1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Juni 2021, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 08.05.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Führer persönlisch unnerschriwwe!

Im Geheimarchiv des DFB
Von Gerhard Henschel
imago0023235159h.jpg
Vier DFB-Größen: Präsident Hermann Gösmann, sein damaliger Vize Hermann Neuberger und die WM-74-Maskottchen Tip und Tap (DFB-Bundestag 1971)

Soeben ist im Verlag Hoffmann & Campe Gerhard Henschels Krimi »SoKo Fußballfieber« erschienen. Ihm ist das folgende Kapitel entnommen, es erscheint mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. (jW)

Ein Durchsuchungsbeschluss, der ihm den Zugriff auf die Zentralverwaltung des Deutschen Fußballbundes gestattete: Ja, wäre nett, dachte Kommissar Gerold, aber er war kein Traumtänzer. Der Frankfurter Staatsanwaltschaft hätte er natürlich erzählen können, dass er die flüchtige Begegnung mit dem Zeugen Onur Lütfi Kasapoglu in Istanbul einem Schmierakel auf der Innenseite einer Spindtür in Casablanca zu verdanken habe … und dass er von Kasapoglu auf ein verdächtiges Dokument im Geheimarchiv des DFB hingewiesen worden sei … aber ebensogut hätte er versuchen können, sich beim Trainer der U-23-Junioren um den Mittelstürmerposten zu bewerben.

Gerold ging anders vor. Er rief beim DFB an, gab sich als Stipendiat der Heidelberger Stiftung für Frauen- und Geschlechterforschung aus und behauptete, dass er an einer Doktorarbeit über die Mutter des ersten deutschen Reichstrainers Otto Nerz arbeite und gern ein paar alte Akten einsehen wolle. Damit gewann er das Herz einer Öffentlichkeitsmitarbeiterin, die ihn ans DFB-Geheimarchiv weiterverband.

Vor Begeisterung über Gerolds Anfrage ging der dort amtierende Fachidiot Balthasar Hannappel fast an die Decke, denn er war sonst immer mutterseelenallein mit seinen Schätzen und lechzte danach, sie endlich einmal jemandem vorzuführen.

Das Geheimarchiv war im zweiten Tiefgeschoss der DFB-Zentrale untergebracht. Als Gerold dort eintraf, begrüßte ­Hannappel ihn mit einem wohlgefüllten Bembel. Die Gläser nannte er »Schoppe«, und während er einschenkte, gab er sich als Bildungsbürger zu erkennen. »Trink ’n aus, de Trank der Labe, unn vergess de große Schmerz!« sagte er. »Kenne Se des? Is vom Friedrisch Schiller. Unn en hessischer Dischter hot mol gereimt: Der Ebbelwoi löscht unsern Dorscht – was annern trinke, is uns worscht! Des kann isch bloß unnerschreiwe. Unn Se hoffentlisch aach, mein Herr. Greife Se zu! De losse mer uns jetz schmegge. Ei Guude!«

Zur Feier des Tages hatte Hannappel sich seine eleganteste Fischgrätschleife umgewürgt. Er war fest entschlossen, die bevorstehende Archivführung von der ersten bis zur letzten Sekunde auszukosten. Da er scharf aufs Rentenalter zuging, konnte dies die einzige noch verbleibende Chance sein, den Sesam für einen Besucher zu öffnen. Geistig war Hannappel leider schon seit einer ganzen Weile nicht mehr auf der Höhe, aber körperlich stand er noch gut im Saft, was sich auch darin zeigte, dass er vom Doppelkinn aufwärts eine frappante Ähnlichkeit mit dem fülligen christdemokratischen Politiker Peter Altmaier aufwies.

Durch den Stahltürrahmen neben Hannappels Schreibtisch konnte Gerold zwei hohe, überbordend beladene Regalreihen und einen Schaukasten mit historischen Fußballwimpeln sehen. Eigentlich wollte er ja nur das Dokument Nummer 38/b 644 Zaq 013 abfischen, aber nun wuchs seine Neugier, und weshalb sollte er dem alten Mann nicht den Gefallen tun, seine Souvenirs zu bestaunen?

Nach dem Umtrunk schritt Hannappel hurtig voran. Sein eisgraues Haarkleid bebte, als er anhub: »Do vorn stäje bloß die Ordner mid de iwwerhöhde Spese­abrechnunge der leddsde väzzisch Joah. Inneressant wird’s erschd im zweide Goang. Doa kenne Se die Tonbänder mid de ­Geheimabsprache bewunnern, die unser Herr Präsident Hermann Gösmann in de frieje Siebzischern mim DFB-Kontrollausschuss getroffe hot, um de Bundesligaskandal zu bemäntele. Se wisse schunn, die Beschdeschungsgelder, mid dene seinerzeit die Spielergebnisse manipuliert worn sinn …«

»Und was ist das hier Schönes?« fragte Gerold.

»Ouh, des is die private Fotoalbesammlung vonn unserm Herrn Präsidente Hermann Neubäjä, der uff de Herrn Gösmann gefolscht is. Die hot er testamentarisch dem DFB vermacht, damit se nedd in falsch Händ gerät.«

»Darf ich mal reinkucken?«

»Awwer sischer doch! Fühle Se sisch wie dehaam!«

Gerold zog eines der Alben heraus und stieß darin sofort auf reiches Anschauungsmaterial. Der nachmalige DFB-Chef Hermann Neuberger als pausbäckiger Pimpf … Neuberger in einer Hauptmannsuniform der Wehrmacht … Neuberger als ein schon merklich besser gepolsterter Jungredakteur der Zeitschrift Sport-Echo in Saarbrücken …

Aus einem anderen Album lachten Gerold viele farbenfrohe Wirtschaftswundergesichter entgegen, mit denen Neuberger sich umgeben hatte, sei’s beim Wiener Opernball, bei den Bayreuther Festspielen, beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg oder andernorts: der stramm herausgefütterte Emporkömmling Franz Josef Strauß von der CSU, der Kriegsverbrecher Friedrich Flick, der dralle Hendl-König Friedrich Jahn, der Bankier Hermann Josef Abs, der sich mit Arisierungen eine goldene Nase verdient hatte, die aufstrebenden Großverleger Franz Burda und Axel Springer sowie ungezählte andere feine Herren. Es war nicht zu übersehen, dass Neuberger in den höchsten Kreisen verkehrt hatte.

Zwischen all den Kommerzialräten, Modezaren, Erzbischöfen, Magnifizenzen, Generaldirektoren und sonstigen Spitzenkräften erkannte Gerold auch Hans-Ulrich Rudel, einen von Adolf Hitler hochgeschätzten Kampfpiloten, der nach seinem zweitausendsten Einsatz mit der Frontflugspange in Gold mit Brillanten geehrt worden war. Den alten Nazi Rudel hatte Neuberger 1978 in Argentinien ins WM-Trainingslager der deutschen Mannschaft eingeladen und die Kritik daran mit den Worten zurückgewiesen, dass sie einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleichkomme.

»Komme Se mid«, sagte Hannappel. »Do gibt’s noch veel mäj zu säje!«

In einem Nebengelass hing ein Ölporträt von Felix Linnemann, der den DFB durch die großen Jahre des Dritten Reiches geführt und sich nebenher um die Deportation von Sinti und Roma verdient gemacht hatte. In dem Gemälde posierte er in der Uniform eines Standartenführers der SS. Die anderen drei Wände waren mit Hakenkreuzfahnen und einer auf Büttenpapier der Sorte Alt-Nürnberg gedruckten Urkunde dekoriert.

Hannappel winkte Gerold herbei. »Säje Se ruisch mol genauer hie. Dess Diplom doa hot de Führer persönlisch unnerschriwwe! Dorin bescheinischt er Herrn Peco Bauwens, der de DFB dann später prakdisch dorsch die ganz Adenauerzeit geleided hot, dass er vonn aner reinrassisch arische Abstammung is. Also, doa streift ein doch faschd der Mantel der Zeitgschischt, odder nedd?«

Das sei alles ungemein sehenswürdig, stellte Gerold fest, und dann hätte er gern die Frage nach dem Dokument angeschnitten, das er brauchte, doch bevor er dazu kam, klingelte das Festnetztelefon im Archivbüro.

»Bidde korz um Entschuldischung«, sagte Hannappel und enteilte. »Gugge Se sisch getrost weider um! Isch bin glei zurick …«

Gerolds Blick blieb an einer Vitrine hängen, in der kleinere Erinnerungsstücke aufgebahrt waren: eine »Germanische Leistungsrune in Bronze«, ein »SS-Ehrenring«, eine »Sudetenland-Medaille« und ein knopfförmiges »NSDAP-Sympathieabzeichen«. Man konnte dem DFB vieles vorwerfen, aber gewiss kein gebrochenes Traditionsbewusstsein.

imago0092557990h.jpg
Die deutsche Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen England bei den Olympischen Spielen (Berlin 1936)

»Jawoll, Herr Präsident!« hörte Gerold den Archivleiter rufen. »Zu Befehl! Wärd gemacht! Kaa Problem!«

Einen Augenblick später kam Hannappel wieder angetrabt. »Isch bin untröstlisch«, sagte er mit einer wahren Leichenbittermiene, »awwer mär hot misch groad wisse losse, dass dieser Besischtigungstermin uff de Stell abgebroche werrn muss. Glaawe Se merr, mein liewer Herr, ’s duud mer unendlisch laad! Sie ahne joh nedd, wie viele Preziose isch Ehne noch hädd zeische kenne! Doa täte Ehne die Ohrn schlackern. Druff gebe isch Ehne Brief unn Sieschel! Awwer jetz muss isch Sie leider nausbegleide …«

»Könnten Sie mir nicht vorher noch eben ein letztes Dokument zeigen? Es hat die Archivnummer achtunddreißig Schrägstrich b, sechs sechs vier, groß Zett, klein a, klein q, null eins drei.«

»Lossese misch mol nochdenge … Isch glaab, des müsst bei de jüngere Arschivs­ache stäje, hinne in dem Trakt, der erschd vor wenige Woche nai ohgericht worn is. Wann mer uns beeile, schaffe mer des vielleischt noch. Dafeer muss isch allerdings erschd moi Daschelamp hole, weil in dem Bereisch doa des Deckelischt nedd funkzioniert …«

Diese Verzögerung war eine zuviel. Während Hannappel noch in einem Rollcontainer nach der Taschenlampe kramte und wertvolle Zeit verstrich, kam Florian Fußbroich ins Archiv geplatzt, ein rundlicher Vertreter der DFB GmbH. Er schrie Zeter und Mordio, als er Gerold erblickte: »Wat han Se hee zo söke? Dat es Hausfriedensbruch! Hee ston Akte met sensible Inhalte! Do kann nit Hans un Franz anspazeere kumme un erömschnüffele!« Der arme Mann, der aus Köln zu stammen schien, war puterrot im Gesicht.

»Er hot sisch doch bloß mol äwe korz umsäje wolle«, warf Hannappel mit schwacher Stimme ein. »Unn im übrische schreibt er anem Buch iwwer die Fraa Mudder vom verstorbene Herrn Präsident Nerz. Des kann doch wohl nedd so schlimm soi …«

»Esu? Dann wäde isch Ihne sage, wat schlimm es! Här Präsident Glattschnigg hät vör drei Minutte knallfall erfahre, dat Se hee en eijener Regie en Dach dä offene Döör zelebreere! Un vör zwei Minutte hät hä mir zo kontrolleere befelle, ov Se dä Endringling erusjeschmisse han. Ävver Se ston hee jetz noch immer met im eröm! Sin Se dann vum Wahnsinn umjubelt oder wat?«

»Noa«, sagte Hannappel. »Wie gesacht … Isch habb dem Herrn bloß e bissi bei seiner Studie iwwer die Fraa Mudder vum Herrn Präsident Nerz behilflisch soi wolle. Nix weider.«

»Un woröm bezeichne mir uns Jeheimarchiv dann als Jeheimarchiv? Falls Se et noch nit jewusst han sollten: Dä springende Punkt bei Jeheimarchive es dä, dat se jeheim sin!«

»Die Kleinodien, die Sie hier aufbewahren, wären aber auch für eine breitere Öffentlichkeit von Interesse«, sagte Gerold, um Hannappel eine kleine Freude zu machen.

»Se han he üvverhaup nix zo melde!« fuhr Fußbroich ihn an. »Schere Se sisch zem Deuvel! Un wann Se sisch hee noch eimol blecke looße, rof isch de Polizei! Dat es ming voller Äänz! Na loss! Op wat waade Se noch? Ausführung!«

Infolge dieser Entwicklung der Dinge sah Kommissar Gerold sich dann doch dazu genötigt, beim Leitenden Oberstaatsanwalt in Frankfurt vorzusprechen und ihm zu erläutern, aus welchen Gründen es unumgänglich sei, das Geheimarchiv des DFB zu durchsuchen.

Der Oberstaatsanwalt, ein gesetzter Herr von Ende fünfzig, stellte die Rückfrage, wer dieser Onur Lütfi Kasapoglu denn sei.

»Weiß ich auch nicht«, sagte Gerold. »Aber ich hab das Gefühl, dass wir ihm vertrauen können, und dem Tipp, den er mir gegeben hat, sollten wir unbedingt nachgehen.«

»Und auf Herrn Kasapoglu sind Sie gekommen, weil sein Name an dieser Kleiderschranktür in Casablanca gestanden hat?«

»Ja. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe.«

»Und auf diese Tür sind Sie gekommen, weil sich der Schlüssel dazu in der Hinterlassenschaft des Herrn … wie hieß er noch?«

»Boberaitis.«

»… des Herrn Boberaitis befunden hat, der in Greetsiel bei einem Fahrradunfall explodiert ist. Habe ich die Fakten insoweit korrekt zusammengefasst?«

So wird das nie was, dachte Gerold. Doch was sollte er tun? Er wusste selbst, wie unglaubwürdig das alles klang.

»Es wird Sie kaum verwundern, dass Ihre Ausführungen mich nicht völlig überzeugen«, sagte der Oberstaatsanwalt und zeigte ein diabolisches Lächeln. »Aber heute ist Ihr Glückstag, Herr Kommissar. Es sind neue Diskrepanzen in den Steuerunterlagen des in Rede stehenden Verbandes ans Licht gekommen. In einer halben Stunde werden fünfhundert Einsatzbeamte eine Razzia auf die DFB-Zentrale veranstalten, und Sie dürfen sich da gern anschließen.«

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von
Hamburg. Das frühere Mitglied der Titanic-Redaktion ist Autor mehrerer Romane – etwa »Die Liebenden« (2002), »SoKo Heidefieber« (2020) – sowie zahlreicher Sachbücher. Er wurde unter anderen mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis, dem Nicolas-Born-Preis und dem Georg-K. Glaser-Preis ausgezeichnet. Jeden zweiten Montag schreibt Gerhard Henschel für jW die Sprachkritikkolumne »Reden ist Silber«

Gerhard Henschel: SoKo Fußballfieber. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021, 303 Seiten, 18 Euro

. Copyright © 2021 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Mehr aus: Wochenendbeilage