freiwilligen Knackis (oder einem Freiwilligen aus einem New Yorker Knast?), die oder der das Virus dann verbreiteten? Gefunden hat man den exakten HIV-Ursprungsort in einer Höhle in Afrika, so hört man jedenfalls aus für gewöhnlich gut informierten Kreisen. Im Dunstkreis bleibt, wie es von dort in den Knast und wieder heraus gekommen ist. Herr Biden sollte seine Geheimdienste lieber mit der Aufklärung dieses Sachverhalts beauftragen.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (28. Mai 2021 um 12:15 Uhr)
      Ja, solche Gerüchte kursierten vor Jahrzehnten ... Ob sie auch stimmen, lässt sich wahrscheinlich nicht mehr nachweisen. Aber jetzt vor allem danke, Marc Püschel! Man kann nur froh sein, dass es die WHO gibt, die sich auf dieses »Ablenkungsmanöver« nicht einlassen will, und darüber, dass es bspw. auch etliche seriöse deutsche Virologen und Epidemiologen gibt, die solche Spekulationen verwerfen. Denn selbst wenn das Virus, trotz aller in solchen Laboren üblichen Sicherheitstandards versehentlich aus einem Labor in Wuhan entschlüpft wäre, was wäre dadurch für die Bekämpfung der Pandemie gewonnen? Zeigt denn auch die Coronapandemie immer noch nicht deutlich genug, wie »Not-wendig« es ist, auf Schuldzuweisungen zu verzichten, und zwar nicht nur im Interesse des Allgemeinwohls, sondern auch im eigenen Interesse, und an einem Strang zu ziehen?
      Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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