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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Nike im Karton

Auf dem Strafplaneten: Judith Hermanns zweiter Roman »Daheim«
Von Ken Merten
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Vor Schmerz betäubt: Judith Hermann lässt ihren Figuren keinen Ausweg

Das Stadtleben hat seine Vorzüge eingebüßt, heißt es derzeit. Es hatte nie welche, sagt Judith Hermann mit ihrem neuen Roman »Daheim«, und im Gegenzug hat die Provinz auch nichts hinzugewonnen. Die meistgefeierte deutsche Kurzgeschichtenautorin hat wenig Blumen bekommen für ihr Romandebüt »Aller Liebe Anfang« (2014). Statt sich aus der Langprosa zurückzuziehen, schreibt sie noch ein Buch, das den Rückzug verhandelt. Damit ist sie nun für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die 47jährige Ich-Erzählerin in »Daheim« ist aufs küstennahe Land gezogen. In der Stadt hatte sie nichts mehr zu suchen. Tochter Ann ist ausgezogen und dauernd verreist. Von deren Vater Otis hat sie sich kürzlich scheiden lassen. Der ist nicht nur ein Messie, sondern hat auch noch allerlei Richtigstellungen gesammelt, die die unzuverlässig oder eher: lückenhaft Erzählende korrigieren und ergänzen.

Denn der Roman beginnt mit einem Rückblick: 30 Jahre zuvor arbeitet die namenlose Erzählerin in einer Zigarettenfabrik, wo sie stumm die Lippen bewegt, während die Kolleginnen sich mittags mit »Mahlzeit!« grüßen. Feierabends tut sie alleine nichts und mit anderen noch weniger. Abends an der Tanke ein Eis Moskauer Art zu holen, ist das einzige, was an eine soziale Interaktion heranreicht. Bei der Gelegenheit spricht sie ein alter Mann an, der sich als Zauberer entpuppt und sie mitnehmen will auf eine Kreuzfahrt nach Singapur: als Frau, die zersägt wird.

Nachvollziehbarerweise tritt sie die Reise nicht an, bleibt doch weitgehend offen, ob der Alte sie für die Show und nur zum Schein in eine Kiste packt und zersägt, oder ob sie damit rechnen muss, von einem Psychopathen verschleppt und versehrt zu werden. Doch die berechtigte Scheu passt zu ihrer Aversion gegen Menschen, hinzu kommen Anzeichen von Paranoia. Die manifestiert sich Dekaden später, als die Erzählerin dorthin zieht, wo ihr Bruder eine Gastronomie betreibt. Während sie dem sich gehenlassenden, unglücklich Verliebten unter die Arme greift, fürchtet sie sich nachts. Urbane Einsamkeit ist sie gewöhnt, nicht aber alleine in einem Haus zu leben. Schutzsuchend lässt sie sich auf eine Notgemeinschaft mit der einheimischen Mimi ein und auf eine unfreundliche »Freundschaft plus« mit deren Bruder Arild.

Jede von Hermanns Figuren ist bis zur Hermetik ummantelt. So wie man es aus ihren stilistisch in der Tradition von Raymond Carver stehenden Kurzgeschichten kennt, umgeben jede Figur Schichten von A wie Agonie, bis Z wie Zynismus. Antisoziales Verhalten rührt in »Daheim« daher, dass es dort Weltgesetz ist. Wenig zeigt an, dass die Charaktere nicht aus einer Laune heraus oder naturgegeben voneinander fernbleiben wie gleichgepolte Magnete. Zu dem wenigen gehört die Geschichte der unnahbaren Nike, die Angebetete des 40 Jahre älteren Wirts, die als Kind von der Mutter bei geringster Fehlleistung in eine Holzkiste gesperrt wurde. Ihr Name ist das einzige, was auf einen Sieg verweist. Für ihre Verweigerungshaltung muss sie teuer bezahlen. Auch das lärmende Tier, das der Erzählerin nachts solche Unruhe bereitet, soll in eine kistenförmigen Falle tappen, ehe man es »mas­sakrieren« will.

»Daheim« trägt deutlich Judith Hermanns Handschrift, und das nicht nur wegen der Namen ihrer Figuren, die die Autorin wie stets von den Namensschildern der Baristas im nächstbesten Hipstercafé abgelesen hat. Das Morbide an ihren Texten ist, dass sie Menschen in dauerhaftem Unbehagen zeichnet und ihnen keine Spur legt, wo ein Ausbruch möglich wäre. Sie zwängt sie zum Zersägtwerden in einen Kasten und verkauft dann als Zaubertrick, wenn sie vor Schmerz betäubte Menschen präsentiert. In Hermanns Welt geht der Mensch mit allem o. k., was ihm angetan wird, und bleibt stets abseits der Klassen, – »nicht zu den einen und nicht zu den anderen« gehörig, wie Otis in bezug auf seine Exfrau feststellt, und damit alle Insassen des Hermannschen Strafplaneten beschreibt. »Daheim« ist ein Stück Schauerbiedermeier.

Judith Hermann: Daheim. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, 192 Seiten, 21 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael K. aus München ( 3. Mai 2021 um 08:48 Uhr)
    Das soll eine Literaturkritik sein? Die Protagonisten bleiben in ihrer Situation gefangen und bekommen keinen Ausweg aufgezeigt? Ist das Aufgabe von Literatur? Verpflichtend? Es kommen keine Klassenkonflikte in der Belletristik vor: Ist das wohl Pflicht für gute Lektüre? Gegenüber diesem Artikel ist sogar das Feuilleton der Zeit bodenständig.

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