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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 8 / Inland
Hass und Hetze bei Facebook

»Anscheinend stehen kritische User auf Listen«

Facebook reagiert auf Meldungen von rechter Propaganda mit Sperrung von Hinweisgebern. Ein Gespräch mit Josefina Bajer
Interview: Conrad Wilitzki
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Hass im Netz nimmt während der Coronapandemie weiter zu (Symbolbild)

Sie befassen sich mit sogenannten Hasskommentaren auf Facebook. Was war bisher Ihr schlimmstes Erlebnis auf der Plattform?

In der AfD-nahen Nutzergruppe »Stadt Teltow und Umgebung« veröffentlichte ein User die Adresse eines afghanischen Flüchtlings, dem eine Vergewaltigung unterstellt wurde. Bei dem Hetzer handelte es sich um einen ehemaligen Polizisten, der das neurechte Symbol der »Thin Blue Line« aus den USA benutzte. Als ich ihn kritisierte, solidarisierte sich eine Nachbarin von mir mit ihm, was mich sehr ängstigte. Ich klärte sie später über das Symbol und die Ideologie dahinter auf.

Sie haben zum Thema eine »kleine Studie mit spezifischem Fokus« durchgeführt. Was bewegte Sie dazu?

Im vergangenen Jahr bemerkte ich eine politisch gewollte Verschiebung der Diskurskultur. Als im März 2020 die Pandemie ausbrach, war die Öffentlichkeit wie erstarrt. User fanden sich wie hier in Teltow zu Nachbarschaftshilfen zum Umgang mit den Hygienemaßnahmen zusammen. In den Folgemonaten drehte sich der Wind: Neurechte Gruppen wie Pegida und AfD, aber auch Verschwörungsideologen meldeten sich im großen Maßstab zu Wort. Plötzlich herrschte gerade auf Facebook Hetze und Desinformation.

Wie stark die Rechten auf Facebook sind, ist mittlerweile bekannt.

Ich kannte bereits eine Gruppe auf Facebook, Demokraten verschiedenster Couleur, die Rechte beobachten und politisch bekämpfen. Hieraus entstand eine kleine Gruppe von etwa 50 Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten: Facebook löschte nicht etwa Hasskommentare und sperrte Hetzer, sondern die, die Kommentare meldeten oder Hetzer kritisierten, wurden gesperrt. Wir bereiteten deshalb eine kleine Erhebung über drei Monate vor.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ab Anfang Dezember meldeten 65 Personen mit Hilfe von Screenshots Hasskommentare und unsachmäßige Sperrungen. Das waren bis Ende Februar 70 Meldungen. Insgesamt wurde praktisch jeden Wochentag mindestens ein Vorfall von Hass und Hetze, von unangemessenem Sperren und Nichtlöschung von rechter Propaganda bei Facebook gemeldet.

Und wie wurde darauf reagiert?

Leider erwartungsgemäß. Hasskommentare blieben stehen, Gegenkommentare wurden teilweise gelöscht. Hetzer wurden nicht gesperrt und statt dessen ihre Melder. Es verstärkte sich der Eindruck, dass User, die besonders oft kritisch gegenüber Hetze agieren, anscheinend bei Facebook auf Listen stehen und gerne gesperrt werden. Wir mussten befürchten, dass unsere gesamte Gruppe gesperrt wird.

Wie erklären Sie sich das?

Entweder die programmierten »Crawler« suchen nach den falschen Begriffen, oder die Löschteams sind nicht richtig geschult. Weder Algorithmen noch Mitarbeiter verstehen offenbar die Kontexte der Kommentare. Oder aber – das wäre das Schlimmste – die Löschteams sind von Rechten unterwandert.

Was glauben Sie, inwiefern sind dem Facebook-Konzern seine Macht und Verantwortung bewusst?

Die beeinflusste US-Wahl 2017 hat gezeigt, wie gut Facebook um seine Macht Bescheid weiß. Über die Hälfte der BRD-Bevölkerung ist angemeldet. Wir User sind jedoch nicht nur die Ressource, sondern auch die Basis der Plattform. Entsprechend müssen wir die freie Meinungsäußerung dort schützen, die Rechtsstaatlichkeit einfordern. Der Maßnahmenkatalog des Bundeskabinettsausschusses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus vom 25. November ist ein guter Anfang dafür.

Sie weisen nicht nur auf Meldemöglichkeiten des Bundes hin, sondern auch auf Möglichkeiten wie die Internet-Beschwerdestelle. Was raten Sie Nutzerinnen und Nutzern darüber hinaus?

Als Angegriffene können sie sich Hilfe und Unterstützung durch Projekte wie »Hate Aid« oder »Anstand digital« holen. Als kritische User können sie von der Facebook-Gruppe »#ichbinhier« lernen, wie man in Auseinandersetzungen versachlichend einwirken kann. Übrigens sollten auch die Medien ihren Teil dazu beitragen, dass ihre geteilten Artikel nicht hetzerisch kommentiert werden. Wir alle leben in der Gesprächskultur, die wir einfordern.

Josefina Bajer ist Kulturwissenschaftlerin aus dem brandenburgischen Teltow

kurzelinks.de/OffenerBriefFacebook

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen ( 7. Mai 2021 um 03:27 Uhr)
    Ja, das kann ich leider bestätigen, Benutzer in sozialen Netzwerken, die rechtsextreme Hassrede und Rassismus kontern und melden (und ich spreche hier nicht von der Verwendung des N-Wortes, was manch einer als harmlosen Verstoß gegen politische Korrektheit abkanzeln könnte, sondern von Kommentaren à la man müsse Angehörige dieser oder jener Bevölkerungsgruppe aufhängen oder vergasen oder offener Naziverherrlichung), wird man offenbar auch mal gerne als »Störenfried« wahrgenommen, so dass es dann aus Betreibersicht sinnvoll erscheinen kann, einfach den Störenfried rauszuwerfen, anstatt Hunderte gemeldeter Hasspostings durchzugehen. Dabei macht man eigentlich die Arbeit, die die Moderatoren auf Facebook und Co. selber machen müssten. Und ja, natürlich kommt hinzu, dass diese Teams selbstverständlich keine Antifaschisten sind und wenig bis null Ahnung haben von der Materie, will heißen: Hakenkreuze sind noch offensichtlich, da wird eingeschritten, aber wenn Leute z. B. Portraits von Uwe Böhnhardt posten, dem rechtsextremen NSU-Mörder, und damit eine klare rechtsextreme, gewaltverherrlichende, menschenverachtende und auch drohende Botschaft senden, bleibt das in der Regel stehen, weil es zu »subtil« ist, und weil der Moderator höchstwahrscheinlich nicht mal weiß, wer das ist. Es ist zweischneidig, man muss die Plattformen eigentlich boykottieren, aus vielerlei Gründen, andererseits bieten sie auch Vorteile und Nutzen, und man kann natürlich meinen, dass man den Rechten den Boden dort nicht einfach überlassen sollte.

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