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Aus: Ausgabe vom 18.05.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Stress im Arbeitsalltag

Erzieherinnen unzufrieden

Zeitdruck, Mehrarbeit und schlechte Bezahlung: DIW-Studie zur Situation im Sozialwesen
Von Bernd Müller
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»Ist das euer Ernst?«: Erzieher und Lehrkräfte streiken für mehr Lohn (Berlin, 26.2.2019)

Die Jobs sind belastend, die Beschäftigten unzufrieden: Über soziale Berufe wird viel diskutiert, wie etwa die in der Pflegebranche. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie einen weiteren sozialen Beruf unter die Lupe genommen, den des Erziehers. Schwerpunkt war dabei vor allem die Lage der Frauen. Die Forscher sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ihre Arbeit kaum anerkannt wird.

Demnach empfinden acht von zehn Frauen ihr Gehalt als unangemessen. Aber auch Zeitdruck und Mehrarbeit werden als Belastung wahrgenommen, was nach eigener Einschätzung bei drei von vier Erzieherinnen der Fall war. Sieben von zehn gaben an, ihre Arbeit würde von Vorgesetzten wenig anerkannt, drei Viertel sahen schlechte Chancen für den beruflichen Aufstieg.

In der Coronapandemie sei die Belastung vermutlich weiter gestiegen, erklärte Katharina Spieß, die die Studie mitverfasst hatte. Im Verlauf der Pandemie hätten immer mehr Eltern ihren Nachwuchs in die Notbetreuung der Kindergärten und -krippen geben können. In einigen Regionen hätten sich die Erzieherinnen wohl fast um dieselbe Zahl an Kindern gekümmert wie zu normalen Zeiten. Doch gleichzeitig hätten sie darauf achten müssen, dass die Hygieneregeln beachtet werden. Viele hätten sich zusätzlich noch um die eigene Gesundheit gesorgt.

»Fachkräfte im Bereich der frühen Bildung und Betreuung sind nicht nur für Familien, sondern für die gesamte Gesellschaft essentiell«, sagte Ludovica Gambaro, eine Koautorin der Studie. Allerdings spiegele sich das noch immer wenig im Arbeitsumfeld wider. Löhne seien nicht nur deshalb wichtig, weil sie den Lebensstandard beeinflussten, so Gambaro, sondern auch, weil sie zum Ausdruck brächten, wie sehr eine Arbeit geschätzt werde. Die Arbeitszeiten seien ebenfalls teilweise problematisch: Die Hälfte der Erzieherinnen möchte diese zwar nicht ändern, aber mehr als ein Drittel derer, die mehr als 32 Stunden in der Woche arbeiteten, wolle kürzertreten.

Für die Studie hatte das DIW gemeinsam mit dem Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung die Daten des »Sozio-oekonomischen Panels« (SOEP) ausgewertet. Da der Erzieherberuf mit 94 Prozent zum überwiegenden Teil von Frauen ausgeübt wird, lag der Schwerpunkt der Studie auf ihnen. Anhand der Daten ließ sich nicht nur die Arbeitsbelastung untersuchen, sondern auch, wie zufrieden sie mit verschiedenen Bereichen ihres Lebens sind, und es ließ sich ein Vergleich mit anderen Berufen ziehen.

Dabei kamen die Forscher zu zwei zentralen Erkenntnissen: Mit Blick auf ihre Arbeit, ihr Einkommen und ihr Leben seien Erzieherinnen unzufriedener als Lehrerinnen an Grundschulen. Bei der Gesundheit seien sie auf »das vergleichsweise geringe Zufriedenheitsniveau von Krankenpflegerinnen zurückgefallen«, heißt es beim DIW.

Vor allem Fachkräfte mit einem akademischen Abschluss zeigten sich weniger begeistert von ihrer Arbeit als diejenigen ohne akademischen Abschluss, sagte Gambaro. Je länger sie in einer Einrichtung tätig seien, desto stärker sinke die Begeisterung für ihre Tätigkeit. Sie nahm erst bei einer sehr langen Beschäftigung wieder zu.

Einen Ausweg aus der Lage sehen die Studienautoren in höheren Löhnen, in zusätzlichen Möglichkeiten zur Weiterbildung, aber auch in einer Personalpolitik, die sich an den Mitarbeitern orientiert. Dafür müssten aber Bund, Länder, Kommunen und auch die Kitaträger auf lange Sicht an einem Strang ziehen.

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