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Aus: Ausgabe vom 07.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Im Büro war es lustiger

Skurrile Sitcom: J. J. Voskuils Roman »Die Mutter von Nicolien«
Von Enno Stahl
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Schleichende Umnachtung: Eine Bewohnerin eines Pflegeheims in Düsseldorf

Wem die 5.555 Seiten von J. J. Voskuils Kultbuch »Das Büro« noch nicht reichen, der oder die kann nun auf ein Spin-off zurückgreifen, wiederum trefflich übersetzt von Gerd Busse: »Die Mutter von Nicolien« schildert die Chronik der Demenzerkrankung von Maarten Konings Schwiegermutter. Dieser Maarten Koning ist ein unverhohlenes Alter Ego des Autors selbst, der sich in seinem Opus magnum »Das Büro« die Last seines Arbeitslebens von der Seele schrieb.

Der nun erschienene Ableger ist, das muss man sagen, nicht von derselben Qualität wie »Das Büro«, obwohl der Roman in Stil und Schreibweise ebenso verfasst ist: kurze Szenen wie in einer Sitcom aneinandergereiht, die Sprache ultrareduziert, kein Wort zuviel. Doch der »Mutter von Nicolien« fehlt eben die oszillierende Atmosphäre des Arbeitskontexts, des Büros, die vielen kleinen Intrigen und bösen Bemerkungen, die irren Anwandlungen irgendwelcher Mitarbeiter. Die wenigen Stellen, in den Gestalten auftreten, die man aus Voskuils Hauptwerk kennt, gehören gleich zu den interessantesten, weil hier sofort wieder bekannte subkutane Stimmungen mitschwingen.

Das Buch schildert oft recht skurrile Situationen, die sich aus der fortschreitenden Verwirrung der Schwiegermutter ergeben. Das entbehrt trotz aller Tragik durchaus nicht des Witzes. Die merkwürdige Beziehung des Ehepaars Koning – Misanthrop trifft auf Kratzbürste, eines der Highlights des »Büro«-Zyklus –, spielt hier erneut eine Rolle. Nicolien geriert sich häufig sehr bizarr. Voskuil hat hier, wie es seiner erklärten Realismusvorstellung entspricht, seine Gemahlin zum Vorbild genommen, und es nimmt Wunder, wieso diese nicht gegen ihre überaus negative Darstellung rebellierte.

In »Die Mutter von Nicolien« tritt sie oder ihr literarisches Pendant jedenfalls wieder genauso auf, wie in »Das Büro« – mit unerklärlichen Verhaltensweisen und Ausbrüchen, etwa wenn sie sich, so sehr sie sich auch sonst um ihre Mutter sorgt, beharrlich weigert, diese auf eine Beerdigung im Familienkreis zu begleiten. Oder ihr Wutanfall, als Maarten plötzlich die Grippe bekommt, wo doch gerade die Mutter zu Besuch ist, sie sich also alleine mit ihr beschäftigen muss: »›Das meinst du doch nicht im Ernst, dass du krank bist? Gerade jetzt, wo Mutter da ist.‹ (…) ›Ich kann es wirklich nicht ändern‹, entschuldigte er sich, ›ich fühle mich hundeelend.‹ – ›Selbstverständlich kannst du es ändern! Das kommt natürlich von den Schnäpsen! Woher sollte es sonst kommen?‹«

Mehr noch als im »Büro« gewinnt man den Eindruck einer doch sehr subjektiven Wahrnehmung des Ehegeschehens aus Sicht des Mannes, der sich stets redlich bemüht, es der Frau recht zu machen, was aber nicht honoriert wird.

Ansonsten ist das Buch vor allem ein »Memento Mori«, ein regelrechtes Tagebuch des Verfalls, die einzelnen Abschnitte sind jeweils datiert. Es beginnt am 1. Juli 1957 und endet mit der Beerdigung der Mutter am 14. April 1985. In der Anfangsszene kommt Maarten von seinem ersten Arbeitstag im »Büro« zurück und wird von Nicolien und ihrer Mutter empfangen. Hier ist alles noch ganz normal, er versteht sich offensichtlich gut mit der Schwiegermutter. Dann jedoch nimmt die Krankheit schleichend ihren Lauf, erst kommt es zu kleineren Ausfällen, nachher erlebt die Mutter immer öfter Phasen der Umnachtung, das Gedächtnis setzt mehr und mehr aus. Zunächst werden ihr die Sachverhalte noch klar, wenn die beiden ihr Erinnerungsstützen geben. Später fragt sie Dinge und hat die Antwort wenige Minuten darauf schon wieder vergessen, fragt erneut. Gerade durch die relative Sachlichkeit von Voskuils Bericht stellt sich das als ein durchaus anrührendes Krankheitsporträt dar. Im minutiösen Verlaufsprotokoll erkennt man Kontinuitäten, lichte Momente wie forcierte Krankheitsabschnitte. Im ganzen aber geht es nur bergab. Mehrfach verschwindet die Schwiegermutter, Maarten und Nicolien hetzen durch die Stadt, um sie wiederzufinden. Irgendwann gibt es keine Alternative mehr zur Unterbringung in einem Pflegeheim.

Für Voskuil/Koning, diesen großen Fatalisten, bietet das ausreichend Gelegenheit, die Heruntergekommenheit der Welt zu konstatieren: »Widerwillig betrachtete er die Gesichter um sich herum und stellte, nicht zum ersten Mal, fest, dass unser Herrgott wenig Grund hatte, sich an die Brust zu klopfen.« Eine Animationseinheit im Altersheim wird für Koning zu einer regelrechten Totenparty, Betreuer singen mit den gebrechlichen Gestalten »Lieder, die er schon in der Grundschule gelernt hatte, ein Zeichen dafür, dass er seiner letztendlichen Bestimmung bereits ziemlich nahe war.« Die Geschichte der Schwiegermutter ist also ein vorweggenommener Blick in den Spiegel. Da war es im Büro wirklich etwas lustiger.

J. J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021, 250 Seiten, 23 Euro

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