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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Medien

Ich glotz’ den Stream

Ein Plädoyer fürs Fernsehen
Von Jakob Milzner
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Glotzen kann auch anspruchsvoll sein: Ein britischer Reitsportenthusiast schaut das Royal Ascot (Juni 2020)

Der streamende Mensch von heute läuft ein Stück aufrechter durch die Welt als noch sein Vorläufer, der fernsehende Mensch, dessen beklagenswertes Dasein, eingepfercht in die engen Grenzen des TV-Programms, durch Onlinevideos befreit und auf eine neue Bewusstseinsstufe gehoben wurde. Wer streamt, geriert sich damit als selbstbestimmt rezipierende Person, die den TV-Gewohnheiten der tumben Fernsehgesellschaft abgeschworen hat und nun zielstrebig und cineastisch geschult die Perlen aus den gewaltigen Angeboten der verschiedenen Plattformen im Internet herauspickt.

Denn im Vergleich zum Schnitzel-und-Pommes-12,90-Euro-Menü des traditionellen Fernsehabends locken uns diese mit mannigfaltigen Köstlichkeiten aus aller Damen und Herren Länder. Dem Connaisseur ist nichts zu schwör: Wie wäre es heute mit einem Nouvelle-Vague-Film auf Mubi oder vielleicht dem letzten Cannes-Gewinner oder Oscar-Sieger auf Netflix? Die preisgekrönte Dokumentation über Höhlenmalereien in der Arte-Mediathek ist auch noch offen. Oder dieses norwegische Experimentaldrama aus den 70ern?

»Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier«, sang Nina Hagen einst in »Ich glotz’ TV«. Eine Situation, die den Streamenden von heute nicht ganz unbekannt sein dürfte. Wann haben Sie sich das letzte Mal durch die endlosen Listen von Onlinefilmen gescrollt, alles so schön bunt hier, und dabei mehr Zeit mit dem Aussuchen als mit dem Anschauen eines Films verbracht?

Für ein ähnliches Verhalten existiert ein weithin akzeptierter Ausdruck: »Zappen, das«, womit umgangssprachlich das rasche Umherschalten zwischen Fernsehkanälen beschrieben wird. Zappen geht also (1) mit einer sehr niedrigen Loyalität gegenüber einzelnen Sendungen einher, zeichnet sich (2) eher durch eine pragmatische als durch eine wertschätzende Haltung den rezipierten Inhalten gegenüber aus und führt (3) häufig dazu, zwar Ausschnitte von vielem, aber nichts komplett gesehen zu haben. Ähnlich nonchalant gestaltet sich heute oft das Durchklicken von Filmlisten im Internet, das Anfangen von Videos und allzu schnelle Sich-frustrieren-lassen und Weiterschalten beziehungsweise -klicken.

Trotzdem von »Streamen« und nicht von »Fernsehen gucken« zu reden, ist technisch natürlich korrekt. Denn die Nutzung audiovisueller Medien allein macht uns noch nicht zu Fernsehenden. Und der enorme Gewinn, sich nicht mehr der höchst zweifelhaften Auswahl einer beschränkten Zahl von Fernsehsendern ausliefern zu müssen, noch dazu gebunden an einen ganz bestimmten Zeitpunkt, soll hiermit nicht bezweifelt werden.

Dennoch hin und wieder von »Fernsehen gucken« zu reden, wahlweise auch von »glotzen«, wäre aber angesichts der Passivität vieler Streamingmomente ein Eingeständnis der eigenen Unachtsamkeit. Und wieviel selbstbestimmter als das vielbesungene Binge-watching war es, als wir noch Videotheken aufsuchten, um uns genau einen einzigen Film auszuleihen und diesen am nächsten Tag wieder zurückzubringen?

Aus den hyper-woken Weiten des Internets zurück auf die Couch – vielleicht würde uns das auch ein wenig vom allgegenwärtigen Geist der digitalen Selbstoptimierung kurieren.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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