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Aus: Ausgabe vom 17.05.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Gehört Gewalt zum Fußball?

Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt findet: Irgendwie schon. Wir haben beim Fachmann nachgefragt
Von Maurice Lötzsch
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Keine Eintracht-Hools, das ist Fußball à la »Calcio fiorentino« (2016)

Nach Bundesligaspielen bietet sich normalerweise ein gewohntes Bild: Das Schiedsrichterteam beendet die Begegnung, es gibt Shakehands, Trikots werden getauscht, und unter Normalumständen wird den eigenen Fans für die Unterstützung gedankt. Die dreckverschmierten und entkräfteten Fußballprofis schleichen dann durch die Katakomben in die Kabinen. Wer sich nicht im Zentrum des öffentlichen Interesses befindet, kann sich verdrücken, wer gerade drei Tore geschossen hat oder sonst ungewohnt unterhaltsam antwortet, stellt sich vor die TV-Mikrofone.

So auch Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt, der nach dem Auswärtsspiel in Leverkusen (24. April) dem ZDF Rede und Antwort stehen durfte. Der Österreicher ist bereits mehrfach durch angenehm lockere Aussagen aufgefallen, wohl deshalb darf er auch heute die Fragen des Reporters beantworten. Dass Hintereggers Unbeschwertheit jetzt zum Problem für ihn wird, ist nicht zuletzt einem findigen Mitarbeiter des ZDF zu verdanken. Ein von einem Produktionsbildschirm abgefilmter Videoschnipsel landete im Netz und wurde tausendfach geteilt und kommentiert. Wenn Spieler wie einstmals Oliver Kahn im Adrenalinrausch »Eier« fordern oder wie der Lauterer Spieler Jan Löhmannsröben den Schiedsrichter auffordern, er solle doch »Cornflakes zählen gehen oder so«, schnellt der Puls der Pressesprecher in die Höhe. Solche Aussagen können Public-Relations-Experten nicht mehr glattbügeln, wenn sie einmal im Kasten sind. So auch bei Hinteregger, den das ZDF ins offene Messer rennen lässt, als es ihn auf eine verhinderte Auseinandersetzung von Frankfurter und Leverkusener »Krawallmachern« im Stadionumfeld anspricht. Der verschwitzte Hinteregger konstatiert gelassen: »Die haben sich halt ein bisschen gekloppt.« Und fügt hinzu: »Wenn es beide gewollt haben, dann ist es ja okay.« Der gerade vom Platz gekommene Verteidiger wird zu einem Sachverhalt befragt, den er gar nicht mitbekommen konnte.

»Ich würde das so interpretieren, dass Hinteregger genervt davon ist, Zwischenfälle kommentieren zu müssen, auf die er gar keinen Einfluss hat« erklärt der Politikwissenschaftler Jonas Gabler gegenüber jW, auch wenn er nicht glaubt, dass es sich bei dem Vorfall um eine sogenannte Drittortauseinandersetzung gehandelt hat. »Verabredete Schlägereien, bei denen beide Seiten einwilligen, sich mit einer abgezählten Mannstärke zu messen, finden normalerweise nicht an Spieltagen und in deren direktem Umfeld statt«, analysiert Gabler die verhinderte Schlägerei. »Dann muss man die Situation moralisch anders bewerten: Haben beide Seiten eingewilligt, oder handelt es sich um einen Überfall, bei dem eine Seite nicht darauf vorbereitet ist, mit Gewalt konfrontiert zu werden. Aber das kann der Spieler in diesem Moment gar nicht einschätzen.«

Für Gabler sind die Auseinandersetzungen nur eine Begleiterscheinung und kein Teil des Fußballs: »Wenn sich im Stadtpark zwei Gruppen zum Fußballspielen treffen, wird sich ja auch nicht hinterher geschlagen.« Deshalb sieht er Hintereggers Auffassung kritisch, dass Schlägereien dazu gehören. »Diese Aussage, dass stattfindende Auseinandersetzungen dazugehören, impliziert ein ›das war so, und das darf auch so bleiben‹, das finde ich schon problematisch«, so der Politikwissenschaftler. Obwohl es laut Gabler in den 1920er Jahren bereits dokumentierte Auseinandersetzungen im Umfeld von Fußballspielen gab, waren die letzten 40 Jahre ausschlaggebend dafür, dass der Sport wegen Gewalt in Verruf geriet: »Das Phänomen gibt es ja schon lange und auch abseits des Sports, dass es in männerbündischen Konstellationen zu Gewalttaten kommt.« Diese Gruppendynamiken sind für Gabler besonders interessant, eine moralische Bewertung möchte er indes nicht abgeben. Schlägereien im Fußballumfeld lägen in einem Graubereich. »Wo ziehen wir die moralische Grenze? Wenn sich zwei Leute in einem Käfig schlagen oder wenn es fünf machen, wie auf Teamfighting-Events in Osteuropa?« so Gabler. »Auch professionelle MMA-Kämpfer setzen sich einer potentiellen Körperverletzung aus. Wenn wir das eine verteufeln, sollte man das andere auch kritisch sehen.« Die Einwilligung zur Körperverletzung ist im übrigen nicht so martialisch, wie sie sich anhört – Tätowierer und Piercer beispielsweise begehen laut Gesetz ebenfalls eine verabredete Körperverletzung.

Der »Calcio fiorentino« ist für Gabler ein Beispiel, bei dem die Gewalt zum Fußballspiel dazu gehört. Mannschaften aus den vier historischen Stadtvierteln von Florenz treten in einem Hybridsport aus Fußball und Rugby gegeneinander an. Vornehmlich geht es dabei um das Erzielen von Punkten, dennoch fliegen deutlich häufiger die Fäuste als an Bundesligaspieltagen. »Was da als Foul ausgelegt wird, ist gesundheitlich schon sehr hart an der Grenze«, so Gabler. »Dort schlagen sich die Spieler auch unentwegt, das wird aber als Teil der Kultur angesehen«, bemerkt der Soziologe. Hier dürfe man nicht in Schwarz und Weiß denken.

Auch der Bundesgerichtshof tut sich bei der Bewertung der Schlägereien schwer. »2005 hieß es beim Verbot der ›Hooligans Elbflorenz‹, diese hätten bei ihren Kämpfen im Wald nicht genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen, weshalb es dabei zu einer Straftat der Körperverletzung kam«, erklärt Gabler. »Eine juristische Bewertung kann ich nicht abgeben, dafür sind die Gerichte zuständig. Es ist aber ein Unterschied, ob eingewilligt wird, sich gegenseitig zu verletzen, oder ob Fans in einem Hinterhalt mit Gewalt konfrontiert werden. Deshalb finde ich solche Überfälle problematischer als Dritt­ortauseinandersetzungen, bei denen die Kämpfenden ihr Einverständnis geben. Ich glaube, diese Meinung dürfte auch Hinteregger vertreten.«

Der nahm zu seiner Aussage übrigens nicht noch einmal offiziell Stellung. Der Innenverteidiger wurde von den Vereinsoffiziellen zum Rapport bestellt, eine Geldstrafe oder disziplinarische Maßnahmen blieben aus. Dennoch wird sich Hinteregger in Zukunft wohl zweimal überlegen, was er in ein Mikrofon sagt.

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