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Aus: Ausgabe vom 11.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Den Muttertag überleben

Oder: Probleme der Demokratie
Von Pierre Deason-Tomory
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Wo bleibt das Krug-Bräu? Die Nürnberger Vogelwelt ist wählerisch

Ich habe am Samstag abend auf der Bank vor dem Haus gesessen, mit dem Nachbarn und zwei Flaschen Krug-Bräu. Des Nachbarn Gattin und deren winzige Tochter waren auch da. Und die Frau, die in meiner Familie demokratisch zur Mutter gewählt worden ist. Wer die drei Damen eingeladen hat, weiß ich nicht.

Unser bipolar gestörter Herrgott hatte zum Tag der Befreiung die Monsunstürme unterbrochen und prächtiges Schukowwetter nach Nürnberg geschickt. Die Sonne wärmte mild, der Wind war still, Züge rauschten sanft hinter den gegenüberliegenden Reihenhäuschen vorbei. Das Kleinkind krabbelte hartnäckig der dicken Katze hinterher, die die Ohren anlegte und irgendwann ins Haus flüchtete.

Dann raste ein Polizeiwagen durch die Straße und bildete mit weiteren Einsatzfahrzeugen eine Wagenburg um die heruntergekommene Mietskaserne vorne an der Kreuzung. Das passiert öfter, erklärte mir der Nachbar. In diesem Haus wohnen sehr viele Menschen ohne deutsche Namen. Einige sind Paketboten, sie parken abends ihre Diensttransporter in der engen Straße, was den Reihenhausbewohnern missfällt.

Wir haben über die atemberaubende Entwicklung an der Seuchenfront gesprochen. Die Inzidenzwerte gleiten in Richtung einhundert, überall bereiten sich Einzelhändler und Gastronomen darauf vor, ihre Läden zu öffnen, oder sie haben schon offen. Weimar lag am Wochenende zum ersten Mal seit 31. März unter der Notbremsengrenze, ich werde vielleicht schon am Donnerstag, am Herrentag, um Punkt sechs vor dem Henrys sitzen und dem Holger meinen gefüllten Stammgastkrug aus der Hand reißen. Mit Deckchen unterm Schirm sitzend, bei acht Grad und Dauerregen. Nach acht Bier merke ich eh nichts mehr.

Der Bundesregierung und den Landeskaspern ist jedenfalls zu danken. Sie haben eifrig so lange über Einschränkungen diskutiert, bis die dritte Welle an Altersschwäche verstorben ist. Nachdem sie weitere Tausende mitgenommen hat. Wir dürfen guter Hoffnung sein, dass sie das mit dem Klimawandel genauso gut hinkriegen werden. Egal, welchen Baerbock sie zum Gärtner machen.

Am Sonntag war Muttertag. Die Frau, die in meiner Familie demokratisch zur Mutter gewählt wurde, ist eine strenge Befürworterin des Muttertags. Mit dem Frauentag kann sie nichts anfangen, und so hat sie demokratisch entschieden, dass sie sehr böse wird, wenn man den Muttertag vergisst. Als das das letzte Mal passiert ist, mussten wir alle ohne Abendessen ins Bett.

Also bin ich losgelaufen, um Blumen oder Schokolade zu kaufen. Das hätte ich beinahe nicht überlebt. Als ich unter dem S-Bahnhof Gleißhammer durchlief, tippte ich im Telefon herum, um den Bruder anzurufen und zu fragen, ob ich Blumen oder Schokolade kaufen soll. Dabei wäre ich beinahe von einem Blitzradler umgefahren worden. Ich war sehr erleichtert, als ich plötzlich überlebte, und wir entschieden, dass sie Blumen und Schokolade bekommen soll.

Letzte Woche saß ich morgens beim Kaffee in der Küche und schaute trübe in den verregneten Garten. Die Mutter sagte:

»Det Vojelhäuschen is leer.«

»Dann musst du Futter reintun.«

»Wie denn? Hab keins mehr. Musste ers’ma’ Futter kaufen!«

»Okay. Bringe ich später vom Rewe mit. Welches willst du?«

»Ejal. Nimmst ja doch det falsche.«

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Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (10. Mai 2021 um 22:27 Uhr)
    Ich versteh’ die junge Welt nicht mehr. Wo bleibt die linke Identitätspolitik? Es muss entweder heißen: die Böckin zum Gärtner machen, oder: den Bock zur Gärtnerin. Alles andere ist undemokratisch, rassistisch und politisch inkorrekt. Denkt daran, die Schlapphüte lesen mit (wirklich? Oder liest Alexa vor?), was geschehen kann, wenn das auch an die Öffentlichkeit kommt.

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