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Aus: Ausgabe vom 14.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

Kaputte Aufzüge

Im Mainpark wohnt die Depression: Das neue Album von Haftbefehl
Von Emre Sahin
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Vom Erdgeschoss in die sechzehnte Etage: Haftbefehl hat schlecht geschlafen

Unweit der Bankenmetropole Frankfurt liegt Offenbach am Main, die Stadt mit dem prozentual höchsten Migrantenanteil der BRD. Um die 60 Prozent sollen es sein. Von den Frankfurtern als »armer und hässlicher Vorort« verschrien, hat die Stadt eine Menge zu bieten: köstliche Cevapcici, kämpferische Antigentrifizierungsinitiativen und vor allem Rap. Letzteres ist primär Aykut Anhan zu verdanken, bekannt unter seinem Künstlernamen Haftbefehl. Der Musiker aus der Offenbacher Hochhaussiedlung Mainpark hat Rap auf deutsch »Straße« gemacht, wie man im Slang sagt – also vor allem ­härter und echter. Mit »Das schwarze Album«, seiner neuen Platte, die am 30. April erschienen ist, hat der Rapper dem HipHop hierzulande erneut einen Gefallen getan.

Haftbefehl ist ein Geschichtenerzähler und schafft es in einem »16er«, einer klassischen Rapstrophe aus 16 Zeilen, den Hörer mittels Bildern in seine Situation zu versetzen. Ein gutes Beispiel liefert bereits der erste Song auf dem Album, »Kaputte Aufzüge«: »Der Drecksaufzug ist kaputt, kennst du das, kaputte Aufzüge? / Du liegst grad’ im Bett und hast schlecht geschlafen / Plötzlich platzt deine Schwester ins Zimmer / Weckt dich wie Alarm und stresst hart / Und sagt: ›Die Aufzüge sind kaputt‹ / Mama war beim Supermarkt und Metzger grad’ / Gegenfrage: ›Und ich, ich soll die Tüten jetzt tragen?‹ / Vom Erdgeschoss in die sechzehnte Etage / Ja, genau, plus vier Packs je sechs Flaschen Metzeral / Der Kanak sagt zu seiner Schwester: ›Macht ihr das etwa extra?‹«

Spätestens mit dem Album »Russisch Roulette« von 2014 wurde auch das Feuilleton großer Zeitungen auf Haftbefehl aufmerksam, Die Zeit nannte ihn den »deutschen Dichter der Stunde«. Auch heute wird er für seine »dadaistischen Verse« gefeiert – man könnte auch einfach unkonventionelle oder »freshe« Reimtechnik sagen. Haftbefehls Texte unterscheiden sich von denen vieler seiner Kollegen, da er nicht nur über Frauen, Geld und Drogen rappt, das gibt es leider ebenfalls, sondern auch über Ängste, Depressionen und gesellschaftliche Missstände, wie in dem Song »Leuchtreklame«, der auf dem neuen Album mit seinem Refrain auch stilistisch überrascht.

Dennoch war »Das weiße Album« (2020), der Vorgänger der aktuellen CD, experimentierfreudiger, auch durch die Featuregäste Gucci Mane aus den USA oder Shirin David, eine ehemalige »Influencerin« – ganz gleich, wie man zu den Kollabos stehen mag. Der nuschelige Autotune-Rap, den Hafti auf der Vorgängerplatte in »Hotelzimmer« zeigte, wird nun gleich mehrmals genutzt und klingt nicht beliebig. Auch wenn Haftbefehl in Interviews immer wieder betont, er wolle kein weiteres »Russisch Roulette« machen, hatten alle Nachfolger einen ähnlichen Vibe – zum Glück, muss man sagen. So auch das »schwarze Album«: »Du weißt, dass es Haft ist«, »Wieder am Block« und »Ruff« sind weitere Highlights oder »Bretter«, wie man sagt, auf denen Haftbefehl mit seiner markanten, kräftigen Stimme das ganze Beatpotential ausschöpft. Daneben gehen Featuregäste zumeist unter.

Hängen bleiben Zeilen wie »Wir sind Löwen, und wir fressen Wölfe / Faschos breche ich durch Hälfte« im Song »Kokaretten«, womit er offensichtlich die türkisch-faschistische Organisation der »Grauen Wölfe« meint. Schon in der Vergangenheit hat Haftbefehl, dessen Vater aus der größtenteils kurdisch-alevitischen Stadt Dersim stammte, in Liedern seine prokurdische Haltung demonstriert. Sein Vater, der sich 1999 nach einer Depression das Leben nahm, ist auf dem »Schwarzen Album« jedoch seltener Thema als auf den vorherigen Platten: Auf »Russisch Roulette« und »Das weiße Album« war noch die (überkrasse) Hexalogie »1999« zu finden, in der er vom Jahr seines großen Schmerzes erzählt. Treue Haftbefehl-Hörer wissen, was gemeint ist, wenn er auf dem aktuellen Album rappt: »Wach seit 99, gefühlt seit tausend Wochen« (»Offen/Geschlossen«).

Obwohl Haftbefehl ein Künstler mit außerordentlichem Talent ist, hat sein genialer Produzent Bazzazian wesentlichen Anteil an der enormen Durchschlagskraft seiner Musik; er kreiert mit dunklen Beats den typischen Haftbefehl-Sound. Gemeinsam prägen sie einen harten HipHop, wie man ihn aus den französischen Banlieues kennt, ohne dass er wie eine Kopie wirkt.

Zum dunklen Sound passt auch das Albumcover, das den Kunstwerken des US-Amerikaners Jean-Michel Basquiat ähnelt, der 1988 mit 27 Jahren an einer Überdosis starb. Basquiat beschäftigte sich in seiner Kunst intensiv mit dem Rassismus in den USA und seiner Identität als Schwarzer, er litt ebenfalls an Depressionen. Auch durch Haftbefehls Werke zieht sich der Kampf von Gut und Böse (in seinen Tracks oft in der Symbolik von Engel und Teufel), in dem er sich nach dem Tod seines Vaters wiederfand. 1999 flog er mit 14 Jahren von der Schule, dealte mit Drogen, bekam einen Haftbefehl (daher der Name) und flüchtete ins Ausland. Mit der Musik schaffte er schließlich den Durchbruch, allein schon wegen dieser Biographie gönnt man Anhan den Erfolg.

Chartplätze und Feuilletonisten interessieren ihn jedoch nicht, wie er unlängst in einer Doku des Hessischen Rundfunks erklärte. Lieber wolle er eine »Aykut-Anhan-Allee« in Offenbach, womit er auf eine gescheiterte Petition im vorigen Jahr anspielte, die Bismarckstraße am Hauptbahnhof umzubenennen. Wenn schon nicht die Bismarckstraße, vielleicht ist ja im Stadtteil Nordend was frei, wo derzeit kräftig gentrifiziert und gebaut wird?

Haftbefehl: »Das schwarze Album« (Azzlackz/Universal)

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